Syrien-Kennerin Prof. Dr. Isolde Kurz, Islamwissenschaftlerin und Dekanin des Lehrstuhls Interkulturelle Kommunikation sprach über das ihr vertrau ...

Wie war Syrien vor dem Bürgerkrieg? 

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Prof Dr. Isolde Kurz, Islamwissenschaftlerin und Dekanin des Lehrstuhls Interkulturelle Kommunikation an der Hochschule München (li.) berichtete auf Einladung von Hendrickje Gronenborn-Beier, Geschäftsführerin des Evangelischen Bildungswerkes Fürstenfeldbruck, über Syrien.

Fürstenfeldbruck – Seit März 2011 herrscht Bürgerkrieg in Syrien. Mindestens 220.000 Tote sind bereits zu beklagen. Aus Angst vor der Gewalt fliehen täglich Menschen aus Syrien. Über vier Millionen Menschen sind ins Ausland geflohen, rund 7,6 Millionen Kinder, Frauen und Männer sind innerhalb von Syrien auf der Flucht. Die UNO bezeichnet die Flüchtlingskrise als eine der schlimmsten, die es je gegeben hat Das sind die Informationen, die täglich in den Medien erscheinen. Doch was war Syrien für ein Land vor dem Bürgerkrieg? Wie viele Menschen leben dort? Welche Religionen gibt es dort, welche Kultur? Über diese Fragen klärte Prof. Dr. Isolde Kurz, Islamwissenschaftlerin und Dekanin des Lehrstuhls Interkulturelle Kommunikation an der Hochschule München, am dritten November auf. 

 In einem zweistündigen Vortrag zog die Islamkennerin dabei die knapp 50 Zuhörer im Gemeindesaal der Erlöserkirche in Fürstenfeldbruck mit ihrem hochinteressanten Vortrag in den Bann. Sie habe in Syrien gelebt und studiert, berichtete Dr. Kurz und sei von den Menschen und dem Land, das von seiner Geschichte lebt und irgendwo zwischen Tradition und Moderne stehengeblieben scheint, fasziniert. Syrien gilt als die kulturelle Wiege der Menschheit. Hier wurde die Landwirtschaft entwickelt, haben viele Religionen und Kulturen ihren Ursprung. Doch die fruchtbaren Felder und die Lage am Mittelmeer („Fruchtbarer Halbmond“) machten das Land auch immer wieder zum Ziel der Nachbarvölker. Deshalb verbrachte Syrien den Großteil seiner Geschichte unter fremder Herrschaft. 

Knapp 25 Millionen Menschen unterschiedlichster Abstammung lebten vor dem Bürgerkrieg in dem von der Fläche her halb so großen Land wie Deutschland. Syrien ist nach den Palästinensischen Autonomiegebieten, Israel und Libanon das am dichtesten besiedelte Land im Nahen Osten. Syrien ist ein überwiegend islamisches Land. Die Gesellschaft unterteilt sich in mehr als 15 religiöse und ethnische Gruppen. Neben der arabischen Mehrheit leben Kurden, Armenier, Turkmenen, Tscherkessen, Aramäer und Assyrer in Syrien. Von den 90 Prozent Moslems sind gut 74 Prozent Sunniten, der Rest gehört zu verschiedenen islamischen Richtungen. Gut 10 Prozent der Bevölkerung zählt sich zu den Christen. 

Im Gegensatz zu den anderen arabischen Staaten zeichnet sich Syrien vor allem aber durch eine große ethnische und religiöse Vielfalt aus. „Ethnisch gesehen ist Syrien ein Mosaik, ein Patchwork“, sagte Prof. Kurz. In einer wechselvollen Geschichte entstand nach dem Ersten Weltkrieg das Syrien in seiner heutigen Ausdehnung. Mit dem Lineal und ohne Rücksicht auf die Bevölkerung trennte Frankreich den Libanon, Palästina und Jordanien von Syrien ab. Und erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zog sich Frankreich aus Syrien zurück und entließ das Land in die Unabhängigkeit. Doch Syrien blieb instabil. Auch der Zusammenschluss im Jahre 1958 mit Ägypten zur Vereinigten Arabischen Republik funktionierte nicht, 1961 erfolgte die Auflösung. 

Zwei Jahre später übernahm die Baath-Partei die Macht. Die gleiche Partei die auch im Irak das Sagen hatte, als Saddam Hussein an der Macht war. Von inneren Krisen geschüttelt, vor allem nach dem verlorenen Sechstagekrieg und dem damit verbundenen Verlust von Teilen des Golan-Gebirges übernahm General Hafiz al-Assad 1970 mit Hilfe des Militärs und Geheimdienstes das Land. In der Folge landeten viele Oppositionelle in Gefängnissen und wurden gefoltert, denn Kritik an seiner Staatsführung ließ Assad nicht zu. 

Nach seinem Tod im Jahre 2000 kam sein Sohn Baschar an die Macht. Galt Assad zunächst als Reformer, schlug er bald schon den brutalen Kurs seines Vaters ein. Als der Arabische Frühling 2011 auch in Syrien zu Großdemonstrationen für mehr Demokratie und Bürgerrechte führte, eskalierte die Lage im Land. Die syrische Gesellschaft, die sich in Ober-, Mittel- und Unterschicht gliedert, zeichnet sich durch eine komplexe religiöse, ethnische und kulturelle Zusammensetzung aus. 

Eine große Rolle spielt bei den Syrern die Familie, die Religion und das eigene Vorwärtskommen. Zum besseren Verständnis der zwischenmenschlichen Kommunikation mit einem Syrer erläuterte die Islamexpertin das Freud`sche Eisbergmodell, das davon ausgeht, dass ähnlich wie bei einem Eisberg nur ein kleiner Teil der Information, nämlich 20 Prozent, direkt wahrnehmbar sind. 

Der weitaus größere Teil, die restlichen 80 Prozent werden jedoch versteckt auf der Beziehungsebene übertragen. Diese Informationen ergänzen die Informationen der Sachebene und beeinflussen so die Botschaft. Auf der Beziehungsebene geht es häufig um Stimmungen, Gefühle und Wertvorstellungen, die durch Mimik, Gestik oder den Tonfall übertragen werden.

 Dieter Metzler

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