Mit den Kühen Gras gefressen - Holocaust-Überlebender sprach vor Brucker FOS-Schülern

Die Staatliche Fach- und Berufsoberschule Fürstenfeldbruck hatte den NS-Zeitzeugen Abba Naor zu seinem Lebens- und Leidensbericht über die Jahre 1939 bis 1945 eingeladen. Für ihn vollzogen sich die Schrecken und Greuel zwischen Litauen und Bayern. Beherrscht urteilt er über das Erzählte „Das ist meine Selbsttherapie!“

Naor sieht die so genannte‚Wiedergutmachung’ an betroffene Juden im Nachkriegsdeutschland in Höhe von jeweils 6600 Deutsche Mark als eine ‚Entschädigung’. Eine „Wiedergutmachung“ für die Millionen umgebrachten Juden leiste hingegen er, Abba Naor, in dem er heute über das entsetzliche Geschehen in Ghettos, Arbeitslagern und den KZ-Todesfabriken vor deutschen Jugendlichen und in deutschen Schulen berichte. Und er berichte darüber erst seit einigen Jahren, vorher sei er dazu nicht fähig gewesen. Die zuhörenden rund 100 FOS- und BOS-Schüler folgten seinen Ausführungen sehr aufmerksam, stellten ergänzende Fragen zu seinem eigenen Befinden und Denken in den beschriebenen Jahren, zu seiner Familie und zum Leben nach seiner Befreiung im oberbayerischen Waakirchen am 2. Mai 1945. Für Abba Naor, geboren 1928 im litauischen Kaunas und dort aufgewachsen in eigenen jüdischen Schulen, begann die Verfolgung und Ausrottung des eigenen Volkes schon 1939 mit der baltischen/polnischen Beuteteilung zwischen den Sowjets und Hitler-Deutschland. „1940 marschierten die Russen ein, 1941 nach dem Kriegsausbruch zwischen den Paktpartnern kamen die Deutschen.“ Abba war gerade einmal 13 Jahre alt, hatte einen jüngeren und einen älteren Bruder. Letzterer wurde noch in Litauen bei der Lebensmittelbeschaffung von den Deutschen erschossen; der Jüngere verschwand mit der Mutter aus dem letzten gemeinsamen KZ Stutthof bei Danzig in die Gaskammern des besetzten Polens. Insgesamt überlebten von der ihm bekannten Großfamilie von etwa 60 bis 70 Personen nur vier. Sein Vater war darunter, der aus dem Nachkriegsdeutschland im Gegensatz zu Abba Naor nicht nach Palästina/Israel auswandern wollte und der in München bis zu seinem 91. Lebensjahr lebte. Vater Naor hatte schon mit 19 Jahren 1920 mit den Litauern gegen die Polen für die Unabhängigkeit des Landes gekämpft. Umso erschütternder für ihn, in welchem Maße die Litauer ab 1941 mit den deutschen Besatzern und gegen den jüdischen Bevölkerungsteil (es lebten dort 250.000 Juden, darunter 60.000 Kinder) zusammenarbeiteten. Abba Naor behauptet heute, dass bis zum Jahre 1942 und bis zur Wannsee-Konferenz die meisten Verbrechen an europäischen Juden - Erschießungen und sonstige Hinrichtungen - auf litauischem Boden stattgefunden hätten. „Es war der größte Ehrgeiz aller Kommandierenden, ihr Gebiet für „Judenfrei!“ erklären zu können.“ Aus dem Ghetto in Kaunas wurde man 1944 vor der sich nähernden Ostfront mit der Rest-Familie ins KZ Stutthof deportiert („Ich war gerade 16 Jahre alt.“). Mit je 1000 Lagerinsassen wurde man dort auf 250 Schlafplätze je Baracke gepreßt. Abba erhielt erstmals die KZ-Ausrüstung: „Den gestreiften Pyjama, die Mütze, Holzschuhe ohne Strümpfe und eine Nummer. Wir hatten keine Namen mehr. Und den Pyjama legte man weder tags noch nachts ab, den gab’s nur einmal. Darin schlief man, auch wenn er naß war.“ Nach einer weiteren, innerdeutschen Irrfahrt erreichte er Dachau am 18. August 1944, wurde dort unter der Häftlingsnummer 91898 registriert und dem Außenlager Utting/Kaufering zugewiesen. „Es war zwar nur ein Arbeitslager, aber mit der katastrophalen Ernährung sehr gut zum Sterben geeignet … Wir haben gelegentlich, wenn die Wache mal wegsah, im Dorf den Schweinen die gekochten Kartoffeln geklaut. Das hätte für uns übel ausgehen können.“ Da Abba aber eine Zeit lang auch auf einer Industrie-Diesellok 3 Kilometer unbeaufsichtig fahren durfte, erfüllte sich für ihn sein Kindheitstraum, Lokomotivführer zu werden. Von den etwa 30.000 Inhaftierten in den elf Außenlagern um Landsberg/ Kaufering (in der Mehrzahl Juden aus Polen, Ungarn und Litauen) stirbt an Entkräftung und Hunger die Hälfte. In den letzten Apriltagen, ganz kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner, wird der Rest auf einen der Todesmärsche geschickt. Angeblich in Richtung Schweiz, um deutsche Gefangene auszulösen. Frei wird er, inzwischen 17jährig, mit anderen am 2. Mai in Waakirchen, als die Bewachung am Morgen verschwunden ist. Noch am 1. Mai hatte man dort vor lauter Hunger das Gras von der Wiese gegessen. Abba Naor, fast sarkastisch: „Schmeckt gar nicht so schlecht, wenn es noch saftig ist.“ Fragen, was denn nach ihm sein würde für die Erinnerung an diese entsetzliche Zeit, beantwortet der heutige Israeli mit Überzeugung: Solange in Fürstenfeldbruck Leute wären wie Karin Marquardt und Julia Zieglmeier vom Arbeitskreis Mahnmal (beide anwesend) und noch andere, wäre ihm um diese „Wiedergutmachung“ nicht bange.

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