Pädophiler Heimleiter: RTL II will künftig eher informieren

Würzburg/Berlin - In den Fall des durch “Tatort Internet“ in Pädophilie-Verdacht geratenen Ex-Leiter eines Kinderdorfs in Würzburg kommt Bewegung: Die Staatsanwaltschaft ermittelt, der 61-Jährige ist verschwunden und RTL II will Arbeitgeber mutmaßlicher Täter früher informieren.

Der entlassene Leiter des “Goldenen Kinderdorf“ in Würzburg wird weiter vermisst. Wie die Würzburger Staatsanwaltschaft am Montag mitteilte, gibt es keine neuen Erkenntnisse zum Aufenthaltsort des 61-Jährigen. Zudem ermittle sie weiter “wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger“, sagte Staatsanwaltschaftssprecher Dietrich Geuder am Montag. Konkrete Missbrauchsfälle aus dem Kinderdorf aber seien bislang nicht bekannt.

Der Privatsender RTL II zog derweil Konsequenzen: Der Sender will künftig Arbeitgeber benachrichtigen, wenn mutmaßliche Täter, die “in ihren Arbeitsverhältnissen mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben“, von der RTL-II-Sendung “Tatort Internet“ beim Anbaggern von Minderjährigen im Netz erwischt werden, hieß es in einer Mitteilung am Montag. Der Sender reagierte damit auf die Vorwürfe des Dachverbandes der Caritas, der die Macher des Magazins “Tatort Internet“ gerügt hatte, fünf Monate lang die Informationen über die Aktivitäten des Heimleiters in Würzburg für sich behalten zu haben.  Die Caritas hatte dem Heimleiter nach eigenen Angaben am Donnerstag zunächst einen Auflösungsvertrag angeboten. Als er am Freitag nicht zu einem vereinbarten Treffen erschien, wurde ihm die fristlose Kündigung zugestellt. Inzwischen hat seine Familie den 61- Jährigen als vermisst gemeldet.

RTL II wollte auf Anfrage am Montag nicht mitteilen, wann die Caritas das erste Mal von RTL II über die Vorgänge benachrichtigt wurde. Der Sender hatte zunächst argumentiert, man habe auf die Persönlichkeitsrechte des mutmaßlichen Kinderschänders Rücksicht nehmen müssen. Für die Zukunft soll nun gelten: “Am Donnerstag vor Ausstrahlung werden die Sendekopien an die betreffenden Strafverfolgungsbehörden weitergegeben.“ Polizei und Staatsanwaltschaft entschieden dann, ob und wie sie ermittelten. Die Sendung ist immer montags im Programm. Mit diesem Vorgehen hätten im Würzburger Fall Behörden und Arbeitgeber aber nur wenige Tage gewonnen. Ausschlaggebend war nicht der Ausstrahlungstermin, sondern der Tag, an dem die Redaktion von “Tatort Internet“ den Fall drehte - und das sei vor fünf Monaten gewesen, wie die Caritas beklagte.

Der damalige Leiter des “Kinderdorfs“ in Würzburg wollte nach Ermittlungen der RTL-II-Sendung “Tatort Internet - Schützt endlich unsere Kinder“ über das Internet mit einer 13-Jährigen anbandeln und ging dabei dem Fernsehteam in die Falle. Seine Kontaktaufnahme und ein Treffen mit dem jugendlichen Lockvogel wurden von “Tatort Internet“ am vergangenen Montag dokumentiert. Beim Schutz der Privatsphäre war das Verhalten der Macher der Sendung widersprüchlich. In dem knapp zehnminütigem Film machten sie zwar Aussehen und Stimme des Mannes unkenntlich. Allerdings erzählte der 61-Jährige dem Lockvogel einige Details aus seiner Biografie etwa von einem früheren Arbeitgeber. Auf Basis dieser ausgestrahlten Angaben sei er von einem anderen - zunächst zu Unrecht verdächtigten Kinderdorfleiter - identifiziert und gemeldet worden, sagte Roland Giegerich von der Caritas-Jugendhilfe in Würzburg am Montag.

Zurzeit gebe es keine Verdachtsmomente seitens des Trägervereins, dass sich der frühere Leiter tatsächlich an Kindern der Einrichtung vergriffen habe, sagte Giegerich. Laut Mitarbeitern des Kinderdorfs sei sein Verhalten nicht auffällig gewesen, sagte Peter Kiesel von der Heimaufsicht der Regierung Unterfranken am Montag. “Er galt als zurückhaltend und hat Distanz zu den Kindern gewahrt. Er war kein kumpelhafter Typ, der tätschelte.“ Eine detaillierte Befragung der Kinder in Einzelgesprächen stehe aber aus.

Die wegen ihrer reißerischen Aufmachung umstrittene Sendung wurde von Stephanie zu Guttenberg, Frau von Verteidigungsminister Karl- Theodor zu Guttenberg (CSU), in der ersten Ausgabe als Präsentatorin unterstützt. Am Montag war von zu Guttenbergs Kinderschutz-Verein “Innocence in Danger“ keine Stellungnahme zu den Vorfällen zu erhalten. Mittlerweile prüft die Medienaufsicht, ob bei der Sendung die Regeln des Jugendschutzes eingehalten und Persönlichkeitsrechte von Opfern und mutmaßlichen Tätern berührt worden seien.

dpa

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