Bayern droht eine Wildschweinplage

+
Bayern droht eine Wildschweinplage

München - Die Spur der Wildschweine zieht sich quer durch Bayern. Jäger, Landwirte und Behörden suchen im Kampf gegen das schwarze Wild verzweifelt nach Strategien.

Die Situation ist ernst. “Die Wildschweine drohen vielerorts in Bayern tatsächlich zur Plage zu werden“, stellt Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) fest. Von einem landesweiten Problem spricht Johann Koch, der Jagdreferent des Bayerischen Bauernverbandes (BBV).

Die Ursachen glaubt der Präsident des Bayerischen Jagdverbandes (BJV), Jürgen Vocke, zu kennen: “Für die Sauen ist das hier doch ein Schlaraffenland.“ Alle sind sich einig. Obwohl es weder konkrete Zahlen über die Wildschweinpopulation noch über das ganze Ausmaß der angerichteten Schäden gibt, ist unstrittig, dass sich das borstige Schwarzwild bei jährlichen Vermehrungsraten bis zu 300 Prozent “massiv ausbreitet“, so Koch, und sich bei der Suche nach Nahrung verstärkt durch Wiesen und Felder wühlt.

Verschont bleibt nur der Wald. “Die lockern die Böden sogar auf“, hält Philipp Bahnmüller von den Bayerischen Staatsforsten bei der Wildschweinplage dagegen. Erboste Landwirte rufen die Jäger, deren Abschusszahlen steigen.

Pro Jagdsaison erlegen sie in Bayern etwa 45 000 Tiere. Das aber reicht nicht. Der Landwirtschaftsminister fordert “eine deutliche Verringerung der Bestände, um die zunehmenden Schäden in der Landwirtschaft und die steigende Gefahr von Wildunfällen und Schweinepest in den Griff zu bekommen“.

An etwa zehn Prozent der Unfälle im besonders belasteten Unterfranken sind nach Angaben des dortigen Polizeipräsidiums Wildschweine beteiligt. Im vergangenen Jahr waren es 764 solcher Unfälle. Und an die Schweinepest will Johann Koch vom Bauernverband lieber nicht denken: “Ein Ausbruch könnte katastrophale Folgen haben.“

Im Landkreis Starnberg traten vor sechs Jahren die ersten Wildschweine wieder auf. Jetzt vergeht kaum eine Woche, in der Keiler, Bachen und Frischlinge nicht in landwirtschaftliche Flächen einbrechen. 2002 wurden fünf Wildschweine erlegt, heuer dürften es 250 sein.

In Unterfranken, dem bayerischen Wildschwein-“Mekka“, kann man davon nur träumen. Ralph Keller ist der leidgeprüfte Leiter der Kreisgruppe Miltenberg im BJV, auf deren Jagdstrecke fast zehnmal so viele Tiere liegen. Es kriselt im Verhältnis zwischen Landwirten und Jagdpächtern, und das nicht ohne Grund. Denn die Pflicht zur Schadensregulierung hat sich in den meisten Fällen von den Grundbesitzern auf die Jagdpächter verschoben - mit gravierenden Konsequenzen. Wenn eine stämmige Rotte unterwegs ist, “können auf einen Schlag einige tausend Euro zusammenkommen“, weiß Jagdpräsident Vocke. Der Vorsitzende der Starnberger BJV-Gruppe, Johann Wiedemann, hält diese Regelung für “teilweise existenzgefährdend“.

Wie weit das führen kann, hat Ralph Keller in Miltenberg erfahren. Für Schäden in einer 300 Quadratmeter großen Streuobstwiese wollte ein Schäfer Schadenersatz in Höhe von 450 Euro - der Quadratmeter Grund hat einen Preis von 40 Cent. Solche Kontroversen, meint Keller, könnten zur Unverpachtbarkeit der Reviere führen.

Im Bauernverband heißt es hingegen, 90 Prozent der Schadensfälle würden gütlich geregelt. Das schlaue Schwarzwild ist nachtaktiv. Erst wenn der Mensch verschwunden ist, verlassen die Tiere ihre Verstecke tief im Wald. Sie haben es gut im bayerischen Land. Die Energiedepots in Form von Mais- und Rapsfeldern stehen zur freien Verfügung und im Zuge des Waldumbaues gibt es immer mehr Laubbäume mit schmackhaften Eicheln und Bucheckern.

Bei diesem reichen Angebot und nach milden Wintern können die Bachen, so der Landwirtschaftsminister, “kräftig Nachwuchs produzieren“ - durchschnittlich zwei Mal im Jahr zehn Frischlinge. Die Jagd auf die scheuen und schnellen Tiere, die locker mit Tempo 50 durch die Dämmerung rennen, ist zeitaufwendig und oft enttäuschend. “Da kommt Freude auf, wenn man in kalten Vollmondnächten draußen sitzt und hört sie im Maisschlag schmatzen“, berichtet Jagdpräsident Vocke. “Es hilft auch kein Nachtsichtgerät, im meterhohen Getreide und im dunklen Maisfeld ist keine Sau zu sehen.“

Die großen Maisflächen passen den Jägern überhaupt nicht. “Oft wird bis an die Straßen herangebaut, da können wir doch nicht rumschießen“, erläutert Vocke. Weniger Mais, lautet daher die zentrale Forderung. “Schwarzwild gibt es auch in Gebieten mit wenig Mais und Biogasanlagen“, meint hingegen Johann Koch vom Bauernverband.

Die Jäger, auf die alle zeigen, wenn über die Wildschweinplage geklagt wird, verlangen nach den Worten von Verbandssprecher Thomas Schreder bessere Möglichkeiten für eine saubere Jagd, etwa Schneisen in Maisplantagen. 90 Prozent der Tiere werden immer noch am Einzelsitz erlegt.

Doch die Methode ist wenig wirkungsvoll. Revierübergreifende Bewegungsjagden wären eine Alternative. Die aber sind schwierig durchzuführen. Sie erfordern eine exakte Planung, Absperrungen sind notwendig und oft blockiert Revieregoismus das Projekt. Vocke plädiert für einen runden Tisch und einen fairen Umgang miteinander.

Der Bayerische Landwirtschaftsminister Brunner betont: “Die Bejagung von Wildschweinen kann nur vor Ort gemeinsam mit allen Beteiligten effektiv sein.“ Sicher aber ist, so Johann Koch vom Bauernverband: “Wir müssen handeln.“

dpa

Meistgelesene Artikel

Mann (56) erfasst Bub beim Einparken

Illertissen - Mit schweren Verletzungen wurde ein zehn Jahre alter Bub in eine Klinik gebracht. Ein 56-Jähriger hatte ihn auf einem Gehweg angefahren.
Mann (56) erfasst Bub beim Einparken

Kreditkartenbetrug: Drei Festnahmen in München und Eching

München - Zugfahrkarten im Wert von 30 000 Euro sollen drei Männer in München und Eching gekauft haben - mit geklauten Kreditkartendaten.
Kreditkartenbetrug: Drei Festnahmen in München und Eching

Immer mehr Grippe-Kranke in Bayern - Impfung empfohlen

München - In Bayern steigt die Zahl der an Grippe erkrankten Menschen weiter. Die Gesundheitsministerin legt den Menschen ans Herz, sich impfen zu …
Immer mehr Grippe-Kranke in Bayern - Impfung empfohlen

Kommentare