Leben mit Diabetes

"Sattel und Po müssen Freundschaft schließen"

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Marianne Schneider-Ortmann am Start in Timmendorferstrand mit ihrem eBike.
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Alle Teilnehmer und Organisatoren am Etappenziel in Dießen
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Kleiner Rast in Dießen am Ammersee.
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Alle Teilnehmer und Organisatoren am Ziel der Zugspitze
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Geschafft: Am Eibsee war das Ziel der Tour.
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Die jüngste und älteste Teilnehmerin der Tour: Es ist geschafft!

Fürstenfeldbruck – Zwölf Teilnehmer, 1100 Kilometer, ein Ziel: In neun Tagen auf E-Bikes durch ganz Deutschland radeln - vom Timmendorfer Strand bis zur Zugspitze. Dieser Herausforderung stellte sich vom 15. bis 23. August auch die Fürstenfeldbruckerin Marianne Schneider-Ortmann. Das Besondere: Alle Teilnehmer dieser „Tour de Diabetes“ leiden an der Zucker-Krankheit und wollen beweisen, dass sich Sport und Diabetes keineswegs ausschließen. Die 65-Jährige, die seit 30 Jahren mit Diabetes Typ II lebt, liebt es zu reisen und die Herausforderung. Der KREISBOTE sprach mit ihr über ihre neue Erfahrung.

Kreisbote (KB): Frau Schneider-Ortmann, wie sind Sie darauf gekommen, bei der „Tour de Diabetes“ mitzumachen? 

Schneider-Ortmann: Das war eine Fügung. Ich habe mit Frau Schmidtke telefoniert, sie leitet die Selbsthilfegruppe für Diabetiker in Fürstenfeldbruck (siehe Infokasten). Sie fragte mich, ob ich wieder einen Vortrag halten möchte. Noch abends am selben Tag fuhr ich vorbei, um die Gruppe kennen zu lernen. Dort fiel mir der Flyer über diese Tour sozusagen in die Hände. Ich nahm ihn mit nach Hause und habe eine Nacht darüber geschlafen. Das war Anfang Juli.

KB: Was hat Sie letztlich dazu bewegt mitzumachen? 

Ich liebe einfach Herausforderungen und war neugierig, was mein Körper leisten kann. Außerdem hat mich die Tour in der Gruppe gereizt. Ich bin schon allein eine 2000 Kilometer lange Tour gefahren, aber noch nie in einer Gruppe.

KB: Wie ging es nach Ihrem Entschluss weiter?

Ich habe bei der Organisatorin angerufen und dachte eigentlich, ich wäre zu spät dran. Doch die sagte, sie hätte noch niemanden aus dem Süden dabei und ich könnte mitfahren. Ich musste dann eine Sport-Tauglichkeitsuntersuchung bei meinem Hausarzt mit Belastungs-EKG machen. Der sagte es sei alles top, doch ich solle aussteigen, wenn es zu viel wird und die Tour nicht auf Biegen und Brechen durchziehen. Grundsätzlich war ich aber überzeugt, dass ich das schaffe.

KB: Was mussten Sie während der Fahrt aufgrund ihrer Diabetes-Erkrankung beachten? 

Wie im Alltag auch, musste ich dafür sorgen, dass sich meine Blutzuckerwerte in einer bestimmten Skala bewegen. Dafür haben wir mehrere Pausen eingelegt, um unseren Blutzuckerwert zu überprüfen. Wir mussten darauf achten, viel zu trinken und genug zu essen, denn beim Sport verändern sich die Werte schneller. Außerdem bekam jeder einen Zwei-Euro-Münzen-großen Sensor auf den Oberarm, der den Blutzuckerspiegel misst. Diesen Sender kann man sich wie einen Eier-Piekser vorstellen. Den Empfänger muss man nur an den Sensor halten, damit er die Werte ausspuckt. Das war sehr praktisch und unkompliziert, weil wir auch unter der Fahrt unsere Werte testen konnten.

KB: So eine Tour und alle die selbe Krankheit - das schweißt sicher zusammen...

Oja, ich habe mich mit allen super verstanden. Mit der jüngsten Teilnehmerin ist sogar eine richtige Freundschaft entstanden. Wir waren von Anfang an ein Zweier-Team, haben uns gegenseitig unterstützt, haben gesagt „wir schaffen das, wir kommen an“. Und wir sind angekommen. Es gab nie den Gedanken, wer der schnellste ist. Es ging darum, dass es alle ins Ziel schaffen. Wir alle haben vor, nächstes Jahr privat wieder auf ein sportliches Treffen zusammen zukommen.

KB: Doch es haben nicht alle ins Ziel geschafft.

Ja, von den fünf Frauen sind nur ich und meine neue Freundin ans Ziel angekommen. Eine Teilnehmerin musste aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig beenden, ein Gespann aus Mutter und Tochter mussten ebenfalls aufgeben. Wenn jemand nicht die Erfahrung hat länger im Sattel zu sitzen, und auch konstant eine Geschwindigkeit zu halten, ist die Tour sehr schwer. Letzten Endes sind aber doch zwölf Teilnehmer ans Ziel gekommen, da die Organisatoren drei anderen Diabetikern die Chance gegeben haben, die letzten Etappen mitzufahren.

KB: Das klingt nach keinem Zuckerschlecken, erzählen Sie doch etwas über die Tour.

Um halb sechs sind wir meist aufgestanden, gegen halb neun sind wir losgeradelt. Nach der ersten Stunde gab es die erste kurze Pause fürs Messen der Blutzuckerwerte. Mittags hat uns eine Frau aus ihrem Wohnmobil heraus verköstigt. Übernachtet haben wir immer in Jugendherbergen. Pro Tag haben wir im Schnitt etwa 122 Kilometer zurückgelegt, saßen also sechs bis siebeneinhalb Stunden im Sattel. Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag zwischen 20 und 25 Kilometern pro Stunde. Wir bekamen zwar eBikes gestellt, doch auch bei denen mussten wir ordentlich treten. Bei manchen Etappen haben uns die Bürgermeister empfangen, in Lüneburg haben wir uns sogar ins Goldene Buch der Stadt eintragen dürfen.

KB: Gab es bei Ihnen irgendwelche Zwischenfälle?

Einmal bin ich gestürzt, ich habe blaue Flecken am Bein und eine Schürfwunde am Arm davon getragen, doch da ist weiter nichts passiert. Ich bin wieder aufgestanden und weiter ging es. Einige Teilnehmer haben ihren Po mit Kartoffelmehl eingepudert, weil man es einfach merkt, wenn man sieben Stunden am Tag in einem fremden Sattel sitzt. Ich sage immer Sattel und Po müssen Freundschaft schließen, bei meinem Fahrrad zu Hause ist das definitiv der Fall.

KB: Wer hat Sie auf der Tour begleitet?

Es war ein Arzt mit Wohnmobil dabei, der zum Glück nicht wirklich gebraucht wurde. Außerdem begleitete uns eine Diabetes-Beraterin, die uns allen Sicherheit gab. Der Initiator Mike Fuchs ist mit dem Fahrrad mitgefahren, er gab die Route vor und fungierte als Fotograf. Sogar die Organisatoren haben uns zwei Etappen lang begleitet, damit diese auch erleben, wie es ist, solange im Sattel zu sitzen.

KB: Was wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Das tollste Gefühl war, am Eibsee zu stehen und sagen zu können „ja, ich hab es geschafft“ und auch die anderen dort stehen zu sehen. Diese Erfahrung der Gemeinschaftsleistung kann mir keiner mehr nehmen, genauso wenig die Begegnungen. Ich denke auch, dass so ein Erlebnis stark macht und einem eine Portion Selbstbewusstsein verleiht.

Interview: Miriam Kohr

Info zu "Diabetes im Landkreis"

Die Selbsthilfegruppe, in der auch Marianne Schneider-Ortmann Vorträge hält, trifft sich jeden ersten Dienstag im Monat um 19 Uhr in der Gnadenkirche in der Martin-Luther Straße 1 Fürstenfeldbruck. Jeder Betroffene, egal welchen Alters oder Diabetes-Typs, und Angehörige können unangemeldet dazu stoßen. Oft referieren bei den Treffen Experten über verschiedene Themen rund um Diabetes. Es werde auch Ausflüge unternommen oder ein Weihnachtsfest gefeiert. Ansprechpartner für diese Selbsthilfegruppe, die seit Oktober 2015 besteht, ist Heike Schmidtke. Sie ist erreichbar unter Telefon: 08141/8186356.

Weitere Informationen zur „Tour de Diabetes“ unter: http://tour-de-diabetes.de/

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