Frankreich ist anders - BR-Mann und Frankreich-Kenner Max Stocker sprach auf Einladung des Deutsch-Französischen Vereins Gröbenzell

Max Stocker, BR-Mann und Frankreich-Experte sprach auf Einladung des Deutsch-Französischen Vereins Gröbenzell e.V. im Bürgerhaus Gröbenzell. Foto: Günter Schäftlein

Auf Einladung des Deutsch-Französischen Vereins Gröbenzell e.V. - begrüßt durch Jochen Wiekenbrauk - bezog BR-Mann und Frankreich-Experte Max Stocker im Gröbenzeller Bürgerhaus Stellung zur französischen Situation im Frühjahr 2011 - aus seiner Sicht. Das vielsagende Thema: „Unzufriedene Bürger, ratlose Politiker“.

Das Frankreich im Frühjahr 2011 stellt sich zumindest für Staatspräsident Nicolas Sarkozy so dar: „Mit nur noch knapp um 25 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung für seine politische Leistung ist das eine fatale Situation.“ Ganz anders war das noch im präsidialen Wahljahr 2007 „mit einem eher ruhigen, freundlichen Herbst …“ Aber, so der Frankreichkenner Stocker, gab es für Sarkozy im darauffolgenden Jahr bereits die ersten Ausrutscher in der Präsidentenmannschaft mit individuellen Stürzen und Auffälligkeiten. Und nachfolgend „sind dem ehemaligen Haudrauf als Innenminister inzwischen auch als Präsident politische Instinktlosigkeiten zuhauf unterlaufen …“ Dennoch: Die Abnahme der Popularität innerhalb einer 5jährigen Präsidentenamtszeit scheine in Frankreich aber der Regelfall zu sein; auch Vorgänger Jacques Chirac hatte damit zu kämpfen. Nicolas Sarkozy - so urteilt Max Stocker - braucht aber trotz der gewaltig gesunkenen politischen Zustimmung für die im April 2012 anstehende Präsidentenwahl keine großen Befürchtungen für seine Wiederwahl zu haben: Es sei augenscheinlich kein ernstzunehmender Gegenkandidat in Sicht. „Bei aller Meinungsforschung. Und in Frankreich gibt es Umfragen wie Sand am Meer.“ Nachwievor scheine das sozialistische Lager heillos zerstritten und eine Führungspersönlichkeit nicht in Sicht. Die vor der Wahl 2007 hochgehandelte Segoléne Royal - „Sie ist als Siegerin losgesprungen und als Bettvorleger gelandet.“ - kam kurz vor dem Wahltermin in Nöte. Die Rechtsaußen um Le Pen hätten sich inzwischen um Tochter Marie Le Pen versammelt und blickten hoffnungsfroh auf eine neue Morgenblüte und eine durchaus denkbare Stichwahl 2012 mit Sarkozy - wie zum Schrecken der Franzosen 2002 bei der Stichwahl von Le Pen Vater und Chirac. „Tochter Marie ist verbal nicht so radikal wie der Vater, gelegentlich sogar charmant. Ihr Vater nennt die Nordafrika-Flüchtlinge auf Lampedusa Gesindel, sie spricht von Flüchtlingen …“ Dennoch stünde auch Marie Le Pen weit, weit rechts. Max Stocker sieht die heutigen Kommunisten in Frankreich im politischen Geschäft weitestgehend lahmgelegt: „Eine Splittergruppe.“ Die Gewerkschaften hätte noch immer Einfluß, ohne jedoch Wahlen maßgeblich beeinflussen zu können. Häufig kämen den Bürgern doch Zweifel, ob alle gewerkschaftlichen Forderungen durchsetzbar seien. In Frankreich herrsche Mehrheitswahlrecht, also ohne Zweit-/Listenstimmen, was die zu Wählenden natürlich unter erheblichen Druck setzt. Zur wirtschaftlichen Situation des westlichen Nachbarn äußerte Stocker, dass sich der frz. Staat häufig zu stark in Wirtschaftsfragen und Entscheidungen einschalte. Im übrigen „schielten’ die Franzosen manchmal neidvoll nach Deutschland: „Trotz Finanz-/Wirtschaftskrise Exporterfolge, sozialer Friede und durchschnittlich etwas mehr in der Lohntüte.“ Deutsch-französisch geführte Gemeinschaftsunternehmen führten häufig zu personellen Anpassungsschwierigkeiten. Die Franzosen fühlten sich dabei oft bevormundet oder in den eigenen Fähigkeiten unterbeurteilt. Bei Geschäftsessen z.B. sollte man grundsätzlich nicht vor dem Dessert mit dem Geschäftlichen anfangen. „Es ist schon ein wenig Neid darüber vorhanden, was sich in den letzten 50 Jahren so in Deutschland entwickelt hat.“ Zum aktuellen Thema ‚Atomstrom’ sieht Stocker kaum eine Chance auf einen Rückbau des in Frankreich vorhandenen AKW-Potentials: „Frankreich exportiert Atomstrom. Bezieht zu 80% seine Energieleistung aus radioaktiven Reaktoren. Hierzu existiert keine Ersatzlösung.“ Der westliche Nachbar baut zur Zeit an seinem 59. Atomkraftwerk, weltweit ein Novum. „Die Franzosen haben durchschnittlich ein völlig entspanntes Verhältnis zum Atomstrom, schon seit den Tagen von de Gaulle. Eine Thematik, über die einfach nicht so debattiert wird.“ Nicht so wie in Deutschland: „Die Deutschen ängstigen sich gern …“ Abschließend streifte Stocker die Felder ‚Schule und Ausbildung’. Auch in Frankreich gäbe es eine Hinwendung zum dualen System. In den französischen Eliteschulen - früher berühmt/berüchtigt wegen ihres Klassenbewusstseins und der nachfolgenden Seilschaften - sei inzwischen eine Öffnung auch für andere Nationalitäten erkennbar. Max Stocker, geboren 1952 in Pfaffenhofen/Ilm, studierte politische Wissenschaften und neuere Geschichte sowie Kommunikationstechnik. Er absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er lebt in München.

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