Menschen sind ohne Arbeit kränker – Interview zum Thema Burnout mit dem Gröbenzeller Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. Holger Schmid ...

Dr. Holger Schmidt-Endres, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Gutachter, früher Oberarzt an einer Fachklinik, Gröbenzell.

Viele Berufstätige, aber auch Hausfrauen und Mütter, fühlen sich in Phasen hoher Belastung leer, ausgebrannt, erschöpft, werden auch anfälliger für Infekte, manche ziehen sich von ihrer Familie, den Partnern und Kollegen oder dem Bekanntenkreis zurück. Man beschreibt diesen Zustand als „Burnout-Syndrom“ - Herr Dr. Schmidt-Endres, Ihnen als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist dieser Begriff aber zu unpräzise...

Dr. Schmidt-Endres: Erschöpfung oder Gleichgültigkeit oder das Gefühl: „Der andere kotzt mich an,“ können aber auch Symptom einer schwerwiegenden Erkrankung, z.B. einer Depression, sein. Der Begriff „Burnout-Syndrom“ ist unpräzise und schadet, denn er suggeriert Hoffnungslosigkeit: Eine Depression lässt sich jedoch diagnostizieren und wie andere Erkrankungen auch heilen. Viele Probleme lassen sich mit Hilfe anderer Menschen lösen,und die Weisheit, dass nicht alles änderbar ist, kann auch erworben werden. Wer sollte Ansprechpartner sein, wenn ein Mensch sich permanent überfordert und erschöpft fühlt? Dr. Schmidt-Endres: Der Hausarzt ist der Lotse. Er sollte den richtigen Ansprechpartner vermitteln: Bei Depressionen einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder einen psychologischen Psychotherapeuten (mit Kassenzulassung, nur dann ist die Qualifikation geprüft); einer Frau, die häuslicher Gewalt ausgesetzt ist, eine Fach-Frau vom Frauenhaus, einen Sucht-Therapeuten für einen Alkohol- oder Drogenabhängigen, problemspezifische Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen sowie andere ambulante Maßnahmen. Nur wenn ambulante Maßnahmen nicht ausreichen sollten, auch Mutter-/Vater-Kind-Kuren oder Reha. Aber Vorsicht: Eine Therapie weit weg von zu Hause ändert oft an den Problemen gar nichts. Mein Beruf als Psychiater und Psychotherapeut ermöglicht mir zu sehen, dass nicht alles krankheitsbedingt ist, Psychotherapie oft nicht die Methode der Wahl ist und genauso schaden kann wie Medikamente. Wenn berufliche Probleme vorliegen, ist ein Coach ein nützlicher Ratgeber. Bei Mobbingfällen sind der Betriebsrat und die Führungsebene gefragt. Einer Frau, die unglücklich ist, weil ihr Mann sie wegen einer Jüngeren verlassen hat, kann zwar der Rechtsanwalt und Unterhalt weiterhelfen, doch man muss ihr sagen: „Gehen Sie arbeiten“. Das gilt auch für die unverhofft Schwangere mit 16 Jahren, sie kann mit Unterstützung von außen Kind und Lehrstelle koordinieren. Eine Mutter, die keine Ausbildung und keinen Job hat, wird keine so gute Mutter für ihre Kinder sein können, und ihre Kinder werden anfälliger für Krankheiten sein. Die Menschen haben „furchtbare Illusionen“ vom persönlichen Glück und Wunscherfüllung. Man sollte es realistisch betrachten: Jeder hat persönliche Wünsche, jeder muss dafür arbeiten. Nicht jedes „Arbeitstier“ hat ein Problem damit, solange es ihm guttut. Mancher ist glücklich, 16 Stunden zu arbeiten, andere sind glücklich damit, sich intensiv ehrenamtlich zu engagieren. Natürlich hat nicht jeder Mensch gute Arbeitsbedingungen, es ist nicht toll, Dreck wegzuputzen oder Kunden exakt zum Termin ein Produkt zu liefern. Nicht für jedes Problem gibt es eine Lösung. Man muss lernen, die Gegebenheiten zu akzeptieren, zu denken: Das ist so. Punkt. Was empfehlen Sie Menschen, die trotz ihrer Erschöpfung keine Auszeit nehmen können? Dr. Schmidt-Endres: Generell gilt: Nicht alleine sein, ist das wichtigste. Je größer das soziale Netzwerk, desto geringer die Krankheitswahrscheinlichkeit. Körperliche Aktivität ist wichtig, darf aber nicht überfordern. Was einem Gesunden guttut, zum Beispiel drei Mal wöchentlich joggen, gilt nicht für den Depressiven: Für ihn kann jedoch schon ein fünfminütiger Spaziergang sinnvoll sein. Von welchen Hobbys jemand profitiert, ist individuell verschieden. Manchem hilft ein Haustier. Chronisch Kranke brauchen einen „leidensgerechten Arbeitsplatz“. Überforderte Mütter brauchen Schulen und Kindergärten mit echter Ganztagesbetreuung, um eine normale Erwerbstätigkeit ohne Einschränkungen und schlechtes Gewissen zu ermöglichen. Kinder brauchen für eine normale Entwicklung Kontakte zu Gleichaltrigen. Während des 2. Weltkriegs, bei Flucht und Vertreibung, gerieten viele Menschen an ihre psychischen und physischen Grenzen und überlebten dennoch. Ist es für die heutige Generation schwerer, durchzuhalten, etwas auszuhalten oder ruhig abzuwarten? Dr. Schmidt-Endres: Menschen können sehr viel Leid aushalten, wenn sie damit nicht alleine stehen und wenn sie Leid als normalen Teil des menschlichen Lebens akzeptieren. Früher war auch Religion mit dem Konzept, dass im Diesseits Welt und Mensch fehlerhaft ist, tröstend. Die 68er Generation erlebte berufliche Sicherheit, verbunden mit einer sicheren Rente. Dies hat die Erwartungen dessen, was „normal“ ist, verschoben. Die heutigen Jungen haben befristete Verträge und keine sichere Altersversorgung. Es wird von ihnen verlangt, flexibel zu sein. Auf Phasen der Beschäftigung werden Phasen von Arbeitslosigkeit folgen. Das wird meist als individuelles Scheitern erlebt und nicht als Normal-Zustand. Aber unsere Umwelt verlangte schon immer eine gewisse Anpassungsfähigkeit. Was sollten Betriebe aus Sicht eines Mediziners für die Gesunderhaltung ihrer Mitarbeiter tun? Dr. Schmidt-Endres: Viele Betriebe verfügen über ein gutes Gesundheitsmanagement. Aber es ist jeder einzelne Mitarbeiter gefordert. Kollegen und Führungskräfte müssen Mitarbeiter mit Problemen gezielt ansprechen und nicht hoffen, dass das Problem schon irgendwie vorübergeht. Menschen sind ohne Arbeit kränker. Manche Leute hoffen, dass es ihnen besser geht, wenn sie keine Arbeit mehr haben. Dies ist eine Illusion. Im übrigen verweise ich auf drei Begriffe: Wertschätzung, Vertrauen und Verantwortung.

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