Der "Mythos Burg" fasziniert

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Nürnberg - Sie thronen mächtig auf Bergen und Felsen, locken Touristen an und beflügeln seit Jahrhunderten die Fantasie von Künstlern: Burgen aus dem Mittelalter faszinieren noch heute. Doch Wissenschaftler warnen vor Irrtümern über das Leben auf der Burg.

Mächtige Rheinburg, mystische Gralsburg: Burgen als steinerne Zeugnisse einer längst vergangenen Zeit faszinieren noch heute. Bester Beweis dafür ist die große Ausstellung “Mythos Burg“ im Germanischen Nationalmuseum (GNM) Nürnberg. Mit 35 000 Besuchern nach knapp zweieinhalb Monaten läuft die Mammutschau - mehr als 650 Exponate wurden zusammengetragen - nach Angaben des Museums sehr erfolgreich.

Parallel dazu gibt es im Deutschen Historischen Museum Berlin die Schau “Burg und Herrschaft“ zu sehen - doch in Nürnberg scheint das Thema Burgen noch präsenter zu sein als in der Hauptstadt. Schließlich thront über der Altstadt die Kaiserburg als das Wahrzeichen Nürnbergs schlechthin.

Die Burg als publikumswirksamer Mythos hat sich also gut gehalten - gleiches gilt aber auch für etliche Irrtümer. Fast streng klingen deshalb die Worte des Historikers Werner Meyer, der dem wissenschaftlichen Beirat der Schau angehört: Populärliteratur oder etwa auch Historienfilme zeigten oft ein falsches, aus Sicht der Wissenschaft nicht haltbares Bild vom Leben auf der Burg.

Immer wieder stoße man auf Klischeebilder. Sie hätten sich teilweise deshalb entwickelt, weil im 19. Jahrhundert literarische Überlieferungen aus dem Mittelalter als Beschreibung der realen Lebensverhältnisse missinterpretiert worden seien. “Dabei wurde übersehen, dass die mittelalterliche Epik und Lyrik gar nicht die Lebenswirklichkeit darstellen wollte, sondern überhöhte Wunsch- und Fantasiewelten, die viel über die Sehnsüchte und die Wertvorstellungen der Menschen im Mittelalter aussagen, aber nichts über den Alltag des Burglebens.“

Dabei werde Geschichte um keinen Deut uninteressanter, wenn man sich den gesicherten Forschungsergebnissen stelle: “Ist der vom Kampf gegen Kälte, Flöhe und Langeweile erfüllte Alltag auf den Burgen weniger spannend als das vermeintliche Schwelgen in verschwenderischem Luxus auf Kosten ausgebeuteter Untertanen?“, fragt Meyer.

Die Ausstellung zeigt etwa, dass Ritterturniere nicht im direkten Umfeld der Burg ausgetragen wurden - der Platz war viel zu eng. Man traf sich vielmehr in den Städten zum Wettstreit. Auch war, anders als oft vermutet, die Belagerung einer Burg eher die Ausnahme denn die Regel - meist war der Alltag hinter den Mauern friedlich, wenn auch häufig von Kargheit und Mangel geprägt.

Ein Forschungsergebnis, das im Umfeld der Schau zutage getreten ist, ist Museumsdirektor Ulrich Großmann besonders wichtig: Denn keinesfalls war die Ära der Burgen im ausgehenden Mittelalter zu Ende, wie meist angenommen wurde. “Burgen wurden konsequent weiter genutzt“, betont der Mittelalter-Experte. Oft seien Lehensrechte an die Burg gebunden gewesen, oft habe man die Gemäuer aus repräsentativen oder wirtschaftlichen Gründen einfach weiterbewohnt.

In der Renaissance und später im Barock seien Burgen auch militärisch weiter genutzt worden, ergänzt die Historikerin Anja Grebe. Damit sie auch den wuchtigen Feuerwaffen gewachsen waren, seien die Wehranlagen häufig verstärkt worden. Bürger aus niederem Adel oder des Patriziats hätten Burgen bewohnt, die Obrigkeit dagegen hätte Burgen zu Amtssitzen oder Gefängnissen umfunktioniert. Vom 14. Jahrhundert an sei aber auch die Bedeutung der Burg als repräsentativer Ort weiter gestiegen. Der Maler Peter Paul Rubens etwa habe sich im 17. Jahrhundert eine Burg als Statussymbol zugelegt.

Im 19. Jahrhundert schließlich kam der Mythos Burg vollends zum Leuchten: Die Burgen am Rhein beförderten den Tourismus, die Kunst wurde durch die Burgen inspiriert - Romantiker etwa lebten ihre Mittelalterbegeisterung aus. Und empfand nicht auch Bayern-König Ludwig II. eine große Faszination an der mystischen Welt des Mittelalters und der Burgen? Sein Hofkomponist Richard Wagner war es ja schließlich, der den Gralsmythos durch die Oper “Parsifal“ in ein musikalisches Gewand kleidete. Vor allem auf Schloss Neuschwanstein - die mittelalterliche Wartburg diente bezeichnenderweise als Vorbild für den Schlossbau aus dem 19. Jahrhundert - inszenierte sich Ludwig nicht nur als König von Gottes Gnaden, sondern auch als Gralsritter.

dpa

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