Landrat in Regen: Ein kleines bisschen Zeitenwende

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Michael Adam setzte sich in der Stichwahl durch.

Regen - Ein großer roter Fleck im tiefschwarzen Niederbayern: Michael Adam (SPD) hat am Sonntagabend spektakulär die Landratswahl in Regen gewonnen. Der Sieg des jungen Überfliegers ist unangenehm für die CSU.

Für ein paar Stunden kommt die große Politik nach 94249 Bodenmais. Im Wahllokal des niederbayerischen Nests empfangen Kameraleute den Kandidaten. Sie versuchen, einen Blick über die Wand der Wahlkabine zu erhaschen. Sie geben Kommandos, wann er seinen Zettel falten und in die Urne stecken soll. Michael Adam bleibt gelassen. Er kreuzelt, er faltet, er wirft ein, professionell mit Fünf-Sekunden-Innehalten für die Fotos. Zur Erinnerung: Hier steht ein 26-Jähriger zur Wahl für die Regentschaft des Gebietes zwischen Rinchnach, Prackenbach und Drachselsried.

Und trotzdem ist es jede Kameraeinstellung wert. Mit Adams Wahl am Sonntagabend vollzieht sich tief im Bayerischen Wald eine kleine politische Sensation. In der Stichwahl setzt sich der SPD-Kandidat – jung, evangelisch, schwul – gegen den kreuzbraven CSU-Bewerber Helmut Plenk durch. Einer der vermeintlich konservativsten Landstriche der Republik wird in Kürze rot regiert. 57,32 Prozent ermittelt das Landratsamt für Adam, den Bürgermeister der 3400-Seelen-Gemeinde Bodenmais.

Die Symbolkraft des Sieges ist enorm. „Derbe Klatsche für die CSU, Zeitenwende in Bayern“, jubelt Grünen-Landeschef Dieter Janecek. „Der Wechsel in Bayern ist wieder ein Stück näher gekommen“, sagt Münchens OB Christian Ude, SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2013. Aus Adams Sieg liest Ude ab, dass die bayerische SPD „nicht nur in Städten, auch im ländlichen Raum gewinnen kann“. Der „Schmuddel-Wahlkampf der CSU“ in letzter Minute habe nichts bewirkt. Kurzfristig hatte sich die örtliche CSU mokiert, warum Adam so viel Geld für seinen Wahlkampf zur Verfügung gehabt habe.

Überregionale Lehren lassen sich aus dem roten Erfolg dennoch nur begrenzt ziehen. „Es gibt keine sicheren Heimspiele mehr“, sagt der frühere CSU-Chef Erwin Huber am Wahlabend. Er erinnert an die Besonderheiten der Regener Wahl: CSU-Landrat Heinz Wölfl hatte sich im August das Leben genommen, hinterließ eine düstere Kombination aus Spielschulden und dubiosen, wenn nicht kriminellen Verwicklungen. Er hatte seine Wähler über Jahre hinweg getäuscht.

Als sein Nachfolger für die CSU zu kandidieren, war eine undankbare Aufgabe. Plenk, im Privaten der exakte Gegenentwurf zu Adam, wagte sich dran. Nun wird gemurmelt, er sei nicht der richtige gewesen – zu wenig Charisma. Einen jüngeren hätte man nehmen müssen, oder einen Partei-Promi. Bayerns Agrarminister Helmut Brunner wäre letzterer gewesen, kniff aber. „Brunner hätte natürlich die Wahl gewonnen“, sagt Huber, man müsse aber dessen „persönliche Entscheidung“ respektieren.

Es fällt nicht leicht für die CSU, dem Wahlabend Positives abzugewinnen. Er sei „froh, dass es vorbei ist“, sagt Plenk in eine Kamera. Dass die Freien Wähler keinen Stich machten, erwähnt Huber noch. Und die Strategen in München haben schon tagsüber die Sprachregelung ausgegeben, die CSU habe von den letzten sechs Landratswahlen im Freistaat fünf gewonnen. „Singuläre Wahl, singuläre Vorgeschichte“, sagt Generalsekretär Alexander Dobrindt. Das mediale Interesse sei halt höher, wenn die SPD ausnahmsweise mal eine Wahl gewinne.

Zweifel, der junge Adam könne scheitern, haben aber auch viele Schwarze nicht. „Man muss nach seiner Arbeit in Bodenmais davon ausgehen, dass er der Aufgabe gewachsen ist“, sagt Huber.

Adam selbst ist am Wahlabend überglücklich. „Es is’ a unglaublicher Moment“, sagt er in tiefem Dialekt. In Kürze wird er vom jüngsten Bürgermeister zum jüngsten Landrat ganz Deutschlands befördert. Ein Attribut, das er allerdings mit der Zeit wieder loswerden will: Landrat will Adam, so sagte er neulich, zehn bis zwölf Jahre lang bleiben.

Christian Deutschländer

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