Kein Zuckerlecken: Das Leben auf einem Bauernhof um die Jahrhundertwende - Jexhof-Führung

„Lustig ist das Zigeunerleben …“ mag es dort nach dem Liedtext noch gewesen sein: Das normale Bauernleben auf dem heute vom Landkreis als Museum genutzten Bauernhof war es jedenfalls zumeist nicht. Harte Arbeit war dort in der Regel angesagt, ohne große maschinelle Unterstützung.

Dazu kam im Normalfall eine äußerst strenge, patriarchalische Ordnung zwischen dem Bauern als Dienstherrn und dem Gesinde, den Dienstboten. Ja, selbst interfamiliär gab es eine Rangfolge zwischen dem Hofbesitzer und seiner Ehefrau. Wollte die beispielsweise ihren Schmuck aus dem Wandkastl im Herrgottswinkel hervorholen, musste sie erst einmal ihren Ehemann um die Herausgabe des Schlüssels bitten. War er schlecht gelaunt, lehnte er ab, ohne dass sie was dagegen machen konnte. Mit den Dienstboten saß man nicht an einem Tisch in der Stubn: Man saß als Hofbesitzer separat an einem kleineren Tisch und auf besseren Stühlen. Aber auch für’s Gesinde gab’s eine spezielle Rangordnung: Die Knechte saßen auf der Eckbank mit Endlehnen, die Mägde hingegen an den offenen Tischseiten auf Bänke, damit sie schneller aufspringen und das Essen und Trinken herbeischaffen konnten. Und wehe, wenn einer nicht schnell genug beim Essen war. Sobald der Bauer Löffel oder Gabel zur Seite legte, durfte niemand mehr an den Tischen noch weiter zulangen. Das Essen war mit dem Bauern für alle beendet; entsprechend hastig wurde also am Dienstbotentisch zugelangt. Jexhof-Führerin Andrea Schweitzer (sie erklärt hier den alten Alltag schon seit neun Jahren) räumte auch mit der Fehlannahme auf, dass noch vor 100 Jahren sehr viel früher geheiratet wurde. Im Gegenteil: Man heiratete später um - bei christlich verbotenen Verhütungsmaßnahmen - nicht noch mehr Nachwuchs zu zeugen. Außerdem hing das Heiraten ja auch sehr oft mit der Hofübergabe an den ältesten Hoferben zusammen. Die Hofübergabe wurde in fast allen Fällen notariell besiegelt, denn sie enthielt eine Fülle von Regelungen zu Gunsten des Altbauern auf seinem „Altenteil“: Von der monatlichen finanziellen Abgeltung und über den regelmäßigen Mittagstisch hinausgehende Nahrungsmittel bis hin zu Heizmitteln, Kleidung, Arzneien und der sonstigen medizinischen Versorgung. Diese notarielle Regelung baute allen ansonsten möglichen Streitpunkten vor, denn man war eine großfamiliäre Lebensgemeinschaft und aufeinander angewiesen. Blickt man im Jexhof-Wohnhaus in die „Kinderzimmer“ und berücksichtigt eine doch gegenüber heute größere Kinderschar, bleibt nur der Schluß, dass mehrere Kinder zusammen in einem Bett schliefen, was ja wahrscheinlich im Winter nicht unkommod war … Für Dienstboten war das Heiraten oft ein Ding der Unmöglichkeit. Bei häufig geringem Verdienst konnte kein auch noch so kleines Vermögen für einen eigenen Hausstand aufgebaut werden, zumal Unterkunft, Verpflegung, Kleidung, Arzt/Medizin vom Dienstherrn aufgerechnet wurden. Der eigene Hausstand, das eigene Heim aber waren die amtliche Grundvoraussetzung zur Heiratserlaubnis. Also blieben viele Dienstboten ledig und bis an ihr Lebensende bei „ihrem Bauern“. Nur durch sehr viel Glück, durch Erbschaft oder Einheirat in eine Hofstelle konnte ein gesellschaftlicher Aufstieg erreicht werden, der aber auch nur wieder Arbeit und Fleiß bedeutete. Kündigen konnten Dienstboten nur einmal im Jahr zu „Lichtmess“ ihre Stellung. Gingen sie zu anderen Zeiten, legte ihnen dass der nächste Dienstherr nur als nachteilig aus. Ein Bauer selbst konnte sein Personal zu jeder Zeit „hinausschmeißen“. Sowieso: Über allem stand der Bauer. Er hatte das absolute Sagen und Entscheiden, selbst noch im Wirtshaus …

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