Lonnerstadt

Große Aufregung um Sektenkinder

Erlangen - Seit Jahren lebt eine Familie im mittelfränkischen Lonnerstadt nach den Regeln einer spirituellen Sekte. Trotz der kritischen Berichte über die Erziehungsmethoden sehen die Behörden keinen Handlungsbedarf. Auch der Guru fühlt sich missverstanden.

Der Dorfteich im mittelfränkischen Ailbach glitzert in der späten Herbstsonne, die Reihenhäuser der kleinen Gemeinde im Kreis Erlangen-Höchstadt unterstreichen die Landidylle. Nur ein bisschen den Hügel hinauf vor einem der schmucken Häuser lädt eine gelbe offene Toreinfahrt mit Bänken zum Verweilen ein. Hier lebt der Anführer einer Sekte, die in den vergangenen Tagen für zahlreiche Schlagzeilen gesorgt hat - insbesondere wegen des Umgangs mit den Kindern der Anhänger der spirituellen Gruppe.

„Natürlich dürfen die Kinder essen und auch spielen. Und sie dürfen auch zum Arzt“, sagt der gütig lächelnde Guru - der Lehrer, wie er sich gerne nennen lässt. Vergangene Woche beschäftigte sich ein Filmbeitrag mit ihm und einer Familie im benachbarten Lonnerstadt. Die Autorin kritisierte darin teilweise haarsträubende Erziehungsmethoden. Am Mittwoch sahen sich nun die zuständigen Behörden gezwungen, ausführlich Stellung zum Vorwurf der Untätigkeit zu nehmen.

Er sehe keinen Grund für ein Einschreiten, sagte Landrat Eberhard Irlinger (SPD). „Die Kriterien für eine Gefährdung des Kinderwohls sind nicht erfüllt.“ Er selbst und das Jugendamt seien in ständigem Kontakt mit der Familie. „Viel Unsinn“ sei über die Sekte berichtet worden. Er selbst habe die Familie am Dienstag besucht und sich von dem guten Zustand der Wohnung überzeugt.

Nach den Berichten über die „Neue Gruppe der Weltdiener“ waren Vorwürfe laut geworden, die Behörden würden sich zu wenig um die drei Kinder kümmern. Sie seien nicht krankenversichert und müssten meditieren statt spielen. Nur ein Raum in der Wohnung könne beheizt werden, es gebe Schimmel in dem Haus.

Den Fall ins Rollen gebracht hatte die Journalistin Beate Greindl mit ihrem Fernsehbeitrag. Sie reagierte mit Unverständnis auf die Einschätzung der Erlanger Behörden. Auch im Internet gründete sich mittlerweile eine Facebook-Gruppe unter dem Namen „Rettet die Sektenkinder von Lonnerstadt“. Das Interesse ist groß, die Einträge entsprechend emotional.

Etwas ruhiger geht es trotz des großen Medieninteresses derzeit in Lonnerstadt rund um das äußerlich etwas sanierungsbedürftig wirkende Haus der Familie zu. Gegenüber auf der anderen Straßenseite liegen der Dorfbäcker und eine Gaststätte. „Das sind alles sehr nette Leute. Die grüßen immer freundlich", sagt eine Nachbarin, die anonym bleiben möchte. Auch die Kinder seien wirklich süß, sie könne die ganze Aufregung nicht verstehen, fügt sie noch hinzu und verschwindet dann.

Alles halb so schlimm? Das Landratsamt Erlangen-Höchstadt sieht jedenfalls keine Gefahr im Verzug für die Kinder. Der Film sei tendenziös geworden, kritisierte Behördenchef Irlinger. Auch der Guru aus Ailbach fühlt sich missverstanden. Immer noch umspielt das geduldige Lächeln den dichten Vollbart des Mannes, der in weißen Hosen und einem weißen Bademantel da sitzt und jede Frage geduldig beantwortet. Ja, er habe sich geärgert über den Filmbeitrag. „Ich musste in den vergangenen Tagen schon oft meditieren“, räumt er ein. Auch sei die Polizei öfters an seinem Haus vorbeigefahren, um zu überprüfen, ob es Proteste gebe. „Bislang ist aber nichts passiert“, fügte er hinzu.

dpa

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