Neuer Landesbischof: Ein kirchlicher Wahlkrimi

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Der amtierende (v. l.) evangelische Landesbischof Johannes Friedrich, der landeskirchliche Personalchef, Oberkirchenrat Helmut Völkel, die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler und der künftige Landesbischof  Heinrich Bedford-Strohm.

München - Die 105 Synodalen der evangelischen Landeskirche von Bayern haben entschieden: Sie wählten den Sozialethiker Heinrich Bedford-Strohm zum neuen Landesbischof. Der Abstimmungsmarathon mit sechs Wahlgängen entwickelte sich zum Krimi.

Der lilafarbene Stimmzettel bringt die Entscheidung in der Münchner Matthäuskirche: Fast sieben Stunden lang dauert die Wahl zum evangelischen Landesbischof. Und als gegen 17.45 Uhr die Entscheidung fällt, freut sich der stets gut gelaunte Theologieprofessor wie ein kleiner Bub. Heinrich Bedford-Strohm, der vom ersten Wahlgang an die meisten Stimmen auf sich vereint hatte, wird im kommenden Oktober die Nachfolge von Johannes Friedrich antreten.

Vor der ersten Abstimmung scheint alles offen. Anders als bei früheren Wahlen haben sich die drei Arbeitskreise der Synode (der progressive AK „Offene Kirche“ mit 45 Mitgliedern, der eher konservative AK „Gemeinde unterwegs“ mit 30 Mitgliedern und der „Dritte Arbeitskreis“ mit 30 Mitgliedern) auf keinen Kandidaten festgelegt.

Bedford-Strohm ist der einzige der drei Kandidaten, der selber mitwählen darf. Er ist Synodaler und gehört dem Arbeitskreis „Offene Kirche“ an. Und er ist derjenige, der bislang nichts mit der Kirchenleitung zu tun hatte. Wer sich unter den 105 Synodalen erkundigt, hört nur Gutes über den 51-jährigen Sozialethiker, der zu den profiliertesten evangelischen Theologen der Gegenwart gezählt wird. „Er hat ein großes Herz, gleichzeitig ist er weltgewandt – und er kommt nicht aus dem inneren Zirkel“, verrät eine frühere Synodalin. Offen will keiner zitiert werden. Es gibt schließlich keinen Wahlkampf bei der Entscheidung für das Amt des Landesbischofs. Es gibt in der evangelischen Kirche eigentlich auch keine Kontrahenten. Susanne Breit-Keßler (57), Münchner Regionalbischöfin, und Helmut Völkel (58), Personalchef der Landeskirche, sind Mitbewerber. Sie gehören beide seit Jahren zur Kirchenleitung. Jetzt sitzen die drei einträchtig nebeneinander, die Frau in der Mitte. Und warten gottergeben von Wahlgang zu Wahlgang auf das Ergebnis.

Um 9.45 Uhr geht es los. In alphabetischer Reihenfolge werden die 105 Synodalen aufgerufen. Sie verschwinden mit dem gelben Wahlzettel in der Kabine. Dann wird ausgezählt. Es ist 10.55 Uhr: Mit gefalteten Händen sitzen die Kandidaten nebeneinander, alle Kameras sind auf sie gerichtet, um möglichst jede Regung einzufangen. Vizepräsident Bernd Seißer verkündet: 105 Wahlzettel wurden abgegeben, 2 waren leer. Von den 103 gültigen Stimmen entfallen auf Bedford-Strohm 47 Stimmen, auf Breit-Keßler 22 Stimmen, auf Völkel 34 Stimmen.

Raunen im Kirchenraum: Vor allem die erstaunlich geringe Stimmenzahl für die Oberbayerin überrascht. Allgemein hatte man zunächst mit einer Drittelung der Stimmen gerechnet. Susanne Breit-Keßler gibt sich nach dem ersten Schock gefasst. Der erste Wahlgang besagt gar nichts, heißt es. Schnell macht die Runde, dass auch Hermann von Loewenich bei seiner Wahl 1994 im ersten Wahlgang nur 29 Stimmen hatte. Vorne lag damals der Oberbayer Martin Bogdahn, der bis zum vierten Wahlgang führte. Im sechsten Durchgang behielt von Loewenich mit 54 Stimmen die Nase vorn. Der Franken-Bonus gab den Ausschlag.

„Das sagt noch gar nichts“, wiegelt Bedford-Strohm nach dem ersten Durchgang ab. Gleichwohl ist er überrascht, dass er so deutlich vor den anderen liegt. Sein Lächeln spricht Bände. Er geht locker in die Wahl, hat nichts zu verlieren.

Breit-Keßler, die eloquente Kommunikatorin, die sich in Predigten, Büchern, Veröffentlichungen weit über Bayern hinaus einen Namen gemacht hat, wäre indes die erste Frau, die es in Bayern zur Landesbischöfin bringt. Doch auch nach dem zweiten Wahlgang steigen ihre Aussichten nur geringfügig: Bedford-Strohm bekommt 45 Stimmen, Völkel 34, 26 Stimmen entfallen auf die Oberbayerin. Im dritten Durchgang – jetzt reicht die absolute Mehrheit von 53 Stimmen – scheint sich etwas zu bewegen. Bedford-Strohm gewinnt zwei Stimmen dazu (47), Breit-Keßler und Völkel liegen gleichauf (beide 29).

Vor jedem Wahlgang beraten sich die Arbeitskreise. Doch einen Lagerkampf zwischen konservativ und progressiv gibt es nicht. Jeder Synodale scheint ganz Gewissen und Sympathie abzustimmen. So fällt dann auch der vierte Durchgang aus – zurück zur Ausgangsposition mit 47 Stimmen für den Professor, 23 für die Regionalbischöfin und 34 für den Personalchef.

Alle rätseln, was die Synode denn will. Im fünften Durchgang, mit den gelb-orangefarbenen Zetteln zeigt es sich dann: Die Frau scheidet aus. Mit langem Applaus zollen ihr die Synodalen Respekt. Nun konkurrieren die Männer ums Amt. Bedford-Strohm erhält 52 Voten und Völkel 33. 53 Stimmen hätte der Sozialethiker gebraucht – also ist ein sechster Durchgang nötig. Hier bekommt Bedford-Strohm nun satte 63 Stimmen (Völkel 37). Und ist am Ziel seiner Träume.

Von Claudia Möllers

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