Gegen Kontrollwahn in Unternehmen

Unter "stürmischen Bedingungen" eröffnete Landrat Thomas Karmasin den 9. Wirtschaftsempfang des Landkreises Fürstenfeldbruck am 21. November mit etwa 250 Unternehmern. Das gelte nicht nur angesichts des Wintersturms, sondern vor allem wegen der Bankenkrise und der Rezessionsängste. Gerade deshalb sei die Kommunikation zwischen allen Akteuren – Wirtschaft, Politik, Verwaltung – unerlässlich. Für frischen Wind sorgte das Thema des Festvortrags: Musterbrecher – Führung neu leben" mit dem hochkarätigen muster-brechenden Duo Dr. Stefan Kaduk und Dr. Dirk Osmetz.

„Der Traum von Mitarbeitern nach Maß führt zum Mittelmaß. Oder: Wenn Du ein totes Pferd reitest, steig ab ...“ Kaduk und Osmetz sind Vor- und Querdenker. Die Management-Berater plädieren für die Gestaltung von Veränderungsprozessen, gegen den "Kontrollwahn" in deutschen Unternehmen, für mehr Vertrauen gegenüber Mitarbeitern. Von diesen fühlten sich nur noch 12 Prozent loyal an ihr Unternehmen gebunden. Der Rest leiste "Dienst nach Vorschrift". Das hat seine Ursachen in dem herrschenden Management: "Führung steuert, kontrolliert, entscheidet rational". Mit Bildern einer überregulierten Straßenkreuzung – "das führt zum Zombieismus" – veranschaulichten Kaduk und Osmetz ihre Thesen. Das alte Prinzip: Arbeitnehmer - Stechuhr - Kontrolle - müsse hinterfragt werden. "Wir müssen anfangen, zu vertrauen." Unter Führung versteht das Duo nicht nur "High Potentials" wie Banken-Manager - „auch eine Erzieherin führt“. Für ein mehrjähriges Forschungsprojekt der Universität der Bundeswehr wurden mehr als 40 Modelle analysiert . Auch eine Sonderschulpädagogin war eingebunden, die Projekte im sozialen Brennpunkt Münchens, dem Hasenbergl, leitet. Befragt wurde auch der ehemalige Bürgermeister der zwei Millionen Stadt Curitiba in Brasilien, der die Bedingungen dort grundlegend verändert hat, der Abtprimas des Benediktiner-Ordens sowie der erste deutsche Offizier im Kosovo-Einsatz. Und große Konzerne, wo es muster-brechende Führung gab. Am Beispiel der international agierenden Textilfirma W. L. Gore, die von der winddichten Jacke bis zu Dichtungen vielfältige Produkte herstellt, lässt sich dies gut verdeutlichen: Dort gibt es kein Assessment-Center (betriebliches Auswahlverfahren/Personalauswahlverfahren). Jeder der 8 900 Mitarbeiter hat zwei Vorgesetzte, einen kann er sich selbst aussuchen. Dieser setzt sich für die Entwicklung und Entfaltung seiner Talente und Fähigkeiten ein. Alles läuft "ohne Karriereplan", aber äußerst erfolgreich. Führungskräfte können auch wieder in den normalen Arbeitsprozeß zurückkehren. Wie sieht die Praxis in Unternehmen aus? Kaduk und Osmetz: "Wir kaufen Leute von außerhalb ein – Berater. Wir schirren mehrere tote Pferde zusammen. Stichwort Controlling: Wir führen eine unabhängige Kostenstelle für tote Pferde ein... Wir wechseln die Reiter." Für Führung gebe es keine Koch-Rezepte". Man müsse das Ganze hinterfragen. Wie das Orpheus-Chamber-Orchester in New York, das beschloss, auf einen Dirigenten zu verzichten und nun höchst erfolgreich weltweit auftritt. Oder wie jener Unternehmer Andreas Glemser, der sich nach einem 16-Stunden-Tag ohne freies Wochenende ("meine Familie wurde vernachlässigt"), und 95%igem Akquiseanteil – allerdings gut vorbereitet – ausklinkte und nach diesem "Sabbatical" erst einmal das unangenehme Gefühl erlebte, arbeitslos zu sein und sich anschließend von dieser Basis aus sich in seinem Unternehmen ganz der Unternehmensentwicklung widmen konnte. Die Muster-Brecher: "Wir sind alle von Mustern geprägt – Muster, die wir im Gehirn in uns haben." Ist es möglich, Menschen zu steuern? Nach Meinung des Hirnforschers Prof. Gerhard Roth gebe es keine Chance, nach der Pubertät Menschen zu verändern. Wenn man in Unternehmen etwas verändern wolle "muss man wissen, dass man nichts verändern kann mit Menschen, die eine andere Sprache sprechen." Dank an Wolfenstetter Beim Wirtschaftsempfang verabschiedete Landrat Thomas Karmasin die langjährig erfolgreich tätige Ausbildungsakquisiteurin Renate Wolfenstetter mit einer Dankesrede und Blumen. Nachfolgerin wurde Katrin Albertshofer, M.A. Der Bereich Ausbildungsplatzakquise und Arbeitsplatzförderung beim Landratsamt FFB wurde geschaffen um benachteiligten Jugendlichen bei der Bewerbung zur Seite zu stehen. Von 2000 bis 2008 habe Wolfenstetter mit ihrer – so Landrat Karmasin – "magischen Kombination aus Herzlichkeit und Kompetenz" 530 Vermittlungen durchgeführt. Dafür stand sie mit 1700 Unternehmen in ständigem Kontakt – 171 Berufsfelder inclusive. Karmasin: "Für viele Jugendliche war sie die letzte Hoffnung und sie hat kleine und große Wunder vollbracht." Wolfenstetter: "Mein Rezept ist, hohen Respekt vor der Jugend zu haben. Unsere Jugend hat es verdient, dass wir uns mit ihr beschäftigen. Machen wir sie stark wie einen Baum." Und zu den Unternehmern gewandt: "Helfen Sie mit, für Jugendliche den richtigen Weg zu finden."

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