Interview zu  "Nachhaltige Wasserwirtschaft" 

Bestens kontrolliert: Leitungswasser 

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Prof. Dr. Peter Wilderer, Kapazität für "Nachhaltige Wasserwirtschaft", Emeritus of Excellence, TU München

Puchheim/München – "Verschwendung von Wasser ist eine Sünde", sagt der führende deutsche Experte auf dem Gebiet der  Nachhaltigen Wasserwirtschaft, Prof. Dr. Peter Wilderer. Am 21. 3. 2013 wird er beim Semester-Highlight  der vhs Puchheim über die "Globale Herausforderung Wasser" sprechen.   

 

Vorab beantwortete Dr. Wilderer in einem Interview Fragen  zur Qualität des Leitungswassers,  Arzneimittelrückständen, Überdüngung und zur Problematik von hochreinem Trinkwasser in Sanitäranlagen.  


Herr Prof. Dr. Wilderer, Sie sind auch nach dem Eintritt in den Ruhestand weiter als führender Experte auf dem Gebiet der Wasserwirtschaft tätig. Als erster deutscher Wissenschaftler wurden Sie 2003 mit dem "Stockholm Water Prize" ausgezeichnet und Sie sind als "Emeritus of Excellence" für die TU München als Berater tätig: Was versteht die Wissenschaft unter dem Begriff "Nachhaltige Wasserwirtschaft"? 


Prof. Dr. Wilderer:  Nachhaltige Wasserwirtschaft ist als Aufgabe zu verstehen sowie als Verpflichtung, mit der Ressource Wasser so umzugehen, dass die Funktionsfähigkeit natürlicher und anthropogen geformter Systeme langfristig erhalten bleibt. Die Verfügbarkeit an sauberem Wasser steht dabei in seiner Bedeutung an oberster Stelle. Dies ist der Schlüssel für die Selbstregulationsfähigkeit aquatischer Ökosysteme, und es dies ist der Schlüssel für Wohlergehen und Prosperität der Menschheit. Unbedingt zu vermeiden sind Übernutzung und Verschmutzung natürlicher Wasservorkommen – Oberflächengewässer ebenso wie Grundwässer. Und noch eins: Verschwendung von Wasser ist eine Sünde.


 Können wir in Deutschland unbedenklich Trinkwasser aus der Leitung verwenden oder ist Mineralwasser eine sicherere Alternative? Sind Weichmacher in den Plastik-Wasserflaschen als problematisch einzustufen? 


Prof. Dr. Wilderer:  Die gesetzlich vorgeschriebene und sorgsam durchgeführte Qualitätskontrolle von Leitungswasser ist die Gewähr dafür, dass wir in Deutschland sowie in den allermeisten EU-Staaten Wasser aus dem Hahn bedenkenlos trinken können. Die Qualität von Flaschenwasser wird vergleichsweise weniger scharf überwacht. Wenn man zudem bedenkt, dass das Wasser, wenn es erst einmal abgefüllt ist, lange gelagert sein kann, bis es über die Theke geht, und dass in dieser Zeit die Wasserqualität aufgrund biologischer, chemischer und physikalischer Prozesse nicht gerade steigt, ist Vorsicht geboten. Wer würde denn Leitungswasser zapfen und dann tagelang stehen lassen, bevor man es trinkt? Weichmachende Chemikalien aus Plastikflaschen können in das Wasser gelangen und so zumindest den Geruch des Wassers verschlechtern. 


Gelingt es den Klär- und Wasserwerken Rückstände von Arzneimitteln oder Nitrat-Rückstände in Düngemitteln herauszufiltern oder bleibt hier ein Restrisiko? 


Prof. Dr. Wilderer:  Bei der Diskussion über Arzneimittelrückstände sollten wir nicht vergessen, dass wir selbst es sind, die solche Substanzen ins Wasser kommen lassen. Jeder Einzelne von uns benutzt Arzneimittel, und das in erheblichem Umfang. Die eingenommenen Mittel werden vorallem mit dem Urin aus dem Körper wieder ausgeschleust und gelangen so in das Abwasser. Sie werden auf dem Weg zur Kläranlage sehr stark verdünnt und entziehen sich so den üblichen Reinigungsprozessen. Seit Jahren laufen intensive Forschungs- und Entwicklungsprojekte, die darauf ausgerichtet sind, Arzneimittelrückstände durch zusätzliche Reinigungsmaßnahmen aus dem Abwasser zu entfernen. Erste Ergebnisse stimmen zuversichtlich. Allerdings sind die zusätzlichen Kosten erheblich. Besser wäre es, die Substanzen schon gar nicht  in das Abwasser kommen zu lassen - beispielsweise dadurch, dass Urin separat aufgefangen und speziellen Behandlungsanlagen zugeführt wird. Damit wäre zumindest die Folgen der Verdünnung gemildert. Ganz anders stellt sich das Problem der durch Überdüngung landwirtschaftlicher Flächen bewirkten Anreicherung von Nitrat in Grundwässern dar. Um dieses Problem an der Wurzel zu packen, werden umfangreiche Entwicklungsarbeiten durchgeführt, die auf eine bedarfsgerechte Ausbringung von Düngemitteln zielen. Wenn Nitrat in erhöhter Konzentration ins Grundwasser gelangt und im Zulauf zu Wasserwerken gefunden wird, ist es notwendig, mit technischen Maßnahmen eine Konzentrationssenkung zu bewirken, Die entsprechenden Methoden sind bekannt und werden seit Jahren mit Erfolg angewendet. 


 Rückgewinnung von wiederverwendbarem Wasser ist in Ländern, die vom Wassermangel betroffen sind, wie z.B. Israel, für die Bewässerung unverzichtbar. Können wir hier in der EU weiter mit gutem Gewissen unsere Sanitäranlagen mit reinem Trinkwasser betreiben? 


Prof. Dr. Wilderer:  Mein akademischer Lehrer, Ludwig Hartmann, hat schon in den frühen 60er Jahren betont, dass die Verwendung von hochreinem Trinkwasser zur Toilettenspülung unverantwortlich sei. Dass es auch anders geht, und das ohne Verzicht auf Komfort, zeigt die langjährig praktizierte Sanitärtechnik im Verwaltungsgebäude der Firma Huber SE in Berching. Die Technik, Abwasser so aufzubereiten, dass das Wasser gefahrlos für häusliche Zwecke wiederverwendet werden kann, ist vorhanden. In Singapur und einigen anderen Großstädten dient aufbereitetes Abwasser sogar als Trinkwasser. Ebenso vorhanden ist die Technik, landwirtschaftliche Nutzflächen mit einem vergleichsweise Minimum an Frischwasser zu bewässern. Wir in Bayern tun derlei nicht, weil für uns – wenigstem im Süden unseres Bundeslands – Wasser im Überfluss zur Verfügung steht. Gerade deshalb und weil wir sowohl technologisch wie auch administrativ  weit fortgeschritten sind, sollten wir aber dennoch Wasser sparende Bewässerungstechniken anwenden. Wenn wir wie bei der Energiewende neuartige, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Wege gehen, dann wird dies in Wassermangelgebieten Schule machen, dies zum Wohle der dort lebenden und arbeitenden Menschen wie auch auch zum Wohle unserer heimischen, auf Export ausgerichteten Wirtschaft. 


Wassermangel kann zu politischen Krisen und Auseinandersetzungen führen. Welche Länder /Regionen der Erde sind in dieser Hinsicht am meisten betroffen? 


Prof. Dr. Wilderer:  Betroffen sind eigentlich alle, besonders aber solche Regionen, deren Bevölkerungszahl schnell wächst. Wir haben in Bayern den Main-Donau-Kanal doch auch deswegen gebaut, um Wasser in die schnell wachsende, aber grundwasserarme Region Nürnberg-Erlangen-Fürth zu transportieren, und so krisenhafte Zustände zu vermeiden. Politische Krisen können abgewendet werden, wenn die lokalen Regierungen eine nachhaltige, integrierte Wasserwirtschaftspolitik betreiben und wenigstens auf diesem Sektor auf Machtpolitik verzichten. Leider spricht die Realität oft eine andere Sprache, wie die Auseinandersetzungen über die Nutzung der Wasservorkommen in der Region Israel – Palästina zeigen.


Sie sind auf EU-Ebene in das Forschungsprojekt TECHNEAU - Technology Enabled Universal Access to Safe Water - eingebunden und gehören dem Institute for Advanced Study der TU München als Mitglied des Kuratoriums an. Welche zukünftigen Entwicklungen zeichnen sich auf dem Wassersektor ab? 


 Prof. Dr. Wilderer: Das EU-Projekt „Techneau“ entwickelte sich über die Grenzen der EU hinaus zu einer Erfolgsgeschichte für nachhaltige Wasserwirtschaft. Ziel war es, in der Industrie eine Minimierung des Frischwasserverbrauchs und der Emission von Schadstoffen zu erreichen, und dabei die Qualität der produzierten Güter wie beispielswese Papier dennoch auf hohem Niveau zu halten. Dass dies möglich und auch wirtschaftlich attraktiv ist, zeigen praxisnahe Studien, die von den Techneau-Forschern durchgeführt wurden. An der TU München hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Fortschritte auf dem Gebiet der ökologischen und ökonomischen Wasserwirtschaft nur erreicht werden können, wenn wissenschaftliche Detailforschung durch fachübergreifendes Arbeiten ergänzt wird. Wasserwirtschaft ist ein Musterbeispiel für Komplexität und Vielfalt der involvierten wissenschaftlichen Disziplinen. Ein multidisziplinärer Ansatz ist sowohl in der Lehre (z. TUM Graduate School) wie auch in der Forschung (z.B. TUM Institute for Advanced Study) dringend notwendig. Die TU München stellt sich dieser Aufgabe und wird dementsprechend Zeichen setzen.

Interview: Hedwig Spies 

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