Bevölkerungsschwund in Oberfranken

So rettet eine seltene Blume eine Kleinstadt vor dem Aussterben

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Oliver Plewa, Projektmanager der Arnika-Akademie Teuschnitz, kniet in einem Feld nahe Teuschnitz. Hier wächst die Heilpflanze Arnika.

Teuschnitz - Immer weniger Einwohner, leerstehende Häuser - gegen diese Tristesse kämpfen viele Orte in Oberfranken. Das Städtchen Teuschnitz setzt nun auf eine seltene Heilpflanze. Die Blume soll die Region neu beleben.

Teuschnitz im Frankenwald hat immer weniger Einwohner - aber viele seltene Pflanzen, allen voran die gefährdete Arnika. So könnte man die Ausgangslage für die Überlegungen von Bürgermeisterin Gabriele Weber (CSU) zusammenfassen. „Wir haben ein Demografieproblem“, räumt die Rathauschefin ein. Was also tun mit dem Städtchen, das wie viele Orte im nördlichen Oberfranken unter dem Rückgang der Einwohnerzahl leidet und in dem mehr und mehr Häuser und Läden leerstehen? Weber entschloss sich, nicht zu jammern. Sie wusste: Auf neue Gewerbeansiedlungen zu hoffen, wäre unrealistisch, denn Teuschnitz mit seinen etwa 2100 Einwohnern liegt relativ abgeschieden im Landkreis Kronach ohne direkte Autobahnanbindung.

Die Stadt Teuschnitz besinnt sich auf das, was sie hat: eine wunderbare Natur

Also besann sie sich auf das, was Teuschnitz hat: nämlich wunderbare Natur. Und ein Vorkommen der Heilpflanze Arnika, das bayernweit seinesgleichen sucht. Die Stadt hat deshalb eine Arnika-Akademie gegründet - Vorträge, Seminare und Workshops beschäftigen sich mit der Heilpflanze sowie allgemein mit Naturheilkunde, Pflanzenkosmetik und Fragen zur gesunden Ernährung.

Die Arnika gehört in Deutschland zu den gefährdeten Arten. Auch in Teuschnitz war der Arnikabestand bis etwa 1989 wegen der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung der Flächen stark zurückgegangen.

Doch dann starteten viele Bemühungen zum Schutz der gelb blühenden Pflanze, inzwischen hat sich der Bestand wieder verdreifacht. Landwirte mähen beispielsweise erst nach der Arnika-Blüte Ende Juni, einige Flächen werden auch lediglich beweidet und nicht gemäht. Zudem gedeihen noch rund 50 weitere seltene Pflanzen und Heilkräuter rund um Teuschnitz - viele Orchideen etwa, wie Christine Neubauer vom Bund Naturschutz (BN) in Kronach sagt, oder der Bärwurz. Das Gelände habe sich positiv entwickelt, bilanziert die Expertin. Von einem „tollen Pflanzenbestand“ spricht auch Marion Ruppaner, Landwirtschafts-Referentin des BN. Die Teuschnitz-Aue zeige, dass Naturschutz und Landwirtschaft sich nicht ausschließen müssten.

Die Arnika-Akademie soll Arbeitsplätze schaffen. Gerade für Frauen aus Teuschnitz könnte das eine Chance sein

Blick auf die Baustelle eines Kräutergartens vor der Arnika-Akademie Teuschnitz.

Die Arnika-Akademie soll - gemeinsam mit der nahezu unberührten Natur - Gäste anlocken, aber auch dafür sorgen, dass Teuschnitz für die Einheimischen ein attraktives Fleckchen Erde ist. Die Akademie könne Arbeitsplätze schaffen, hoffen Weber und ihre Mitstreiter. Schon jetzt ist ein kleines Café liebevoll eingerichtet und ein Kräutergarten angelegt worden. Nach der Wende 1989 seien im grenznahen Teuschnitz viele Stellen weggebrochen, schildert Weber. Gerade für Frauen, die auf Teilzeitjobs setzen, könne die Akademie und deren Umfeld eine Chance sein.

Untergebracht ist die Akademie in der ehemaligen Grundschule des Städtchens. Die 70 Grundschüler sind vor wenigen Jahren in die ehemalige Hauptschule des Ortes gezogen, die 2002 geschlossen werden musste. Das rundum renovierte und mit Hallenbad ausgestattete Gebäude stand zunächst leer - und soll jetzt Freunden der Naturheilkunde als Zentrum für Tagungen und Vorträge dienen. Inzwischen engagieren sich auch Menschen aus weiter entfernten Orten wie Coburg oder Sonneberg in Thüringen für die Arnika-Akademie, etwa Kräuterpädagogen, Ernährungsberater oder Apotheker.

Naturheilkunde allerdings kann ein schwieriges Feld sein, behaftet mit ideologischen Vorstellungen: Die einen verkünden Heilsversprechen, die anderen verteufeln den Glauben an pflanzliche Wirkkräfte. Ist da eine Stadt mit einer naturheilkundlichen Akademie nicht mittendrin in solchen Streitfragen? Bürgermeisterin Weber schüttelt energisch mit dem Kopf: „Es geht hier um traditionelle Heilpflanzen, um altes Wissen, das wir wieder ins Bewusstsein rufen möchten.“ Gerade die jüngere Generation interessiere sich wieder für diese Traditionen und die Natur.

So sieht sie aus, die Heilpflanze Arnika. Wegen des hohen Vorkommens der Arnika und rund 50 weiteren seltenen Pflanzen und Heilkräuter hat die Kommune Teuschnitz eine Arnika-Akademie gegründet.

Auch der eigens angestellte Projektmanager Oliver Plewa sagt deutlich, das sei kein Hokuspokus: Man setze auf renommierte Experten, man erkläre Inhaltsstoffe und Wirkungsweisen: „Allein die Arnika hat 150 Wirkstoffe.“

In der Tat spielt die Arnika in der Kräuterheilkunde eine wichtige Rolle: Es würden vor allem die Blüten verwendet, sagt Johannes Gottfried Mayer, Chef der Forschergruppe Klostermedizin an der Universität Würzburg. Die Blüten besäßen ein großes Wirkungsspektrum. Sie sollen Entzündungen ebenso lindern wie die Entwicklung von Keimen hemmen, dazu antirheumatisch wirken und gegen Nervenschmerzen helfen. Weitere Einsatzgebiete: Blutergüsse, Zerrungen, Quetschungen und Verstauchungen.

Die Akademie soll Touristen nach Oberfranken locken. Auch von der EU gibt es finanzielle Zuwendungen.

Für das Projekt bekommt Teuschnitz Zuwendungen von der EU - für Weber und für Plewa ein klarer Beleg dafür, dass die Akademie wirtschaftlichen Erfolg verspricht und gut durchgerechnet ist. „Wir können hier wirtschaftlichen Nutzen ziehen“, sagt Plewa. Die Akademie soll zudem Touristen nach Teuschnitz locken. Das Städtchen auf einer Hochebene im Frankenwald mit seinen blühenden Wiesen und kleinen Bächlein ist tatsächlich das Gegenprogramm zur lauten, hektischen Großstadt, aber auch zu überlaufenen Erholungsorten wie denen am Mittelmeerstrand. Die Bürgermeisterin sagt: „Wir haben hier absolute Ruhe. Das können wir den Städtern bieten: Entschleunigung und Ruhe.“

Was macht die Heilpflanze Arnika so besonders?

Die Arnika gehört zu den Korbblüten-Gewächsen, ihre Blütezeit ist von Ende Juni bis in den Juli hinein, die Blüte ist gelb und sie ist vor allem in kargen Gebirgsregionen anzutreffen. In Deutschland und auch in vielen anderen Ländern gehört sie jedoch zu den gefährdeten Arten. Sie steht unter Naturschutz und darf nicht gepflückt werden. In der Heilpflanze wurden etwa 150 Wirkstoffe nachgewiesen. Anders als bei vielen anderen Pflanzen ist die Arnika in der Antike und im Mittelalter kaum als Heilmittel bekannt gewesen, erst später wurde sie populär: Goethe soll nach einem Herzinfarkt auf Arnikatee gesetzt haben.

Bekannteste Darreichungsformen sind heute Globuli, aber auch Salben und Tinkturen. Die Blüte der Arnika besitzt ein großes Wirkungsspektrum: Entzündungen soll sie ebenso lindern wie die Entwicklung von Keimen hemmen, außerdem soll sie antirheumatisch wirken und gegen Nervenschmerzen helfen. Zudem wird sie bei Blutergüssen, Zerrungen, Quetschungen und Verstauchungen eingesetzt.

dpa

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