Vortrag in der Freien evangelischen Gemeinde FFB über die Zukunft von Juden und Arabern 

Kirchlicher Nahost-Korrespondent Gerloff:  "Die Christen in Syrien zittern, wenn das Regime fällt"  

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Gastgeber, Gemeindepastor Gerd Ballon (li.) und Gastreferent Johannes Gerloff.

Fürstenfeldbruck – Die Ereignisse im Nahen Osten und in  Israel interessieren auch die Menschen in Fürstenfeldbruck. Das jedenfalls zeigte sich am 17. Juni, als über 100 Besucher ins Gotteshaus der Freien evangelischen Gemeinde Fürstenfeldbruck an der Oskar-von Miller-Straße kamen, um den Vortrag des Theologen und Journalisten Johannes Gerloff mit dem Thema „Der arabische Frühling – was wird aus Juden und Arabern?“ zu verfolgen. Gemeindepastor Gerd Ballon stellte den Buchautor und Nahostkorrespondenten als „Kenner der Szene“ vor.

Seit mehr als zwei Jahren schaut die Welt ratlos auf die Geschehnisse in Nordafrika und im Nahen Osten. Diktatoren, die jahrzehntelang an der Macht waren, wurden abgesetzt und öffentlich gedemütigt. Neue Regierungen formieren sich, ganze Volksgruppen bekriegen sich. Der Konflikt in Syrien habe inzwischen mehr Todesopfer gefordert als der israelisch-arabische Konflikt in den vergangenen sieben Jahrzehnten, Seit mehr als zehn Jahren ist der in Jerusalem lebende Gerloff politischer Beobachter und Korrespondent des Nachrichtenportals www.israelnetz.com. Er ist verheiratet und hat in Tübingen, Vancouver und Prag Theologie studiert. 


Die Bezeichnung „Arabischer Frühling“ gefalle ihm überhaupt nicht, eröffnete der seit 1999 als Nahostkorrespondent des Christlichen Medienverbundes KEP (Konferenz Evangelikaler Publizisten) in Israel tätige Gerloff seinen Vortrag, mit dem er es verstand, seine Zuhörer in die vielschichtige Problematik des arabischen Kulturstammes mit hinein zu nehmen. Die Begrifflichkeit „arabischer Frühling“ sei eine westliche Erfindung, die zugleich eine Bankrotterklärung des Westens darstelle, so Gerloff. Der Theologe hält es für unerlässlich, dass die deutsche Öffentlichkeit zu einer eigenen Sichtweise des Konflikts zwischen Israel und Palästinensern komme, unabhängig von der eigenen Geschichte. Was passiert da eigentlich? Was sind die Hintergründe? Was sind die geschichtlichen Entwicklungen? 

Was führt Menschen dort im Nahen Osten dazu, auf bestimmte Weise zu denken und dann auch zu reagieren auf bestimmte Entwicklungen? Gerloff würde sich wünschen, dass die Leute mehr Fragen als Antworten geben, dass vielleicht bestimmte Klischees aufgebrochen würden. „Es sollte uns darum gehen, alles etwas besser zu verstehen“, so der Nahostexperte. Er sei vielen Experten begegnet, die Entscheidungen über Leben und Tod treffen mussten. Ihn interessierte aber mehr die Analyse, aufgrund der diese Leute ihre Entscheidungen getroffen haben. 

Gerloff glaubt, dass die Deutschen manchmal viel zu schnell mit den Antworten sind. Man wisse nicht einmal wie viele Tote es bisher gegeben habe. Man spricht von 100.000, doch es könnten weit mehr sein, so Gerloff. Nach Schätzungen des israelischen Geheimdienstes wird die Zahl mit 200.000 angegeben. So gebe es viele Fehleinschätzungen, verzerrte Vorstellungen. Doch die Frage, die alle brennend interessiert, wie geht es weiter? Was wird morgen passieren? "Die kann Ihnen keiner beantworten", so Gerloff. „Die Frage, was wird aus Juden und Arabern, könnte ich Ihnen also kurz beantworten, dann könnten Sie gleich wieder gehen: Ich weiß es nicht!“ 

Wenn man die letzten 20 Jahre zurückblicke, dann habe Israel nur immer reagiert. „Israel hat taktiert und keine Strategie, den Vorwurf müssen sie sich gefallen lassen“, sagte Gerloff. Der israelische Generalstabschef Benny Gantz äußerte unlängst, die Israelis hätten  so wenig Angst vor einem Krieg wie noch nie. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass alles zerfällt, sei  heute so hoch wie noch nie. Man sehe sich täglich Herausforderungen gegenüber, die es zu bewältigen gelte, an die man vor einer Woche noch nicht gedacht habe, die aber das Potential für einen Flächenbrand haben, beschreibt Gerloff die Situation im Nahen Osten. 

 Zur Lage in Syrien meinte der Nahostkorrespondent, man wisse nicht wie viele Tote es bisher gegeben habe. „Wenn man aber für die Christen in Syrien ist, betet für das jetzige Regime“, sagte er. „Betet, dass Staatschef Assad nicht fällt.“ Denn die Christen in Syrien zittern, wenn dieses Regime fällt. Gerloff, der sich alle Seiten und Meinungen auch der Kleinen Leute von der Straße anhört, meinte dazu: „Die Frage ist immer, auf welcher Seite man steht und welches System kommt danach?“ 70 Prozent der Bevölkerung stehen seiner Aussage nach hinter Assad, nicht weil sie für ihn sind, sondern weil sie Angst davor haben, was die Alternative sein könnte. 

 Dieter Metzler  


Dieter Kreis, Pressevertreter der FeG Fürstenfeldbruck, fügte in seinem Bericht an: 

"Bei dem Vortrag wurde deutlich, dass es für die Region keine einfachen Lösungen gibt und dass es extrem schwer ist, sichere Prognosen über die weitere Entwicklung anzustellen. Am aktuellen Beispiel von Syrien verdeutlichte er diese These. Zwar agiere das Assad-Regime diktatorisch und grausam (so wurde u.a. die syrische Geheimpolizei von der Staatssicherheit der DDR ausgebildet), aber eine Unterstützung der Rebellen sei auch problematisch, da sich die diversen Milizengruppen zu großen Teilen aus Dschihadisten und Al-Kaida-Terroristen zusammensetzten. Gerloff sprach von schätzungsweise 30.000 bis 50.000 Berufs-Dschihadisten auf Seiten der Rebellen. Für die syrischen Christen sei das Assad-Regime dennoch vorteilhafter, da die Christen unter Assad weit weniger Repressalien ausgesetzt seien, als sie es in einem islamistisch-fundamentalistischen Regime, wie es  die Rebellen anstreben, sein würden. Das ganze dramatische Ausmaß des Syrien-Konflikts äußere sich auch darin, dass die Auseinandersetzungen bislang bereits mehr als doppelt so viele Tote gefordert hätten als in 70 Jahren jüdisch-arabischem Konflikt; nach UNO-Angaben sind in Syrien zwischen 90.000 und 100.000 Menschen Opfer der gewaltsamen Auseinandersetzungen geworden. Expertenangaben zufolge könne diese Zahl jedoch auch bei rund 200.000 liegen – eine humanitäre  Katastrophe!

Auch ganz praktische Handlungsansätze hatte Johannes Gerloff parat: Er plädiert dafür, die Augen und Ohren offenzuhalten, sich für die Lage in der Region zu interessieren und nicht so sehr den Prognosen über die weitere Entwicklung zu vertrauen, denn in der Vergangenheit hätten sich viele Prognosen als falsch herausgestellt. Zudem sei es sinnvoll, dass mehr Menschen sich selbst vor Ort ein Bild der Lage verschaffen und dass die Bevölkerung in Deutschland weiterhin Hilfslieferungen in die Krisenregion unterstützt. Außerdem sprach sich Gerloff dafür aus, dass langfristig mehr Menschen Islamwissenschaften studierten, um das Wissen über Kultur, Religion und Situation der Bevölkerung in der Region zu vertiefen."  

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