Buchautor und Privataudienz beim Papst - Der behinderte Alexander Reeh schaffte mit Elternhilfe und Oma Erstaunliches

Obwohl schon im frühen Alter von knapp 3-4 Jahren von einer Psychologin als nicht fähig für ein normales Leben beurteilt und vom Hauptschulrektor erst gar nicht zum Unterricht zugelassen, entwickelte sich Alexander Reeh dank der familiären Bemühungen erstaunlich. Von ihm erscheint demnächst „Immer nach den Sternen greifen“. Ein Buch, geschrieben mit eigener Hand, über das eigene, bisherige Leben. Schon die ersten Lebensmomente waren überschattet: Aufgrund eines Ärztefehlers erlitt Alexander bei der Geburt einen irreversiblen Gehirnschaden.

Dennoch verbrachte er im Mittelstettener Kindergarten „toll“ empfundene KiGa-Jahre und erinnert sich noch heute dankbar an engere Spielkameraden wie Melanie und Benedikt Nebl. Wenn er auch insgesamt sechs Grundschuljahre ab 1995 absolvierte, so fiel ihm doch das Schreiben und Lesen verhältnismäßig leicht. Überraschend auch heute noch sein Merkgedächtnis an Kalenderdaten. Mutter Astrid, beruflich als Übersetzerin mehrsprachig begabt, berichtet über den Filius, dass sie in der Mammendorfer Grundschule kaum einmal Rechtschreibfehler von ihm erlebt habe. Die Eltern begannen früh, ihn die alttäglichen Normalitäten selbst bewältigen zu lassen. „Nicht die Arbeit aus der Hand nehmen, auch Fehler machen lassen. Nur so gewinnt ein Behinderter Selbständigkeit und zunehmende Sicherheit.“ Häusliche Maßnahmen, begleitet von Ergotherapie für die Grob- und Feinmechanik, aber auch vom Umgang und Reiten mit Pferden. Wichtig für Alexander seit seiner Erstkommunion die kirchliche Aufgabe als Ministrant, was er noch heute mit seinen inzwischen 22 Jahren mit Hingabe ausführt. Anläßlich einer Rom-Reise ermunterte ihn der Leiter des dortigen D. Pilgerbüros dazu, doch einmal im Vatikan zu ministrieren. Das realisierte sich im September 2008 bei einer zweiten Reise während einer normalen Sonntagsmesse, verbunden mit einer privaten Audienz beim Papst. Benedikt XVI. nahm von Alexander Reeh gerührt ein selbstgemaltes Aquarell entgegen. Das Aquarellmalen ist ihm zu einem besonderen Lebenselixier geworden. Für Astrid Reeh steht es als überhaupt beste Therapie fest, mit einem behinderten Kind so früh wie möglich anzufangen und die Geduld dafür aufzubringen. Den zweiten familiären Schock erlitt man an einem weltpolitisch denkwürdigen Tag, dem 11. Sept. 2001. Der Hauptschul-Rektor in Mammendorf befand, dass seine Schule nicht dem Förderbedarf von Alexander gerecht würde. Eine Förderschule wurde nahegelegt, für die Familie eine schallende Ohrfeige. „Damit hatten wir nicht gerechnet. Wir hatten schon alle Schulutensilien gekauft.“ Alexander fasste die Situation später so zusammen: „Der Tag war eine Katastrophe, für mich und die Welt.“ In der Familie Reeh verständigte man sich auf einen Selbstunterricht, wollte den Sohn in keine Förderschule geben, zumal die Oma noch als Lehrerin tätig war. Diese familiäre Entscheidung war allen betroffenen Behörden bis ins Kultusministerium schwer vermittelbar und stieß auf breite Ablehnung. Mutter und Großmutter haben dennoch unbeirrt das Projekt durchgezogen, überzeugt, dass der Sohn und Enkel über ein ausreichendes Schul-Potential verfüge. Astrid Reeh: „Die haben nicht nachgegeben - und wir auch nicht.“ Als Alexander am 14. Okt. 2009 am Todestag von Marianne Strauß in der Münchner Michaelskirche mit dem Dienst am Bischofsstab für Kardinal Friedrich Wetter ministrierte, saß die ehemalige Ministerin Monika Hohlmeier hinter ihm in der ersten Reihe. Sie hatte 2002 die Freigabe für den familiären Selbstunterricht verweigert. Zur jetzt bevorstehenden Buchveröffentlichung über das eigene Leben erhielt Alexander die Anregung aus dem Fernsehen. Anfangs begnügte er sich mit Überschriften zu den einzelnen chronologischen Ereignissen, dann wurde es ständig mehr und besser bis zu Textblöcken. Rund zwei Jahre hat er an dem Buchinhalt gearbeitet. Astrid Reeh: „Aber nicht jeden Tag!“ Bei der Leipziger Buchmesse 2010 im März soll der Autor auf Wunsch des Verlegers Tino Hemmann sein Werk öffentlich vorstellen. Hemmann schrieb hierzu das Vorwort, ergänzt durch ein Geleitwort der Integrationsexpertin Prof. Dr. Schöler, TU Berlin. Alexander, der inzwischen auch ein wenig Englisch und Italienisch spricht, hat schon viel von der Welt gesehen, von Hawaii (wo er schon neunmal war) bis Kalifornien, von Thailand bis Australien. „Ein wichtiger Punkt in seinem Leben.“ Dies dank vieler familiärer Freunde, weltweit, auch durch die Verbindungen von Vater Udo, einem aktiven Marathonläufer. Die Eltern belohnten Alexander jetzt zu seinem 22. Geburtstag mit einem Reisegutschein an den finnischen Polarkreis, einschließlich Rentiersafari und Husky-Farmbesuch. In seiner engeren, heimatlichen Umgebung bewegt sich Alexander völlig selbständig, ausgerüstet mit einem Handy. „Immer nach den Sternen greifen“ von Alexander Reeh, Engelsdorfer Verlag, Leipzig.

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