Neues aus Istanbul - Eichenauer berichtet über die Türkei und ihre Schulen

Die

Türkei und ihre Schulen - Rasante Modernisierung, das ist das Motto der heutigen Türkei. Dabei sind aber einige ihrer Institutionen auf der Strecke geblieben und befinden sich immer noch in der Vergangenheit. Das ist deutlich an den Schulen dieses Landes zu sehen. Und vielleicht nirgendwo ist das für die Weiterentwicklung eines Landes so deutlich zu spüren wie hier. Die Qualität der Bildung ist immer noch zu schlecht für die beeindruckende wirtschaftliche Aufholjagd dieses Landes. Jedenfalls auf Dauer lässt sich das so nicht unbegrenzt fortsetzen. Nicht, dass der Schüler an sich nicht genug lernen würde – keinesfalls. Er verfügt wahrscheinlich über mehr eingetrichtertes Wissen als jeder andere im europäischen Vergleich. Aber eben nur angelerntes Wissen. Der Schüler wird nicht angehalten Transfers zu leisten, sich den Stoff selbst zu erarbeiten. So wartet er ergeben darauf, dass der Lehrer ihm den Stoff präsentiert, lernt ihn auswendig und er wird wieder abgefragt. So lange bis er sitzt. Förderung von Intellektualität in ihrer Urform, nämlich Themen zu problematisieren, indem sie geistig-kritisch aufgearbeitet werden findet nicht statt. Die Regierung hat das erkannt und versucht sich an Reformen. Diese Modernisierung wird aber behindert durch eine weitere Hürde. Die Schule ist hier - bislang - nicht dazu da kritische und demokratische Bürger zu Formen und in den Arbeitsalltag zu entlassen. Die hauptsächliche Aufgabe sieht die Schule darin die Schüler ideologisch zu formen nach nationalistischem und militärischem Gedankengut. So wird den Schülern täglich – seit achtzig Jahren – das Türkentum, die Treue zu Atatürk und die Liebe zum Militär eingeträufelt. Jeden Morgen versammeln sich die Schüler vor Unterrichtsbeginn vor der Statue Atatürks auf dem Schulhof, reihen sich militärisch auf und singen die Nationalhymne. Danach rufen sie im Chor: „Glücklich ein jeder, der sich Türke nennt.“ (“Ne mutlu Türküm diyene!”). So weit so gut. Danach geloben sie: „mein Land und meine Nation mehr zu lieben als mich selbst“. Das Märtyrertum für das Vaterland wird immer noch glorifiziert, Kriegertum ist unabdingbar. Misstrauen gegenüber dem Ausland wird verbreitet: „Der Türke hat außer dem Türken keinen Freund“. Dieses im alltäglichen Sprachgebrauch seit Jahrzehnten nach wie vor sehr geläufige Sprichwort ermahnt gleichzeitig zur beständigen Achtsamkeit vor dem immerwährenden Feind. Man sollte die Wirkung von Sprache und Sprichwörtern nicht unterschätzen. Sie formen das Bewusstsein und prägen Wahrnehmungen auf ihre spezifische Weise. In den Geschichtsbüchern findet man immer noch den heimtückischen Griechen, den mörderischen Armenier und den verräterischen Araber. Relikte aus lange vergangenen Zeiten, möge man bei uns meinen. So fand der Istanbuler Soziologe Yilmaz Esmer in seiner Studie aus dem Jahr 2009 heraus, dass die Ablehnung zum Beitritt zur EU unter den Jugendlichen am stärksten ausgeprägt ist: “Unsere Jugend scheint weniger am Westen orientiert, gleichzeitig nationalistischer und ebenso religiös wie die Älteren zu sein. Das liegt an unseren Schulen, unseren Schulbüchern“. Aber da ist wohl auch an anderen Stellen (in der EU) Nachholbedarf. 2010 haben Athen und Ankara in einem Abkommen beschlossen verunglimpfende nationalistische Propaganda aus den Schulbüchern beider Länder zu streichen. Es bleibt also Hoffnung! Erik.-C. Hoeschen, für drei Jahre in Istanbul tätig

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