Im Puchheimer Gymnasium bewegte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde  die 260 Schülern/innen mit ihrer Biografie

Knobloch vor Gymnasiasten: "Hitler ist nicht vom Himmel gefallen, sondern er wurde gewählt"

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Dr. h. c. Charlotte Knobloch im Gespräch mit Direktor Georg Baptist (li.), den beiden Schülerinnen Antonia Graf und Helena Ehrensberger sowie Dr. Werner Anetsberger

Puchheim – Man hätte eine Stecknadel fallen hören, so still war es in der Aula des Puchheimer Gymnasiums am Abend des 11. Februar, als die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. h. c. Charlotte Knobloch, vor etwa 260 Schülerinnen und Schülern sowie der Lehrerschaft aus ihrem bewegten Leben berichtete.

 Im Anschluss ihres Vortrags stellte sich die Ehrenbürgerin von München und Trägerin des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens mit Stern der Bundesrepublik Deutschland den Fragen der Schulfamilie des Puchheimer Gymnasiums. Die Begegnung mit jungen Menschen sei ihr sehr wichtig, sagte Knobloch zunächst und ermunterte die jungen Menschen zum gegenseitigen Kennenlernen und zum Aufeinander zugehen. Das beste Rezept gegen Rassismus sei, dass man sich in Normalität begegne und nicht nach Religion, Abstammung oder Hautfarbe, sondern nach dem Menschen und seinem Charakter frage.

 „Meine Biografie ist untrennbar mit der Geschichte unseres Landes verbunden“, sagte die 81-jährige Zeitzeugin und geborene Münchnerin, die auf ihren Stuhl auf dem Podium verzichtete und lieber im Stehen vom Rednerpult aus ihren Vortrag hielt. So erfuhren die Zuhörer wie sie als Vierjährige plötzlich nicht mehr mit ihren nichtjüdischen Freundinnen spielen durfte, wie sie als Kind in einem fränkischen Dorf vor den Nazis versteckt wurde. Lange Zeit glaubte ihr Vater, „wie viele andere auch“, dass die schlimme Zeit nur vorübergehend sei und die schöne Zeit, wie sie vor der Machtergreifung Hitlers in Deutschland herrschte, zurückkehren würde. Doch es kam bekanntlich anders. „Es kam die Zeit des Stern-Tragens und der großen Diffamierungen.“ Und es ging stets die große Angst umher, von der Gestapo abgeholt zu werden. Doch sie hätten auch Glück gehabt, berichtete Knobloch, als ihr Vater, der in München Rechtsanwalt war, verhaftet wurde, ihn aber ein SS-Mann, den er als Klient einst vertreten hatte, erkannte und ihn laufen ließ. Knobloch vermutet, dass dieser Mann auch der anonyme Anrufer war, der die Familie vor der Reichspogromnacht warnte.

 Viele haben nicht verstanden, dass „wir in dem Land der Mörder geblieben sind“, erzählte Knobloch von der Zeit nach 1945. Eine geplante Auswanderung in die USA kam nicht zustande, nachdem Knobloch zunächst ihren Mann kennenlernte, und sich dann die Kinder anmeldeten. Mit der Einweihung der Münchner Synagoge am 9. November 2006 erfüllte sich Charlotte Knoblochs größter Wunsch. „Heute fühle ich mich heimgekommen und kann endlich meine Koffer auspacken“, sagte sie bei der Eröffnungsrede und bezeichnete den Bau als ihr wichtigstes Projekt ihrer Arbeit. Da habe sie gespürt, dass „wir wieder ein Teil der Gesellschaft wurden“. An die Vergangenheit soll man sich stets erinnern, so Knobloch. Sie soll aber nicht der Hauptteil des Lebens sein, sondern die Gegenwart und die Zukunft. „Mein Vater, der diesem Land eine zweite Chance gegeben hat, war ein weiser Mann“, sagte Knobloch am Ende ihrer Ausführungen, die mit viel Beifall bedacht wurden. „Koffer packen müssen wir nicht“, beantwortete Knobloch die Einstiegsfrage der Diskussionsrunde zur Frage der Neo-Nazis in Deutschland. Sie habe keine Angst, aber sie warne davor und sprach sich für ein klares Verbot der NPD aus. „Hitler ist auch nicht vom Himmel gefallen, sondern er wurde gewählt“, gab Knobloch zu bedenken. Sie hoffe auf eine klare Entscheidung durch das Bundesverfassungsgericht, bedauerte, dass der Verbotsantrag nicht von der Bundesregierung initiiert wurde, sondern allein vom Bundesrat. Man solle Satire nicht verdammen, meinte Knobloch zu der Frage eines Besuchers zum Bestsellerbuch „Er ist wieder da“, einer Polit-Satire über Hitler von Timur Vermes, aber sie sei ein Gegner aller Polemik. Gegenseitiger Respekt und Toleranz müssen die Oberhand behalten, so die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde. Knobloch bezieht auch klar Stellung für ein Verbot der Wiederveröffentlichung von Hitlers mörderischem Hetzbuch „Mein Kampf“, dessen urheberrechtlicher Schutz am 1. Januar 2016 ausläuft. 

Dieter Metzler

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