Ein sagenhaftes Stück Heimat

Der Waldschmidt: ein Bild des Schriftstellers von 1888.

München - Der Dichterfürst Waldschmidt war ein bayerischer Superstar. Er hat den Trachtenumzug zum Oktoberfest begründet und quasi die erste bayerische Modefibel herausgebracht. Die Trachtler-Fotos sind jetzt wieder aufgetaucht.

Waldschmidt war ein Superstar der bayerischen Literatur: Die Menschen haben seine Bücher verschlungen, „Die Fischerrosl von St. Heinrich“, „Die Knappenlisl vom Rauschenberg“, den „Bubenrichter von Mittenwald“ und ein paar Dutzend andere. König Ludwig II. ließ sich manche Werke Kapitel für Kapitel holen, per Boten, kurz nachdem die Tinte trocken war. Maximilian Schmidt genannt Waldschmidt, so sein vollständiger Namen, wurde 1832 geboren. Er war der Superstar der bayerischen Literatur, ein notorischer Vielschreiber, ein Bestsellerautor. Es geht die Sage, dass die Menschen kaum noch in ihren Gebetsbüchern lasen, als Waldschmidts Volkserzählungen, Preis 1,50 Mark pro Band, erst Bayern und dann ganz Deutschland überschwappten.

Heute kennt den Dichterfürsten fast kein Mensch mehr

Und heute? Da kennt diesen Dichterfürsten mit dem Rauschebart, geboren im Bayerischen Wald, verstorben in der Thierschstraße 47 in München, fast kein Mensch mehr. Dabei ist Waldschmidt viel mehr als ein mal schnulziger, mal mehr, mal weniger virtuoser Volksschriftsteller. Waldschmidt hat das Zeug zu einer bayerischen Ikone, einem bayerischen Trachtenheiligen.

Der Mann war ein Tausendsassa. Es begab sich im Jahr 1895, da machte sich der ehemalige Soldat und Hauptmann daran, „das geradezu langweilige und einförmige Oktoberfest aufzufrischen“, so schreibt er es in seiner Autobiographie. Waldschmidt reiste 50 Tage im ganzen Königreich umher, um „die längst vergessenen Volkstrachten ausfindig zu machen“. Und, was soll man sagen: Er war mehr als erfolgreich. Er überzeugte über 150 Gruppen, 1400 Menschen, nach München zu kommen, um dort am ersten Trachtenumzug zur Wiesn teilzunehmen.

Damit nicht genug: Waldschmidt ließ die Trachtler aus der Jachenau, aus Partenkirchen, Vilsbiburg, Dachau, Nüdlingen und dem Rest von Bayern auch gleich noch im Atelier Frankonia fotografieren und die Bilder später von Hand kolorieren. „Kostüm-Schmidt“ nannten ihn die Leute zu jener Zeit. Schon damals gab es Spötter, die den Hang vieler Bayern zur Tracht als alberne Maskerade abtaten. Waldschmidt hingegen verehrte die Tracht, sie war für ihn Ausdruck von Patriotismus, Heimatliebe, Stolz, Vielfalt. „Die 100 großen, prächtig kolorierten Blätter“ übergab er später dem Bayerischen Nationalmuseum. Eigentlich hatte er vor, die Aufnahmen in einem illustrierten Trachtenwerk zu bündeln. Aber aus dem Plan wurde nichts.

Dennoch: Es ist ein legendärer Bilderschatz, den der Schriftsteller und spätere Gründer des bayerischen Fremdenverkehrverbands der Nachwelt hinterließ – ein bebildertes Brauchtumslexikon. Eine Modebibel, Thema: die Tracht in Bayern, kurz vor der Jahrhundertwende. Einzigartig und unersetzlich. Das Furchtbare ist im Laufe der Jahrzehnte aber dennoch eingetreten: Die Aufnahmen galten plötzlich als verschollen, keiner hat sie mehr gefunden, nicht im Nationalmuseum, nirgends, unauffindbar, womöglich im Krieg vernichtet. Ein Jahrhundertschatz für immer verloren? Zum Glück nicht.

Eine Stück Heimat in Farbe

Eine beharrliche Frau aus Tutzing hat den Schatz gerade erst geborgen. Sie heißt Anja Behringer, ist Journalistin und Waldschmidt-Expertin. Sie hat im Eigenverlag ein schmales, schlaues Heftchen über dessen Zeit am Starnberger See veröffentlicht (erhältlich in der Tutzinger Buchhandlung „Eselsohr“). „Ich habe nicht lockergelassen“, sagt sie. „Und ich konnte nicht glauben, dass die Bilder verschwunden sind.“ Mehrfach hat sie im Nationalmuseum und bei anderen Münchner Museen angefragt, doch immer nur Kopfschütteln geerntet. Bis sie es vor kurzem nochmal versuchte. Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin im Nationalsmuseum nahm sich der Sache an – und stieß auf drei vergessene Kisten mit kolorierten Fotos. Sie fand tatsächlich Waldschmidts Schatz. Seitdem ist er wieder in der Welt. Was man auf jenen Bildern sieht, ist sagenhaft. Da sind zum Beispiel die Trachtler aus Reichenhall. Die Männer mit Schnauzbart im Gesicht und Pfeifen in der Hand. Die Frauen mit kostbaren Dirndln und roten Wangen. Oder die Trachtlerin aus Trostberg mit schwarzem Hut und grüner Schürze. Oder die Ollinger Trachtler samt Wadlwärmer und Lederhosen. Ein Stück bayerische Geschichte, ein Stück Heimat in Farbe.

Waldschmidt war damals, 1895, persönlich vor Ort, als sich das ganze Königreich in München traf. Ehrensache. Und was er dort sah, gefiel ihm außerordentlich gut. In seiner Autobiographie „Meine Wanderung durch 70 Jahre“ spart er nicht mit Eigenlob: „Der Festzug war über alle Maßen schön und großartig und von all jenen, die Verständnis für die Sache hatten, wurde mir einstimmiges Lob zuteil.“ Bereits die Ankunft der Trachtler beobachtet der Heimatdichter vom Münchner Bahnhof aus: „Fast alle kamen im Gewande ihrer Heimat“, notiert er später. „Liebliche jugendliche Mädchengesichter mit reizenden kleinen Häubchen aus sonderbar geformten Pelzmützen“ erblickt er, zudem Frauen mit „Spitzhauben auf dem Kopfe mit langherabwallenden Bändern mit schwerer Goldborte von eigenartigem Muster, fremd und orientalisch möchte man sagen. Vielleicht stammt sie in ihrem Ursprunge gar aus Indien, es ist so unmöglich nicht, daß ein indo-germanischer Stamm in der neuen bayerischen Heimat manches in Tracht und Eigenart bewahrt hätte, einzelne Ornamentzusammenstellungen in den Goldborten gleichen völlig prähistorischen Funden aus fränkischen Gegenden.“ Waldschmidt ist überwältigt von so viel Pracht, Anmut, Unterschied. Er hat Bayern nach München gerufen – und alle sind sie gekommen.

Dieser Coup ist dem Sohn eines Oberzollverwalters aufs Beste gelungen. Man muss sich den Volkskundler Waldschmidt in diesem Moment als glücklichen Menschen vorstellen. Dann sieht er auch noch die alte Dachauer Tracht, die Murnauer Mädchen mit runden Pelzmützen, Jachenauer Bauern mit mächtigen Gürtelschnallen und Oberpfälzerinnen „mit ihren goldenen Schnürbrüstl“. Sein Glück ist perfekt. Waldschmidt entdeckt den Bayern in all seinen Facetten. Und die Bayern aus allen Zipfeln des Landes entdecken, wer noch so alles im Königreich lebt. „Die einzelnen Dialekte begrüßen sich, bleiben sich aber teilweise gegenseitig unverständlich“, schreibt Waldschmidt. Und: Es war „interessant zu beobachten, wie die ankommenden Trachtengäste sich selber gegenseitig fremd anstaunten.“ Ewig her.

Schuld am Bayernkitsch: Bier, Berg, Lederhose?

Heute ist der Mann, aus dessen Werken Ludwig II. noch wenige Stunden vor seinem Tod gelesen haben soll, in Vergessenheit geraten. Fast in Vergessenheit geraten. In volkskundlichen und akademischen Kreisen ist der gebürtige Oberpfälzer, der sogar für den Nobelpreis nominiert war, durchaus ein Begriff. Der Münchner Professor Reinhard Wittmann zum Beispiel watscht Waldschmidt in einem seiner Aufsätze kräftig ab: Für ihn ist er der „Stammvater der bayerischen Tourismusindustrie“ und nicht ganz unschuldig an ewigen Bayernklischees von Bier, Berg, Lederhose. „Zugleich verbreiteten Autoren wie Maximilian Schmidt, genannt Waldschmidt, millionenfach ihren Bayernkitsch“, schreibt Wittmann. Bilder-Entdeckerin Anja Behringer widerspricht dem vehement: „Da hat einer nicht richtig hingeschaut.“ Für sie lohnt sich eine Wiederentdeckung des bayerischen Volksdichters allemal. Waldschmidt selbst lässt in seiner Autobiographie keinen Zweifel, für wen er das alles gemacht hat, das mit den Trachten, Bildern und den Büchern. Er habe dem bayerischen Volk ins Herz geblickt, schreibt er. Und ganz am Ende seines Buches fügt er reichlich pathetisch an: „Das aber weiß ich gewiß, daß keiner mit wärmerem Herzen und reinerer Begeisterung für seine Heimat einzutreten vermag, als ich es gethan und es noch fürderhin thun möchte.“ Bayerns bester Bayer verstarb 1919 im gesegneten Alter von 87 Jahren.

 

Stefan Sessler

Meistgelesene Artikel

Mann (56) erfasst Bub beim Einparken

Illertissen - Mit schweren Verletzungen wurde ein zehn Jahre alter Bub in eine Klinik gebracht. Ein 56-Jähriger hatte ihn auf einem Gehweg angefahren.
Mann (56) erfasst Bub beim Einparken

Kreditkartenbetrug: Drei Festnahmen in München und Eching

München - Zugfahrkarten im Wert von 30 000 Euro sollen drei Männer in München und Eching gekauft haben - mit geklauten Kreditkartendaten.
Kreditkartenbetrug: Drei Festnahmen in München und Eching

Immer mehr Grippe-Kranke in Bayern - Impfung empfohlen

München - In Bayern steigt die Zahl der an Grippe erkrankten Menschen weiter. Die Gesundheitsministerin legt den Menschen ans Herz, sich impfen zu …
Immer mehr Grippe-Kranke in Bayern - Impfung empfohlen

Kommentare