Wie sich Gülsün Sevik nach oben gekämpft hat

Eine Muslima boxt sich durch

Gülsün Sevik, Lehramtsstudentin an der Münchner LMU, unterhielt sich in der ev. Gnadenkirche FFB mit Dekan i.R. Ulrich Finke in Interviewform .

Fürstenfeldbruck - Gülsün Sevik ist eine junge Muslima, die sich im wahrsten Sinne des Wortes "durchgeboxt" hat. Das nötige Selbstvertrauen vermittelte ihr vor allem der Fürstenfeldbrucker Boxclub Piccolo, bei dem sie viele Jahre trainierte.

Das "Brucker Zeitgespräch in der evangelischen Gnadenkirche" stellte die junge Muslima Gülsün Sevik vor. Zeitgespräche-Mitbegründer Ulrich Finke, Dekan i.R.. schilderte, wie einige sozial engagierte Wegbegleiter der jungen Frau bei ihrem harten Aufstieg zur Seite standen: Ulrich Finke in der Schularbeitenbetreuung, Hardy Baumann als ehemaliger Rektor und Klassenlehrer Wolf von der Hauptschule Nord mit einem motivierenden Unterricht. Gülsün: „Ich bin hier aufgeblüht wie eine Blume! Der Lehrer gab uns Lebensmut. Er hatte Vertrauen zu uns.“ Und: Wolfgang Schwamberger als Trainer vom Boxclub Piccolo, der ihr soviel verlorenes Selbstvertrauen zurückgab: Schon ab 12 Jahren mit dem Boxen, mit drei anderen Mädchen zusammen. Und auch mit ihrem Erfolg bis zur bayerischen Jugendmeisterschaft im Damenboxen: „Ich konnte und kann das mit mir ausmachen und auch Haut zeigen. Ich trage kein Kopftuch. Ich bin auch jetzt noch nicht bereit dazu!“ Und sie schaffte es auch bis zur Schulsprecherin an der Nord.. Vor beidem hatten auch die Jungs im Schulbetrieb Respekt, wenn es ihnen auch manchmal nicht so leicht fiel. Ulrich Finke: „In der Schularbeitenbetreuung war sie das einzige Mädchen unter den Jungs.“

„Mein Kind geht nicht zurück in den Kindergarten!!!“

Ulrich Finke: "Die Schulen hier in Fürstenfeldbruck sind sehr bemüht um Integrationsarbeit.“ Gülsün kam aus schwierigen familiären Verhältnissen, denn ihre Mutter hatte den Mut besessen, sich scheiden zu lassen - und musste sich und ihre Tochter mit ihrer Hände Arbeit durchbringen. Heute ist sie in der Küche am Bundeswehrstandort in der Hasenheide beschäftigt. Die Mutter hatte leidenschaftlich darum gekämpft, als man Gülsün in der ersten Grundschulzeit wieder in den Kindergarten zurück beziehungsweise auf eine Förderschule bringen wollte: „Mein Kind geht nicht zurück in den Kindergarten!!!“ Und sie behielt recht damit, wie ein Test bei der Kinderhilfe ergab. Gülsün ist sehr stolz auf ihre Mutter - aber auch auf ihre Großmutter in der Türkei. Im Sommer war sie wieder bei ihr.

"Jesus wird im Islam öfter erwähnt, als ich vermutet habe"

Ulrich Finke sprach mit Gülsün Sevik auch über den Koran und bekannte freimütig: „Jesus wird darin öfter erwähnt, als ich vermutet habe …“ Gülsün Sevik: „Der Islam hat in meinem Leben immer eine wichtige Rolle gespielt. Ich werde meine türkischen Wurzeln nie vernachlässigen oder vergessen.“ Dennoch ist der Moscheebesuch für sie nicht das Wichtigste im Leben: „Ich bin da nicht sehr eifrig …“ Lebt sie in zwei Kulturen und fühlt sich hin und her gerissen? „Ich bin zu 100 Prozent beides, Türkin und Deutsche. Und nicht unglücklich!“ Nach der Hauptschule mit dem M-Zweig und der anschließenden Mittleren Reife hatte sie „mit Ach und Krach“ an der FOS das Fachabitur in Deutsch bestanden. Die Fachoberschule ist ihr in weniger guter Erinnerung, wobei sie einmal hart vor der Aufgabe stand: Sie hatte Schwierigkeiten mit einem Lehrer und dessen abwertende Kommentare, biss sich aber schlussendlich durch. Nach einem sozialen Jahr an einer Schule mit geistig Behinderten wurde sie an der evangelischen Hochschule in Nürnberg für eine weitere Lehramtsausbildung angenommen: „Ich war die erste Muslimin im Fach Religionspädagogik und verbrachte drei Semester dort. Und bekam Bafög.“

Gülsün Sevik schloss Studiengang mit der Note 1,0 ab

Inzwischen ist Gülsün Sevik im vierten Lehramtssemester an der LMU München - „weil ich wieder zu meiner Mutter zurück wollte“ - hat einen Studiengang mit der Note 1,0 abgeschlossen und will im Sommersemester 2013 das erste Staatsexamen ablegen. Zum Bafög - „Es ist schwierig, ein Stipendium zu bekommen.“ - verdient sie sich etwas dazu als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Projektarbeit bei einer Professorin. Sie stört sich daran, dass laut bundesweiter Statistik von 2005 noch immer 79,3% der Migrantenschüler/innen nur in Hauptschulen in Deutschland zu finden sind. Ihre nicht maßgebliche Einschätzung und Erfahrung von jungen Türken heute in Religionsfragen ist, dass die sich offener verhalten … „weil wir uns inzwischen besser integrieren können.“ Das wollte nicht jeder unter den Zuhörern so teilen. Gülsün Sevik will ihr angestrebtes Lehramt in Deutschland ausüben und zur weiteren Integration beitragen. In Deutscher Sprache!

Günter Schäftlein

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