Sudetendeutsches Kulturerbe vereint im Internet

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Archivleiter Karel Halla im Staatlichen Bezirksarchiv im westböhmischen Cheb (Eger) in Tschechien. Die Hälfte der Bestände zeugt vom Kulturgut der Sudetendeutschen.

Cheb/München - Für eine grenzüberschreitende Online-Bibliothek werden in Tschechien gerade 11 000 Kirchenbücher und 90 000 historische Fotos eingescannt. Auch deutsche Archive stellen sudetendeusches Kulturgut ins Internet.

Mehr als 60 Jahre nach der Vertreibung soll das auseinandergerissene Kulturerbe der Sudetendeutschen wieder vereint werden. Auf einer gemeinsamen Plattform im Internet wollen bayerische und tschechische Archive historische Fotos, Urkunden, Chroniken und Kirchenbücher veröffentlichen. Beiderseits der Grenze können damit Lücken in Geschichtsschreibung und Forschung geschlossen werden.

Der Großteil der rund 145 000 Originale blieb nach dem Zweiten Weltkrieg in der damaligen Tschechoslowakei. Andere Unterlagen gelangten mit den Vertriebenen nach Bayern. Im Staatlichen Bezirksarchiv im westböhmischen Cheb (Eger) zeugen über die Hälfte der Bestände vom einstigen deutschen Kulturgut. Etwa 500 Anfragen von Wissenschaftlern wie privaten Forschern erreichen das Archiv pro Jahr. Ihnen will Archivleiter Karel Halla einen weiten und umständlichen Weg künftig ersparen. “Im Internet können die Dokumente kostenlos und in Ruhe von zu Hause aus angesehen werden“, sagt er. “Die Archivalien bei uns werden dagegen geschont.“

Eine grenzüberschreitende Online-Plattform

Der praktische Nutzen ist indes nicht der ausschlaggebende Grund für das grenzüberschreitende Projekt. Der 35 Jahre alte Wissenschaftler gehört zu einer wachsenden Zahl junger Tschechen, die das verschüttete Wissen um die sudetendeutsche Kulturgeschichte wieder wachrufen möchten. Halla empfindet daher die geplante Online-Plattform als sehr wichtiges Projekt. Er will so menschlichen Schicksalen wie wertvollen Traditionen ein Forum geben. “Wir bemühen uns, die Dokumente objektiv zu präsentieren“, erläutert der Archivchef. “Jeder kann sich seine eigene Meinung dazu bilden.“

Tausende Kirchenbücher, Urkunden und historische Fotos

Im Original vorhanden sind in Westböhmen rund 11 000 Kirchenbücher mit Aufzeichnungen von Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Kriegsende 1945. Sie werden ebenso eingescannt wie 1758 Orts-, Schul- und Vereinschroniken. Digitalisieren wird man in Cheb außerdem 90 000 historische Fotos.

Die Partner-Seite unter Federführung der Generaldirektion der Staatlichen Archive in München will noch einmal 40 000 Aufnahmen und weitere Chroniken beisteuern. Eingegliedert werden sollen außerdem die beiderseits vorhandenen Unterlagen über das Kloster Waldsassen in der Oberpfalz. Alleine rund 1900 Urkunden gibt es dazu im Staatsarchiv Amberg. Aus Tschechien kommen Ergänzungen, denn Besitztümer des Klosters lagen einst auch auf dem Gebiet des heutigen Nachbarstaates. “Das Beispiel macht deutlich, wie irrelevant nationale Grenzen, in denen wir heute denken, bis ins 19. Jahrhundert waren“, sagt Michael Unger, der Sachgebietsleiter für Forschungsprojekte bei der Generaldirektion.

385 000 Euro aus Mitteln der EU

In München ist man deshalb froh, sudetendeutsche Archivalien künftig in ihrem Gesamtkontext darstellen zu können. Die Zusammenarbeit mit den tschechischen Kollegen nennt Unger völlig unkompliziert. “Diese fachliche Kooperation hat es vorher nicht gegeben. Sie ist für beide Seiten ein Gewinn.“ Umgerechnet 385 000 Euro wird nach Angaben von Karel Halla das gemeinsame Projekt kosten, das aus EU-Mitteln finanziert werden soll. In Cheb hat man mit dem Scannen bereits begonnen. Rund ein Drittel der Kirchenbücher und Chroniken sind in Arbeit. Erste Ergebnisse könnten Ende 2010 ins Internet gestellt werden.

Beate Franck/lby

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