"Antworten schuldig geblieben"

Gutachter unter Beobachtung

Augsburg - Gutachter erfüllen eine wichtige Aufgabe in Gerichtsprozessen. In Augsburg blamierte sich ein Experte allerdings mächtig - und bekam prompt von den Richtern die Rechnung.

Der Sachverständige Pantelis Adorf verlässt den Sitzungssaal im Augsburger Landgericht mit versteinerter Miene. Für ihn ist der Prozess um die nachträgliche Sicherungsverwahrung des Mörders der zwölfjährigen Vanessa vorzeitig beendet. Wegen mangelnder Qualität seines Gutachtens hat die Kammer ihn von seiner Aufgabe entbunden - eine Riesenblamage für den Gutachter. An diesem Dienstag (24.7.) wird der Fall Vanessa weiter verhandelt - das Thema Gutachten könnte dann auch wieder eine wesentliche Rolle spielen. Eigentlich sollte bereits Mitte Juli das Urteil fallen. Die Verteidigung fordert nun, die zwei verbliebenen Gutachter noch einmal zu hören. Mit einem Urteil ist wohl frühestens im September zu rechnen.

Adorf sei den Anforderungen nicht gewachsen gewesen und Antworten schuldig geblieben, sagt der Vorsitzende Richter Lenart Hoesch. Er kritisiert die „laxe Verhaltensweise“ des Psychiaters, die nicht tragbar sei. Im Vanessa-Verfahren spricht sich Adorf dagegen aus, den Täter freizulassen, da er aus seiner Sicht „noch nicht so weit ist“. Seine Argumentation ist der Kammer aber nicht fundiert genug. Er konnte Fachbegriffe nicht erklären und übernahm große Teile seines Gutachtens aus anderen Quellen. Adorf war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Gutachter erfüllen eine wichtige Aufgabe vor Gericht. Zwar sind ihre Empfehlungen für die Richter nicht bindend. Aber sie können ihnen die Entscheidung erheblich erleichtern - wenn sie denn belastbare Aussagen machen. In Adorfs Fall ist das ganz offensichtlich nicht so. Er gerät ins Stottern, als Verteidiger Adam Ahmed ihn etwa bittet, zu erklären, was denn „Follow-Ups“ seien. „Das habe ich übernommen“, antwortet der Psychiater. Richter Hoesch schlägt die Hände vors Gesicht und lässt sie eine ganze Weile dort.

„Das Gericht sucht den Gutachter aus, von dem es denkt, dass er die nötige Fachkenntnis besitzt“, erläutert Landgerichtssprecher Karl-Heinz Haeusler. Adorf hat das Augsburger Landgericht schon häufig bestellt. „Vorsichtig ausgedrückt, ist es schon ein Schlag für das Gericht“, räumt Haeusler ein. „Für die nächsten Verfahren wird er umstritten sein.“ In nächster Zeit wird er allerdings ohnehin erst einmal keine Gutachten erstellen. Als Leitender Medizinaldirektor der Würzburger Justizvollzugsanstalt braucht er für seine Nebentätigkeit als Gutachter eine Genehmigung. „Wir überprüfen, ob ihm die Genehmigung weiter erteilt wird“, sagt der Sprecher des Justizministeriums, Wilfried Krames.

Auch Psychologe Helmut Kury ist Gutachter im Vanessa-Fall. Er geht Adorf im Sitzungssaal hart an: „Wenn Ihr Gutachten publik würde - da bin ich mir sicher - würde ein Aufschrei durch die Republik gehen.“ Er wolle nicht schlecht über seinen Co-Gutachter reden, sagt er später. „Aber Herr Adorf hat schon etwas gemacht, was eigentlich nicht verantwortbar ist.“ Kury konnte mit dem Täter sprechen - den anderen beiden Gutachtern versagte der 29 Jahre alte Mörder diesen Einblick in sein Seelenleben. „Die Frage ist, ob die Gutachter den Fall da nicht hätten zurückgeben müssen“, sagt Kury. Ihnen bleibe schließlich im Grunde nichts anderes übrig, als aus den Akten abzuschreiben.

Die Verantwortung der Gutachter im Vanessa-Prozess ist immens: Sie sollen einschätzen, ob der Täter auch heute noch hochgefährlich ist - und ob bei ihm eine psychische Störung vorliegt. Nur dann wären die strengen Auflagen für die nachträgliche Sicherungsverwahrung erfüllt. Im Jahr 2002 erstach der Mann die zwölfjährige Vanessa in Gersthofen bei Augsburg. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er rückfällig wird? Ein Gutachten rein aus Aktenlage zu erstellen, erscheint extrem schwierig. Das führt auch Adorf in dem Verfahren zu seiner Rechtfertigung an.

Eigentlich haben Gutachter den Berufsrichtern etwas Entscheidendes voraus: Fachwissen. Nicht umsonst werden sie häufig als heimliche Richter bezeichnet. Doch mit Sicherheit könne niemand sagen, ob ein Straftäter rückfällig werde, sagt Kriminologe Kury. Er spricht sich dafür aus, Vanessas Mörder unter strengen Auflagen freizulassen. Sollte das Gericht seiner Empfehlung folgen, bedeute das auch eine große Bürde. „Wenn er dann rückfällig wird, bin ich vielleicht nicht schuld im juristischen Sinne, aber im moralischen.“

dpa

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