"Afrika ist mein Feld" – Nach Unterricht in einer Missionsschule Erfahrungen an der Deutschen Botschaft  

Künftiger Politologe aus Maisach absolvierte Praktium an der Deutschen Botschaft in Togo 

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Nach dem Deutsch-Unterricht an einer Missionsschule in Togo absolvierte der 25-jährige Maisacher Politologie-Student Andreas Johannes Ullmann ein fünfmonatiges Praktikum an der Deutschen Botschaft in Lomé.

Maisach – Es ist nicht leicht , als Weißer das wahre Leben in einem Land wie Togo in Erfahrung zu bringen. Denn Menschen weißer Hautfarbe würden von der Bevölkerung dort als “reich” empfunden. Das kann eine Barriere sein, nicht aber für Andreas Johannes Ullmann, aufgewachsen in Maisach. Vor seinem fünfmonatigen Praktikum an der Deutschen Botschaft in Lomé war er schon einmal zwei Monate im Land und unterrichtete Deutsch an einer Missionsschule. Am 25. März wird Ullmann um 18 Uhr im Togohaus in Maisach einen Vortrag  über seine Erfahrungen halten.

Togo in Westafrika ist zwar eines der ärmsten Länder der Welt, aber mit Potential. Ullmann: “Lebensfreude, Religiöse Toleranz, Erfindungsreichtum, Gastfreundschaft, zivilgesellschaftliches Engagement, vielseitiges ästhetisches Empfinden, ein Denken das sehr viel tiefer geht als das abendländisch-rationalistische… Das sind alles Aspekte der togoischen Gesellschaft, die ich sehr bewundere und die teilweise sehr viel stärker ausgeprägt sind als beispielsweise in Deutschland. “

 Außer Phosphat-Vorkommen und einem stark frequentierten Tiefsee-Hafen hat Togo zwar nicht viele Industrie-Anlagen vorzuweisen, aber wirtschaftlich und politisch – so findet der künftige Politologe - sei Togo auf einem guten Weg. Ein Mehrparteiensystem mit einer Regierungskoalition (vorher Einheitspartei), freie Medien. “Deshalb wurde ja auch die deutsche Entwicklungshilfe Ende 2011 nach fast 20 Jahren Suspendierung wieder aufgenommen.” Das Klischee von den ach so “armen Afrikanern” teilt Ullmann nicht. “Die Togoer würden vieles auf die Reihe kriegen, wenn die Bedingungen besser wären.” 2013/2014 erhielt Ullmann das Visum für Togo, nachdem seine Bewerbung um ein Praktikum an der Deutschen Botschaft in Lomé erfolgreich war.  

Seine  Voraussetzungen waren gut: Französisch als Leistungsfach, Frankreich-Aufenthalt als Schüler, danach ein zweimonatiges Praktikum an einer Missionsschule in Atakpamé. Eine kleine Botschaft wie die der Bundesrepublik in Lomé hat Vorteile: Der künftige Politikwissenschaftler durfte während seines fünfmonatigen Aufenthalts viel mehr als nur kopieren und Kaffee kochen. Ullmann: “Man hat mich stark stark eingebunden in die Arbeit der BMZ-Länderreferenten (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), in das diplomatische Corps der EU mit GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) und KFW (Kreditanstalt für Wiederaufbau).”

Andreas Ullmann am Strand von Lomé. In der  Nähe befindet sich der stark frequentierte Tiefsee-Hafen von Togo.

Ullmann: “Afrika ist mein Feld.” Aber manchmal holt einen jungen Deutschen sogar die unselige Kolonialgeschichte wieder ein. Es habe ihn aber nicht aus der Fassung gebracht, als er die negative Seite der Kolonialgeschichte bei der Kontrolle seines Visums erfahren musste. Der Beamte hatte das Ausstellungsdatum mit dem Antragsdatum verwechselt. In solchen Fällen könne man schnell hinter Gittern kommen, das war Ullmann sofort klar. Zumal der Beamte noch hinzufügte: “und einen (Hieb) für den Kaiser”... Der Spruch stammt aus der Kolonialzeit. Die deutschen Kolonien und Schutzgebiete wurden vom Deutschen Kaiserreich am Ende des 19. Jahrhunderts erworben und nach dem Ersten Weltkrieg gemäß dem Versailler Vertrag von 1919 aufgegeben. Die so genannten „deutschen Schutzgebiete“ waren 1914 das an Fläche viertgrößte Kolonialreich nach dem britischen, französischen und russischen Weltreich. Gemessen an der Bevölkerungszahl lag es etwa an fünfter Stelle nach den niederländischen Kolonien.

Dazu kamen Schutztruppen (in Deutsch-Ostafrika, Kamerun und Deutsch-Südwestafrika), militärisch organisierte Polizeitruppen und nach dem Vorbild der Konsulargerichte geschaffene Schutzgebietsgerichte. Um die einheimischen Völker, die traditionell Selbstversorger waren, zum Arbeiten auf den Plantagen zu zwingen, wurde in den Kolonien für alle Landbesitzer die "Hüttensteuer" eingeführt. Die deutschen Herrscher führten in ihren Kolonien eine strenge Bürokratie und bestraften die Einheimischen bei Regelverstößen relativ hart. (Prügelkultur). Quelle: Wikipedia.

Die Hauptstadt ist nicht typisch für das Leben in Togo an sich: Hier lebt auch jene gebildete Schicht, die sich stark an Europa und den USA orientiert und auf Familienplanung setzt. Die Mieten sind - gemessen am Durchschnittseinkommen eines Togoers –  hoch.  Nur wenige verdienen genug, um ihren Kindern eine gute Ausbildung zu finanzieren. Es gibt keine Kanalisation in Lomé, Strom ist teuer, und die Versorgung fällt öfters aus, in ganz Togo ist das Wasser knapp und keimbelastet. Nicht zuletzt dem unermüdlichem Engagement der Hilfsorganisation PiT-Togohilfe Maisach und der Spendenbereitschaft über den Landkreis FFB hinaus verdankt das Land viele Brunnen und öffentliche Einrichtungen. Viele Togoer empfinden es auch als Segen, dass wenigstens das im Land (früher von Deutschen, jetzt von Franzosen) gebraute Bier auch in noch so entlegene Winkel des Landes gelangt. Milch ist übrigens in Togo ein Produkt, das man vergeblich sucht. In dem westafrikanischen Land gedeihen vereinzelt Bananen, Nüsse, Kakao und Kaffee,  jedoch wird der Kaffee im Ausland von einem Konzern verarbeitet und kehrt als lösliches Pulver ins Land zurück. Das Angebot in den großen Märkten der Hauptstadt sei zwar vielfältig, aber teuer. Für die meisten Bewohner sind die importierten Produkte unerschwinglich. So hielt es Ullmann wie die Einheimischen: Auf seinem Küchenplan standen Mais, Maniok und Jam. “Der Brei wird mit einer scharfen Sauce gegessen.”  Zwar haben viele Togoer ein Handy, aber das  Internet ist langsam, man behilft sich mit Sticks oder mit einem Besuch in einem der zahlreichen Internet-Cafés. “Aber das kostet Geld,” sagt Andreas Ullmann.  

 Genauso wie die medizinische Versorgung, die fast  nur in den Städten verfügbar ist. “Wenn jemand einen Verkehrsunfall hat, kommen viele Zuschauer,  aber kaum jemals ein Rettungsdienst.” Der Togoer , so Ullmann, geht nicht mit jedem Wehwehchen zum Arzt. Auf dem flachen Land ist dies lebensbedrohlich, obwohl man traditionell auch den „guérisseur“, was mit „Heiler“ übersetzt werden kann, hinzuzieht. Zwar sei Togo von Ebola verschont geblieben, jedoch bedrohen Malaria, Cholera, Magen- und Darminfektionen durch verunreinigtes Wasser, Kinderlähmung, Schlangenbisse bei der Arbeit auf dem Feld, Wundinfektionen oder Blinddarmentzündungen  Kinder und Erwachsene. 

Noch liegt die ganze Last für die Versorgung ihrer Großfamilie auf den Schultern der Frauen: Wer eine unbequeme holperige  Autofahrt auf schlecht oder überhaupt nicht asphaltierten Straßen mit kraterförmigen Löchern auf sich nimmt, sieht  unterwegs Frauen mit einem großen Bottich auf dem Kopf, das  Baby auf dem Rücken gebunden, ein Kind an der Hand - bei ihren  anstrengenden Fuß-Märschen zum nächsten Brunnen. Momentan werden unabhängig voneinander zwei Umgehungsstraßen in Lomé gebaut, eine finanziert von internationalen Institutionen, eine baut der chinesische Staat. Nur Privilegierte können sich die guten kirchlichen Privatschulen für ihre Kinder leisten. Afrikanische Kinder, die auf dem Land leben, nehmen kilometerweite Märsche durch den Busch auf sich, oft mit hungrigem Magen, um zur Schule zu gehen. Die Schuluniform ist Voraussetzung für den Schulbesuch, längst nicht alle Eltern können sich diese Ausgabe leisten. Auch die dortigen Dorflehrer verdienen schlecht. Ullmann, der in der Klosterschule Deutsch unterrichtete: “Man hört dann schon mal eine Geschichte, dass ein Lehrer in einer Dorfschule sagt: Heute fällt die Schule aus, denn ihr müsst mir alle auf meinem Feld bei der Ernte helfen.” 

Was der Maisacher aber angesichts der weltweit zunehmenden Konflikte bemerkenswert findet: In Togo leben die  Religionen (Christen, Muslime, Anhänger von Naturreligionen) friedlich zusammen. Religiöse Spannungen bestehen nicht in Togo, das sich vermutlich im März wieder auf Präsidentschaftswahlen mit Amtsinhaber Faure Gnassingbé, einem der 50 Kinder des früheren legendären Staatspräsidenten Eyadéma vorbereitet. In dessen Regierungszeit war Togo eine Militärdiktatur, heute befindet sich das Land mitten im Demokratisierungsprozess, wobei es von der internationalen Gebergemeinschaft und der EU unterstützt wird.

Hedwig Spies

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