Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen in Fürstenfeldbruck durch Spruchkammerurteile behindert - Archivar/Historiker Dr. Neumeier referierte

Stadtarchivar Dr. Gerhard Neumeier referierte die Entnazifizierung in Bruck vor dem Historischen Verein Fürstenfeldbruck (HVF), wie es sich für einen promovierten Historiker gehört, sachlich, emotionslos und präzise nach Quellenlage. Er vergaß auch nicht, aus den Entnazifizierungsverfahren Schlussfolgerungen darzulegen und die Ergebnisse in Fürstenfeldbruck mit denen in den Westzonen zu vergleichen. Neumeier hatte vor seiner Tätigkeit in Bruck in der Birthlerbehörde zusätzliche Vergleichsmöglichkeiten in der Aufarbeitung diktatorischer Unrechtsbewältigung erlangt. In seinem Referat gelang das, was HVF-Vorsitzender Otto Meißner zu Beginn angekündigt hatte: "Der Vortragsabend im Veranstaltungsforum FFB am 65. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz ist nicht nur für die anwesende Presse interessant, sondern geht jedem unter die Haut.“

In Fürstenfeldbruck mussten sich 69 Personen, die als nationalsozialistische Funktionsträger mit zentralen Positionen in Partei, Staat, Stadt und Vereinen die Jahre 1933 bis 1945 negativ prägten, in den Spruchkammern verantworten. Von 51 Personen aus der Gruppe der 69 sind Selbsteinstufungen überliefert und wurden von dem Historiker Dr. Neumeier ausgewertet. Untersucht hat Neumeier die aus seiner Sicht wesentlichen 69 NS-Funktionsträger, alle Personen über 18 Jahre mussten sich der Entnazifizierung unterziehen, bei den meisten kam es aufgrund ihrer Angaben gar nicht zu Spruchkammerverfahren. Zu diesen Brucker Machtträgern in der Zeit der Nazidiktatur gehörten unter anderen Kreisleiter Franz Emmer, Ortsgruppenleiter Heinrich Böck und Otto Mang, Sparkassendirektor Georg Geiss, Stadtbaumeister Friedrich Hofmann, Kreisfrauenschaftsleiterin Franziska Heitmeyr, Kreishandwerksmeister Hans Enzberger, der Leiter der Polizei und Führer der Stadtwache Johann Edin, der Kompanieführer des Volkssturmes Anton Glaab, der Landrat in der NS-Zeit Dr. Sepp und der Brucker „NS-Bürgermeister“Schorer sowie die Stadträte ab 1933 wie beispielsweise Fritz Paulin oder Michael Härtel. Von 51 Personen, deren Spruchkammerverfahren Neumeier untersuchen konnte, bekannte sich selbst keiner als „Hauptschuldiger“, nur einer als „Belasteter“ und vier als „minderbelastet“. Über die Hälfte bezeichneten sich als „Mitläufer“ und mehr als ein Drittel gar als „entlastet“. Auf dem Weg über Berufungsverfahren erreichten viele der angeklagten nationalsozialistischen ehemaligen Brucker Funktionsträger sogar noch eine „Verbesserung ihrer Lage“: Zwar blieb Franz Emmer als einziger Hauptschuldiger und Heinrich Böck, Georg Gillmeyer und Josef Wolkersdorfer galten als „Belastete“. Aber keiner der 51 angeklagten Täter wurde in die Gruppe der Minderbelasteten eingestuft, 55,5 Prozent waren am Ende nur „Mitläufer“, immerhin 15,5 Prozent galten als „Entlastete“ und 23 Prozent der ehemaligen Brucker „Obernazis“ fielen unter die Weihnachtsamnestie. Kreisleiter Emmer zeigte keine Einsicht“: Er blieb bis zu seinem Tod 1959 überzeugter Nazi. Die Brucker Verhältnisse ähneln denen in den drei Westzonen: Insgesamt wurden hier nur 1667 Haupttäter als „Hauptschuldige“ anerkannt und gerade mal 23 000 als „Belastete“ meist mit moderaten Haft- und Geldstrafen belegt. 150 000 „Minderbelastete“ kamen mit niedrigen Geldstrafen davon. Die restlichen 95 Prozent von ehemals Hunderttausenden der nationalsozialistisch gesinnten Machtträger galten in den Westzonen als „Mitläufer“, wurden als „Entlastete“ eingestuft oder wurden infolge großzügiger Amnestien von jeder Verantwortungsübernahme entlastet. Dr. Neumeier formulierte zum Schluss einige Thesen, die erklären können, warum in Bruck, ebenso wie in den Westzonen insgesamt nur so wenige überzeugte Nazis als „Hauptbelastete“ schuldig gesprochen wurden, beziehungsweise warum die Nazis so ungeschoren davonkamen: Fast alle Akteure des jahrelangen Entnazifizierungsprozesses hätten ein großes Interesse daran gehabt, dass die große Mehrheit der „Betroffenen“, also der ehemaligen Nazis, möglichst niedrig eingestuft würden. Unabhängig von den generell den Deutschen unbequemen und unpopulären Spruchkammerverfahren „herrschte eine fast allumfassende Interessensallianz“. Infolge des Kalten Krieges und des Wiederaufbaus interessierte sich bald schon fast niemand mehr für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen. In einem nur nebenbei hingeworfenen Nebensatz in der Diskussion äußerte Neumeier, es sei „eigentlich nicht tragbar, dass ehemalige MfS-Mitarbeiter in der Birthlerbehörde“ arbeiteten - eine Beobachtung, die zu denken geben sollte.

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