Felix Benneckenstein spricht vor Schülern über sein Leben mit dem Rechtsextremismus

Aus dem Nazisumpf entkommen

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Ex-Neonazi Felix Benneckenstein referiert vor Schülern des Viscardi Gymnasiums.

Fürstenfeldbruck – Es war nicht das erste Aufeinandertreffen von Michael Schrodi und Felix Benneckenstein. Vor einigen Jahren trafen sich die beiden schon einmal, jedoch nicht im Klassenzimmer sondern auf einer Demonstration. Felix Benneckenstein, damals bekannter Liedermacher „Flex“, lief für die Neonazis auf und Michael Schrodi versuchte genau diesen Auflauf der Rechten zu verhindern. Heute stehen sich die beiden erneut gegenüber – diesmal auf der selben Seite. Im Zuge des Informationstages über die Gefährdung der Demokratie durch verschiedene Formen rechtsextremer Agitation, berichtet Felix Benneckenstein Schülern des Viscardi Gymnasiums von seiner dunklen Vergangenheit.

„Die Einheimischen sind in Deutschland in der Minderheit und der Staat sieht nur zu und unternimmt nichts. Die Ausländer bringen die Kriminalität in unser Land und schlagen unsere Frauen.“ Zwei Sätze eines erschreckenden Weltbildes, an das der mittlerweile 30-Jährige lange Zeit glaubte. Der Mann aus Dorfen war jahrelang ein gefeierter Liederschreiber der Neonazis mit vielen Fans. Nach seinem Ausstieg gilt er in der Szene als Verräter, wird geächtet und manchmal sogar bedroht. Im Viscardi Gymnasium erzählt er von seinem Weg in die Neonaziszene und wie er den Absprung schaffte. Der junge Benneckenstein wächst in Dorfen, einer Stadt im Landkreis Erding auf und gerät früh auf die schiefe Bahn. Benneckenstein bricht das Gymnasium ab, landet auf der Hauptschule und wiederholt freiwillig die 7. Klasse. Er schließt sich einer Clique an, hat Probleme mit örtlichen Polizeibeamten und wird vor das Jugendgericht zitiert. Als „Nazi-Musik“ in der Gruppe die Runde macht, kommt es zum ersten Kontakt mit der rechten Szene - mit vierzehn Jahren. „Die Jugendlichen suchen einen Platz in der Gesellschaft und diese Musik vermittelt ihnen ein bestimmtes Weltbild,“ erzählt er. Die Musik handle oft von Freiheit und dem Aufruf sich gegen das System zu wehren. Damals wollte er nur „den Staat“ verändern, mit Nationalsozialismus habe das nichts für ihn zu tun gehabt, dachte er.

Deshalb folgte er dem Aufruf zur Veränderung und nahm an Kundgebungen der Neonazis teil. „Zu diesem Zeitpunkt war ich noch nicht voll radikalisiert“, erzählt er. Die „vollständige“ Radikalisierung folgte erst nach einem Gespräch mit einer 103-jährigen NPD-Kreisvorsitzenden „Zeitzeugin“. Die Vorsitzende berichtete ihm von der Flucht und der Vertreibung nach 1945, er erfährt von der ständigen Belagerung der Bundesrepublik durch die Amerikaner und liest in Büchern von dem friedlichen Leben in der NS-Zeit. „Die Bücher wurden natürlich von Neonazis verfasst“, sagt er heute. Aber damals glaubte er, was er da las.

„Wenn Verschwörungstheorien von gebildeten Personen oder aus Büchern stammen, fange man langsam an daran zu glauben und je weiter verbreitet diese Thesen sind, desto wahrscheinlicher scheinen sie“, sagt Benneckenstein. In der Ideologie bestärkt baute Benneckenstein die Kameradschaft in München wieder auf und beschloss Liedermacher zu werden. Schon nach kurzer Zeit wurde er zum gefeierten Star.

Neben dem Komponieren, hielt Benneckenstein Reden und organisierte Auftritte. Bald ist der Junge aus der kleinen Stadt Dorfen kein Unbekannter mehr in der deutschen Neonazi Szene. Felix Benneckenstein lernte seine Frau Heidi kennen. Heidi wuchs in einer „Nazifamilie“ auf und war Mitglied in der „Heimattreuen deutschen Jugend“, einem radikalen Jugendverband für Neonazis, der seit 2009 als verboten gilt. Die beiden zogen gemeinsam nach Dortmund. Anfang 2008 setzte er sich kritisch mit der Ideologie auseinander. Das erste Mal dachte er an einen Ausstieg. Ein Jahr später wurde Heidi schwanger. Benneckenstein, immer noch nicht ausgestiegen, verfasste weitere Strophen für seine neue CD. Die Schwangerschaft entwickelte sich für die beiden zu einem Wendepunkt: „Ich möchte nicht, dass mein Kind so erzogen wird, wie ich es wurde“, stellte Heidi klar. Für Benneckenstein war es ein ständiges hin und her: „Ich habe jedes Wochenende den Neonazi gespielt, unter der Woche war ich ein anderer Mensch,“ sagt er.

Doch erst drei Jahre später, 2011 zog das Paar die Reißleine und stieg gemeinsam aus. Sie suchten sich Hilfe beim Aussteigernetzwerk „Exit Deutschland“ und mussten umziehen. Facebookfreunde wurden gelöscht, der Kontakt zur Szene abgebrochen. Später gründete Benneckenstein den Aussteigerverein „Aussteigerhilfe Bayern“ und hilft nun in Kooperation mit „Exit Deutschland“ anderen Ausstiegs-Willigen beim Absprung. Seitdem hält er Vorträge an Schulen und appelliert an die Bevölkerung. Benneckenstein warnte davor, dass mit „krassem Rassismus“ am meisten Menschen angesprochen werden und die Angst vor dem Unbekannten immer noch ein gefährlicher Zugang zu radikalen Gruppierungen sei. „Die Gesellschaft muss die Ängste der Leute anhören und ernst nehmen!“ Aber auch ehemalige Nazis, die den Absprung geschafft haben sollten Unterstützung erhalten: „Wir als Gesellschaft sind verpflichtet, Aussteigern aus radikalen Szenen den Weg zurück zu ermöglichen.“ Abschließend solle jedem bewusst sein, dass „wenn man eine Ideologie annimmt, man auch immer das Gesamtbild annimmt.“

Felix Hamann

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