"Wir richten uns aus auf die Menschen" - Landrat Thomas Karmasin am 1. Mai 2016  20 Jahre im Amt - Interview 

"Ein Glücksfall für den Landkreis FFB"

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Landrat Thomas Karmasin, FFB, blickt am 1. Mai 2016 auf 20 Jahre Amtszeit zurück.

Landkreis –  „Ein Glücksfall für den Landkreis Fürstenfeldbruck“ – bescheinigte Reinhold Bocklet, MdL,  Landrat Thomas Karmasin  anlässlich des 50. Geburtstages. 2016 gibt es wieder einen Anlass zum Feiern: Die 20-jährige Amtszeit. Thomas Karmasin, der damals jüngste Landrat Bayerns, übernahm das Amt am 1. Mai 1996. Seit 2008 ist der Jurist und Vater von zwei Kindern  Vorsitzender des Bezirksverbands Oberbayern im Bayerischen Landkreistag, seit 2011 Vorsitzender  im Verfassungs- und Europaausschuss im Deutschen Landkreistag und seit 2014 Erster Vizepräsident des Bayerischen Landkreistages.

Herr Karmasin, hätten Sie sich damals in Ihrer Studentenzeit, als Sie im Nebenjob Touristen durch Rom geführt haben und Sie sich für die italienische Sprache, Kunst und Kultur begeistert haben, vorstellen können, dass die Kommunalpolitik  einmal Ihr Leben bestimmt?

Landrat Karmasin:  „Ich sehe eine Parallele zwischen der Tätigkeit eines Reiseleiters und der eines Landrats: Sie bringen eine Gruppe dazu, dass sie das mitmacht, was Sie vorschlagen. Sie müssen improvisieren, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, die Peterskuppel  zu ist, oder einige Teilnehmer erkrankt sind. Sie müssen schlichten, wenn es Konflikte zwischen den Teilnehmern gibt. Am Ende muss es so sein, dass die Leute sagen: „Mit dem fahren wir wieder.“  Das Amt des Landrats hat mich damals als Jurastudent schon fasziniert, dass ich es einmal selber würde ausfüllen dürfen, habe ich natürlich nicht gedacht.

Mit Leidenschaft haben Sie zusammen mit den Kreisgremien Aufgaben angepackt, wie die Reform der Kreisklinik, Sie haben die Integrierte Leitstelle eingerichtet, weiterführende Schulen ausgebaut, Ihre Kreisbehörde zu einem modernen Servicebetrieb (Stichwort: Service-Ei) umgestaltet,   Angebote für Senioren, Kinder und Familien etabliert.  Konkret gefragt: Wie lange dauert eine Kfz-Zulassung in Fürstenfeldbruck? In Berlin muss man bekanntlich acht Wochen warten, das gilt auch für Ausweise.

Landrat    Karmasin: (lacht) - „Berlin hat einen schlechten Ruf... Bei uns in Fürstenfeldbruck geht so eine Anmeldung  natürlich am selben Tag, besser gesagt: wenn’s länger als zwei Stunden dauert, werden wir nervös. Die Vision bei meinem Amtseintritt war eine bürgerfreundliche Verwaltung mit Servicecharakter - wir richten uns aus auf die Menschen. Deshalb die offene Servicetheke im Eingangsbereich, die Cafeteria. Am Anfang wurde ich von einer älteren Kollegin gefragt: „Sind wir eigentlich schon noch ein Amt?“. Inzwischen haben viele Landratsämter ein ähnliches Konzept. Das Innenministerium schickt uns von Zeit zu Zeit  ausländische Gäste ins „Service-Ei“. Vorzeigeprojekt ist auch der ÖPNV oder die Abfallbeseitigung des Landkreises, die aber in weiten Teilen schon von meiner Vorgängerin konzipiert wurde. “  

Sie haben Prozesse begonnen wie den Leitbild-Prozess,  das Klimaschutzkonzept, Siedlungsentwicklung und Verkehr (ÖPNV), Sammeltaxi.  

Landrat  Karmasin:  Meine Grundidee habe ich (Vorteil des Reisens) aus der Türkei mitgebracht, wo sich das sog. Dolmus-System mit Sammeltaxis bewährt hat. Herr Seifert hat die Idee aufgegriffen und zusammen mit Agendagruppen weiterentwickelt, über die Anrufsammeltaxis, bis zum Ruftaxisystem im MVV, das wir heute haben.  

Auch die Wirtschaftsförderung haben Sie eingerichtet. Wie hat sich Ansiedlung von Industrie - das heißt neue Gewerbebetriebe – im Landkreis entwickelt?  

Landrat Karmasin: „Ich war in Oberbayern der erste Landrat, der 1997 Wirtschaftsförderung auf Landkreisebene verankert hat. Mit den Aufgaben für diesen Bereich haben wir in einem bayerischen Landkreis komplettes Neuland betreten. Der Kontakt der Landkreispolitik zur Wirtschaft war und ist mir ein sehr  großes Anliegen.  Für ein Unternehmen, das aus dem Landkreis zieht, bräuchten wir theoretisch 3 neue Unternehmensansiedlungen, um die verloren gegangenen Arbeitsplätze wieder aufzufangen. Wenn wir uns über Neuansiedlungen unterhalten, muss man klar und deutlich sagen: Weltweit sind es nur mehr knapp 3 % der Unternehmen, die Neuansiedlungen planen. Dabei stehen wir in Konkurrenz zu allen anderen Ländern weltweit. Bei den hinzugewonnenen Ansiedlungen im Landkreis Fürstenfeldbruck handelt es sich um flächenbedingte Unternehmensverlagerungen aus der Landeshauptstadt hinein in unseren Landkreis. Der Flächenengpass stellt aber für die Zukunft - auch in unserem Landkreis - ein großes Problem dar.

Was wird aus dem Fliegerhorst-Gelände?

Landrat Karmasin:  „Hoffentlich keine Schlafstadt, wir versuchen aber natürlich, dass auch wir günstigen Wohnraum  für kommunale Bedienstete errichten können. Die Planungshoheit ist ja in den Händen der Stadt FFB. Was Maisach und den auf ihrer Flur liegenden Teil des  früheren Fliegerhorstgeländes  angeht, so hat diese Gemeinde schon viel gemacht. Was die BMW-Ansiedlung angeht, hoffe ich, dass das weiter ausgebaut wird. Das würde auch andere Unternehmen nachziehen, da würde die Musik spielen...

Bleibt bei dem Arbeitspensum  eines Landrats , das bei Ihnen ja auch den Verfassungs- und Europaausschuss im Vorsitz des Deutschen Landkreistages  umfasst und Aufgaben als Vorsitzender im Bezirksverband Oberbayern, noch genügend Zeit für die Familie, Interessen und Freunde?                       

 

Landrat  Karmasin: Die Beanspruchung ist schon sehr groß. Inseln der Entspannung muss man sich schaffen, sonst hält man es langfristig nicht durch. Die Familie ist Gott sei Dank da, wenn man heimkommt, aber Freunde zu treffen ist ein großer Aufwand - entweder ganz spontan oder ganz lange vorher terminiert.  

Heute bestimmen auch Flüchtlingsfragen Ihre tägliche Arbeit  sowohl im Landkreis,  als auch auf höherer Ebene in München. Wie beurteilen Sie die Situation?  

 

Landrat Karmasin:Ich bin für die Landräte im Lenkungsstab der Staatsregierung und deshalb einmal pro Woche in München bei Sitzungen. Was das Flüchtlingsthema angeht, können wir im Moment durchschnaufen. Integration ist die eigentliche Aufgabe der Zukunft, und nicht die notfallmäßige Unterbringung. Wir haben hier im Landkreis glücklicherweise an die  2000 ehrenamtliche Flüchtlingshelfer. Es wird vieles angeboten, angefangen von Sprachkursen bis zur Asylsozialberatung. Was das Bleiberecht angeht, so geht die Anerkennung bei Syrern sehr schnell, bei Irakern, Afghanen oder auch Afrikanern dauert es mitunter unendlich lange, das kann zermürbend sein.   

Wie geht es mit der geplanten Gedenkstätte im Alten Tower für die  Opfer des Olympia-Attentats voran?  

Landrat Karmasin:  Das ist eine Aufgabe, die uns zugewachsen ist, und die Gedenkveranstaltung zum 40. Jahrestag war ein eindrucksvolles Ereignis mit den Hinterbliebenen und Überlebenden. Wir hier im Landkreis stehen in engem Austausch mit dem israelischen Generalkonsulat und der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und führen permanente Gespräche.  Förderlich im Hinblick auf die Sicherheit der künftigen Gedenkstätte im Tower ist, dass die Polizei den benachbarten Flachbau für ihre Aufgaben - Fahrsicherheitstraining etc. - nutzen will. Wir freuen uns über interessante Anregungen auch von israelischer Seite. Genaues kann man aber derzeit noch nicht sagen, weil der Alte Tower ja noch innerhalb einer Kaserne liegt.                        

 Interview: Hedwig Spies  

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