Nach Suizid: Eltern sollen Zugführer Schmerzensgeld zahlen

Nürnberg - Der Alptraum eines jeden Lokführers: Ein lebensmüder Mensch springt ihm vor den Zug. In Nürnberg verlangt die Ehefrau eines Lokführers nun Schmerzensgeld von den Eltern des Toten

Er sah den ins Gleis springenden Jugendlichen zu spät und überfuhr ihn – für die monatelangen Alpträume nach dem Suizid erhält ein Lokführer von den Eltern des Toten möglicherweise mehrere tausend Euro Schmerzensgeld. Eine entsprechenden Vergleichsvorschlag des Gerichts wollen die Anwälte in den kommenden beiden Wochen prüfen. Dabei soll auch die genaue Summe – wahrscheinlich ein Betrag zwischen 3000 und 5000 Euro – ausgehandelt werden. Dies vereinbarten die Juristen gestern beim Prozess vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth. Bereits zuvor hatten sie ihre prinzipielle Bereitschaft zu einer außergerichtlichen Einigung erklärt.Auch der Lokführer selbst hatte auf entsprechendes Nachfragen von Zivilrichterin Jana Lux betont, dass er mit einem solchen Vergleich einverstanden sei. „Ich habe keinen Bock mehr, das noch mal durchzukauen“, sagte er.

Zuvor hatte die Richterin angedeutet, dass die Schmerzensgeldforderung von rund 15 000 Euro chancenlos sei. Denkbar sei allenfalls ein finanzieller Ausgleich von 3000 bis 5000 Euro. Die Kläger sollten daher überlegen, ob sie einen monatelangen Prozess in Kauf nehmen und dabei das Risiko eingehen wollten, am Ende leer auszugehen. Zudem würde ein solcher Prozess für den Lokführer sicherlich eine große psychische Belastung darstellen.

Geklagt hatte die Ehefrau des Lokführers, an die dieser seinen Schmerzensgeld-Anspruch abgetreten hatte. Dank dieses juristischen Kniffs sollte der Lokführer in dem Zivilprozess als Zeuge in eigener Sache aussagen können. Der Anwalt der Frau hatte die Forderung damit begründet, der Bahn-Mitarbeiter habe seit dem Unfall auf der Strecke zwischen Nürnberg und Lauf ununterbrochen unter Alpträumen und starken Kopfschmerzen gelitten. Verantwortlich dafür sei der Suizid des jungen Mannes, für den nun seinen Eltern haften müssten. Dagegen hatte der Anwalt der Eltern geltend gemacht, diese seien durch den Tod ihres Sohnes bereits genügend bestraft.

Zudem zweifelte der Anwalt eine schwere psychische Schädigung des Lokführers an. Der mit solchen Fällen vertraute Amtsarzt habe den Ehemann nur für zwei Wochen arbeitsunfähig geschrieben. Zudem sei der Lokführer zunächst gar nicht von einem Selbstmord ausgegangen, sondern habe einen Wildunfall angenommen. Die Leiche selbst habe er nie gesehen, sie sei erst später von einem Kollegen auf der Strecke entdeckt worden.

Ein unserer Redaktion namentlich bekannter Lokführer, der bereits drei Mal einen Freitod eines Menschen auf einer Bahnstrecke miterleben musste, erklärte auf Anfrage: „Es würde mir nicht im Traum einfallen, die Angehörigen dieses Menschen zu verklagen. Ich habe Mitleid mit diesen Menschen, die bei Ausführung ihrer Tat längst in anderen Sphären sind und nicht mehr einschätzen, dass sie uns eigentlich als Vollstrecker missbrauchen.“ Er denke sich dann immer: „Was ist mein Schock gegen sein verlorenes Leben?“ Er wisse aber, dass es viele seiner Kollegen ganz anders sehen und tatsächlich daran zerbrächen.

lby/cm

Rubriklistenbild: © dpa

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