Leidensgeschichte während des NS-Regimes – "Meine Geschichte ist eine Geschichte, die die meisten nicht überlebt haben"

Jüdischer Zeitzeuge Abba Naor in der Berufsschule

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Abba Naor erzählte als Zeitzeuge vom Grauen des Nazi-Regimes in der Berufschule FFB (von li na re): Dr. Wilfried Heisel, Berufschullehrer, Petra Mayer, Mitarbeiterin der Schulleitung, Andrea Reuß, Schulleiterin , Abba Naor und die Berufschüler. 

Fürstenfeldbruck - ,,Das Leben steckt voller Zufälle. Mein Zufall war, dass ich zufällig am Leben geblieben bin. Meine Geschichte ist eine Geschichte, die die meisten nicht überlebt haben". Mit diesen Worten begrüßte der 87- jährige Abba Naor die Berufschüler der 10. und 11. Klasse. Dabei lässt er seine Zuhörer wissen, dass er keinen Vortrag hält. ,,Vorträge halten Professoren, Gelehrte. Ich bin kein Gelehrter, ich habe nie studiert". Er erzählt aus seinem Leben, das 1928 mit seiner Geburt in Kaunas in Litauen begann. 

 Als er 13 Jahre alt ist, musste er mit seinen Eltern und beiden Brüdern in ein jüdisches Ghetto umziehen, kurz nachddem die deutsche Wehrmacht 1941 Litauen überfiel. Sein älterer Bruder wird dort von der SS erschossen. 1944 werden die Naors in das KZ Stutthof im heutigen Polen deportiert und Abba von seinem Vater getrennt. Der schlimmste Moment in seinem Leben sollte ihn bis heute nicht loslassen: ,,Am 26. Juli 1944 sah ich meine Mutter und meinen kleinen Bruder zum letzten Mal. Sie wurden nach Auschwitz gebracht und dort vergast", erinnert er sich zurück. Immer wieder stellt er sich die Frage, wie die letzten Momente dort abgelaufen sind: ,,Ich weiss nicht wie es in den Gaskammern war. Hat meine Mutter meinen Bruder an der Hand gehalten? Hat sie ihn in die Höhe gehoben, damit er noch ein bisschen länger leben konnte?"

 Im Klassenzimmer herrscht absolute Stille. Die Schüler sind betroffen von den Worten des Zeitzeugen. Abba Naor fährt fort und erzählte wie er nach Utting deportiert wurde und mit anderen Häftlingen Baracken bauen, später beim Aufbau einer Fabrik mithelfen musste. ,,Wir mussten 12 Stunden arbeiten, ohne Verpflegung. Abends gab es eine Scheibe Brot und eine Suppe, manchmal auch ein Stück Käse. Wir lebten in einer ganz anderen Welt. Die Arbeitslager waren Vernichtungslager. Jeder 2. ist verhungert". Für das Überleben seien drei Dinge wichtig gewesen: ,,Freunde haben, Aufpassen und irgend etwas Essbares finden", sagt er. ,,Wir waren vier Freunde und mussten unser Leben aufs Spiel setzen, um zu überleben". In den letzten Kriegswochen leistete er im Außenlager in Kaufering bei sehr schlechten hygienischen Verhältnissen und geringsten Essensrationen härteste Zwangsarbeit. Nach der Befreiung durch amerikanische Soldaten in der Nähe von Waakirchen, traf er im Lager für ,,Displaced Persons" seinen Vater wieder.

Am Ende seiner Ausführungen sind die Berufschüler tief beeindruckt und trauen sich anfangs nicht,  Fragen zu stellen. Dann aber will ein Schüler wissen, ob er immer noch Hass verspüre. ,,Nein, nur Mitleid", antwortet Abba Naor. Eine Schülerin frägt, ob es eine Alternative gegeben hätte. ,,Die Alternative wäre mein Tod gewesen. Die Frage ist, ob das besser gewesen wäre", so Naor. Auf die Frage, ob er jemals daran gedacht habe aufzugeben, antwortet er: ,,Das ist nicht passiert. Der Tod war ja immer da". Zum Schluss bestärkt Abba Naor die Jugendlichen, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. ,,Diese kann gut sein oder miserabel, wenn man auf falsche Propheten hört". 

 Nicole Burk

 

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