Cappuccino-Demokratie Chile - Die Politologin Dr. Ana Corina Toledo sprach auf Einladung des Forums Gröbenzell

Die Politologin Dr. Ana Corina Toledo mit chilenischen Wurzeln sprach auf Einladung im Gröbenzeller Begegnungs- und Sozialzentrum. Links der stv. Forumsleiter Heinrich Wunram. Foto: Günter Schäftlein

Schon die einleitende Frage verwirrte in ihrer ungewohnten Direktheit: „Wie viele Brote habt ihr?“ Doch im von Europäern gemutmaßten „wirtschaftlichen Zugpferd“ Chile gibt es - so überzeugend die Referentin Dr. Toledo - unter 3 Millionen Arme noch real existierende 5,7% der Bevölkerung, die in „extremer Armut“ leben müssen.

Der kleine Vortragsraum im Begegnungs- und Sozialzentrum war nur von Frauen besetzt, die intensiv über einen zeitnahen Abschnitt der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Chiles - ergänzt durch Bilder - in Kenntnis gesetzt wurden. Dr. Ana Corina Toledo verließ noch als Studentin 1978 nach fünf gelebten Jahren des Pinochet-Regimes (1973-90) ihr Heimatland, um über Venezuela ab 1985 in Bayern ansässig zu werden: In München und Augsburg schloß sie ihre politikwissenschaftlichen Studien ab (Diplomarbeit: 1,0) und promovierte. Die engagierte Fünfzigerin ist mit einem Deutschen verheiratet - 2 Kinder - und wohnt im Landkreis Dachau in Haimhausen. Ihr letzter Besuch in Chile datiert vom August 2010 zum Tod ihrer Mutter, drei Tage bevor die 30 Bergleute im Atacama verschüttet wurden. Ihr persönliches Engagement für das Heimatland resultiert in der finanziellen Unterstützung einer unterprivilegierten Studentin im Fachbereich Biologie (Gen-Technologie) an der Universität von Valparaiso. „Chile ist ein multikulturelles Land. Allerdings sieht man die Ureinwohner jetzt mehr in Museen … Unter Augusto Pinochet kamen viele Asiaten ins Land - und mit ihnen das Geld.“ Dr. Toledo beschönigt nichts in der politisch-gesellschaftlichen Entwicklung ihres Heimatlandes, das auch von deutschen Einwanderern mitgeprägt wurde. Auch in der kurzen sozialdemo-kratischen Präsidentschaft (1970-73) eines Salvador Allende - „Der wollte kein kubanisches Vorbild! - gab es kein klassisches Proletariat, nur eine ganz dünne Mittelschicht: „Das Sagen hatte die Oligarchie (Geld-Oberschicht) im Lande und die internationalen Multis aus den USA in Bergbau und Telekommunikation.“ Die unter Allende vorangetriebene Verstaatlichung endete mit dem Militärputsch 1973 und dem Tod Allendes, dem Ende aller begonnenen Reformen. Augusto Pinochet privatisierte zurück (außer dem Kupferbergbau) und verabschiedete sich gnadenlos vom „sozialen Ballast“. Bis 1990 vollzog sich eine Schreckensherrschaft mit ungeklärten politischen Hinrichtungen, ungesühnten Inhaftierungen. Seine ungeheure Machtfülle demonstrierte der General-Diktator Pinochet in einer Verfassungsreform von 1981, die - mehrfach revidiert - ihn bis zu seinem Lebensende im Dez. 2006 juristisch unangreifbar machte. Die Rolle der chilenischen Frauen in Politik und Gesellschaft ist gekennzeichnet durch ein erst 1949 auf kommunaler Ebene eingeräumtes Wahlrecht. Auch ein Salvador Allende hatte es versäumt, die Frauen politisch zu stärken. Unter Pinochet durften die Frauen im öffentlichen Dienst nur Kleider tragen. Bis heute werden Abtreibungen in Chile juristisch geahndet; Scheidungen sind erst wieder seit 4 Jahren möglich. Jedoch: Die Frauen bewiesen - außer der Bewältigung ihrer täglichen Aufgaben - schon unter dem Pinochet-Regime ihren Mut und fragten öffentlich nach ihren verschleppten/verschwundenen Männern, Söhnen, Töchtern. Die Frauen entdeckten aber auch - so die Referentin - dass Selbstbewusstsein und Demokratie schon in der Familie beginnen muß, auch durch das Erlernen von Lesen und Schreiben. Das Ergebnis liegt heute mit einer Schulpflicht und einem Anteil von 90% in der Bevölkerung vor, der jetzt Lesen und Schreiben kann. Viel hat sich seit 1990 unter den nachfolgenden Präsidenten/innen nicht verändert: „Etwas belustigt spricht man im Lande heute von einer Cappuccino-Demokratie.“ Chile, für Dr. Ana Corina Toledo das Land ihrer Jugend, werde rosiger gesehen, als es sei: Nicht so von 16 Millionen Einwohnern, von denen die Hälfte in und um die Hauptstadt Santiago lebt. Literaturhinweis: Dr. Ana Corina Toledo: „Partizipation von Frauen während der Militärdiktatur in Chile 1973 - 1990“ mail: corinatoledo@gmx.de

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