40 Jahre lang hat keiner gefragt – Sechs überlebende israelische Sportler des Anschlags von München 72 in München –

Nach fast 40 Jahren kehrten sie an den Ort des Geschehens zurück: Dan Alon, Zelig Shtorch, Henry Hershkovitz, Avraham Melamed, Gad Tsabary und Shaul Ladany (v. li.) im Münchner Olympia-Stadion. Alle Fotos: Dieter Metzler/KB FFB

Am 5. September jährt sich heuer zum 40. Mal das Attentat des palästinensischen Terrorkommandos „Schwarzer September“ auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Bei dem feigen Anschlag im olympischen Dorf und der sich daran anschließenden Tragödie auf dem Brucker Fliegerhorst kamen elf israelische Sportler, ein deutscher Polizeibeamter und fünf Attentäter ums Leben. Die 40. Wiederkehr der Ereignisse nahm nun der digitale Fernsehsender „Biography Channel“ (Bio) zum Anlass, um in einer TV-Produktion (Ausstrahlung 7. Juli, 20 Uhr) dem Attentat auf die israelische Mannschaft zu gedenken. Viel sei in der Vergangenheit über die Terroristen und ihre aussichtslose Forderung nach Freilassung von palästinensischen Gefangenen und zwei der deutschen RAF-Mitgliedern, die in Stuttgart-Stammheim einsitzenden Andreas Baader und Ulrike Meinhof berichtet worden, so Emanuel Rotstein, der Produzent und Autor der Filmdokumentation. Zu den Dreharbeiten für die Dokumentation mit dem Titel „Der elfte Tag – Die Überlebenden von München 1972“ kamen die ehemaligen Sportler im Februar erstmals wieder seit 1972 geschlossen als Team nach München.

Zum ersten Mal wird nun aber die Geschichte der überlebenden Sportler der israelischen Olympiamannschaft in den Mittelpunkt gestellt, die den Terroristen nur knapp entkamen. „Ich will mit dem Film an die Menschen erinnern, die den Anschlag überlebt haben“, begründete Rotstein seine Motivation zu dem Film. „Ihre Geschichte hat bisher noch niemand detailliert erzählt.“ Der Film, der auch über den Pay-TV-Sender Sky zu empfangen sein wird, stellt die Geschichte und die dramatischen Erfahrungen der Überlebenden in den Mittelpunkt und erzählt die Ereignisse aus deren Perspektive. Ergänzt durch seltenes Archivmaterial und Privataufnahmen der israelischen Teammitglieder zeichnet die Dokumentation ein intimes Bild derjenigen, die den Schrecken am eigenen Leib erlebten. Unter großem Andrang der Medien, rund 200 Journalisten und sechs TV-Kamerateams, fand am 23. Februar eine Pressekonferenz im VIP-Bereich des Olympiastadions in München statt, bei der sechs der sieben Zeitzeugen den Journalisten in bewegenden Worten Rede und Antwort gaben, wie sie den mörderischen Anschlag erlebten und überlebten. Als Ehrengäste nahmen Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, der israelische Generalkonsul Tibor Schalev Schlosser, der Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern sowie Präsident von Makkabi Deutschland, Peter Guttmann, und Münchens Polizeipräsident Prof. Dr. Wilhelm Schmidbauer sowie Polizeipressesprecher Wolfgang Wenger an der Veranstaltung teil. Brucks Landrat Thomas Karmasin musste wegen Erkrankung absagen. OB Ude stellte in seinem Grußwort die leidenschaftliche Unterstützung Israels bei der Kandidatur für die Winterspiele 2018 in München und Garmisch heraus. Israel hätte in der erneuten Teilnahme israelischer Sportler an einer Olympiade in München einen Triumph über den Terrorismus gesehen. Politik habe im Sport nichts zu suchen, stellte Guttmann nochmals klar. Schon die Olympischen Spiele 1936 haben deutlich gemacht, dass Sport und Politik nicht vereint werden dürfen. „Ihre Erzählungen geben den Opfern Gesichter“, sagte Schlosser und dankte den Überlebenden, die mit ihrem Auftritt Erinnerungsbewältigung leisten. „40 Jahre lang hat uns niemand gefragt“, erzählte der 65-jährige Zelig Shtorch. Er verarbeitete die traumatischen Ereignisse auf seine Art. Als Touristenführer führte der 1962 aus Kasachstan nach Israel ausgewanderte Sportschütze danach immer wieder israelische Reisegruppen durch München, auch ins Olympiastadion. So erfuhr zumindest ein kleinerer Kreis von den dramatischen Ereignissen, während das Schicksal der Überlebenden in der israelischen Heimat, unter dem Eindruck des nationalen Traumas und der Trauer um die getöteten Athleten, unbeachtet blieb. Shtorch berichtete, wie er in seiner Unterkunft hinter einem Vorhang versteckt mit seiner Kleinkaliberwaffe den Anführer der Terroristen hätte erschießen können, sich dann aber dagegen entschloss und floh. Der ehemalige Ringer und jetzige Restaurantbesitzer Gad Tsabary, der zunächst von den Terroristen gefangen genommen wurde, später aber fliehen konnte, erzählte, dass er lange von Alpträumen geplagt wurde. Er hatte alle Familien der getöteten Sportler aufgesucht und ihnen von der Geiselnahme berichtet. Auf Gedenkfeiern musste er sich aber häufig anhören, dass er der sei, der als einer der Ersten geflohen sei. Daraus entnahm er den Vorwurf, warum er denn nicht gekämpft habe, der Feigling. Der damalige Trainer einer israelischen Schwimmerin und jetzige Unternehmer eines Softwaregeschäftes in den USA, der 67-jährige Avraham Melamed, sagte: „Was hätten wir denn tun können? Als Sportler im Pyjama bist du gegen Terroristen machtlos. Ich bin als einer der Ersten geflohen und mir tut nichts leid.“ Den ehemaligen Sportschützen und Fahnenträger beim Einmarsch der Nationen ins Olympiastadion, der 85-jährige Uhrmacher Henry Hershkovitz, der 1965 aus Rumänien nach Israel auswanderte und ein Uhrengeschäft in Tel Aviv betreibt, schmerzt heute noch die Erinnerung, wenn er beschreibt, wie er damals bei der Rückkehr aus München nach Israel mit den Särgen der getöteten Kameraden an Bord des Flugzeugs die Umarmung seiner Frau mit den Worten: „Das ist jetzt nicht der richtige Moment“, ablehnte. Geher Prof. Dr. Shaul Paul Ladany, der 2006 als der erste 70-Jährige, die 100 Meilen in 21:45 Stunden ging, meinte zu den damaligen deutschen Sicherheitsvorkehrungen während der Olympischen Spiele: „Die waren sehr nachlässig. Wer einen Trainingsanzug trug, konnte einfach ins Olympische Dorf rein ohne großartige Kontrolle.“ Nicht gut weg kam die deutsche Befreiungsaktion beim pensionierten Professor für Arbeitsingenieurwesen. „Der Plan war in Ordnung, aber die Ausführung dilettantisch.“ Dass aber die Spiele in München, nach den legendären Worten des damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage „The games must go on“ weitergeführt wurden, bejahten alle sechs überlebenden Sportler. Sonst hätte der Terrorismus gesiegt, meinten sie einhellig, und das wollte niemand von ihnen. Die Überlebenden: Dan Alon (66), Shaul Paul Ladany (75), Gad Tsabary (68), Avraham Melamed (67), Henry Hershkovitz (85), Zelig Shtorch (65), Yehuda Weinstain (56). Die Opfer: Josef Romano (32), Mosche Weinberger (33), Josef Gutfreund (41), Kehat Schorr (53), Mark Slavin (18), Andre Spitzer (27), Amizur Shapira (40), Jaakow Springer (51), Elieser Halfin (24), Seew Friedmann (28), David Berger (28) und Polizeiobermeister Anton Fliegerbauer (32).

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