Der Fürstenfeldbrucker Historiker und Stadtarchivar Dr. Gerhard Neumeier veröffentlichte einen wissenschaftlichen Beitrag über die Machenschaften ...

Der BND aus der Sicht des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR

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Dr. Gerhard Neumeier, Historiker (früher tätig auch für die damalige "Birthler-Behörde" – Stasi-Unterlagen-Behörde) Stadtarchivar in Fürstenfeldbruck.

Fürstenfeldbruck –  Zum 25. Gedenktag des Mauerfalls hat  der Fürstenfeldbrucker Stadtarchivar Dr. Gerhard Neumeier, als Historiker früher auch für die Stasi-Unterlagen-Behörde tätig, einen wissenschaftlichen Beitrag zum Thema "Der Bundesnachrichtendienst aus der Sicht des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR" veröffentlicht. Neumeier: "Insgesamt operierten etwa 200 verschiedene MfS-Diensteinheiten in der Bundesrepublik".  Die Hauptverwaltung Aufklärung – HV A – der DDR arbeitete auch gegen den Bundesnachrichtendienst. Viele Unterlagen wurden vernichtet, was sich allerdings aus 45 laufenden Meter Akten im BStU  und Hinterlassenschaften der "Abteilung 15" rekonstruieren lässt, ist:  Die Aufgabe des Ministeriums für Staatssicherheit bestand  darin, die BRD Deutschland zu zersetzen, kommunistische Umtriebe zu organisieren, um Voraussetzungen zu schaffen, den Kommunismus in Deutschland zu errichten. So beobachtete das MfS, das in vieler Hinsicht die PLO unterstützte,  auch genau die Kontakte des BND zu ausländischen Geheimdiensten, wie dem Mossad,  man interessierte sich für die Beziehung des BND zu den deutschen Polizeibehörden und zur  Presse, und man wusste "auch über den starken Ausbau des Funkabhördienstes gut Bescheid" - zum Beispiel über die Funkstelle nahe Weilheim/Obb.     

In der Systemauseinandersetzung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR spielte auch der Kampf zwischen dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) eine zentrale Rolle, der weitgehend abseits der Öffentlichkeit ausgetragen wurde. Auch der Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, die in den Jahren 1946/47 gegründete und 1956 in den Bundesnachrichtendienst überführte „Organisation Gehlen“ war bereits Teil dieser verdeckten Auseinandersetzung zwischen den Nachrichtendiensten der beiden deutschen Staaten während des Kalten Krieges.1 Der BND unterstand und untersteht dem Bundeskanzleramt, das MfS war „Schild und Schwert“ der SED und nur ihr verantwortlich. Das MfS sollte als Instrument der SED die Alleinherrschaft der Partei nach innen und außen unterstützen, sichern und stabilisieren. Neben der Gewinnung von Informationen über die „Feindzentralen“, wie beispielsweise die Bundesregierung, die politischen Parteien oder den BND, organisierte das MfS auch Entführungsaktionen in der Bundesrepublik Deutschland, von denen unter anderen BND-Angehörige betroffen waren.2 Der folgende Beitrag befasst sich mit der Sicht des MfS auf seinen Hauptgegenspieler BND und vor allem mit der Darstellung und Analyse derjenigen Informationen, die das MfS über den BND erarbeitet hatte. Der Teil des MfS, der Auslandsspionage betrieb und sich im Rahmen dessen vor allem mit der Bundesrepublik Deutschland beschäftigte, war in erster Linie die Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) unter ihrem langjährigen Leiter Markus Wolf. Im Zuge der friedlichen Revolution in der DDR im Jahr 1989 wurde von engagierten Bürgerrechtlern und Teilen der Bevölkerung die Hinterlassenschaft des MfS durch die Erstürmungen der Bezirksverwaltungen des MfS ab dem 4. Dezember 1989 sowie der Zentrale des MfS am 15. Januar 1990 und durch Verhandlungen am Zentralen Runden Tisch in Berlin gesichert, aufbewahrt und später durch den Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU)  verwahrt, bearbeitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Bürgerrechtler und die Bürgerkomitees waren vor allem an der Dokumentation des internen Herrschafts- und Unterdrückungsapparates des MfS interessiert. Deshalb stimmten sie zu, dass die HV A ihre Unterlagen selbst vernichten durfte. Den Bürgerrechtlern war nicht bekannt, dass die HV A in vielfältiger Weise mit dem MfS verflochten war. Daher konnte die HV A bis Mitte 1990 die meisten Unterlagen, die im Verlauf ihrer Tätigkeit entstanden waren, mit Zustimmung der Bürgerrechtler und des Zentralen Runden Tisches vernichten; diese Unterlagen, die die „Westarbeit“ der HV A dokumentieren könnten, sind unwiederbringlich verloren. 

Im Rahmen der Westarbeit arbeitete die HV A auch gegen den BND. Diese Unterlagen sind ebenfalls weitgehend verloren, allerdings mit zwei gravierenden Ausnahmen. Ehemalige Mitarbeiter der HV A übergaben dem BStU etwa 45 laufende Meter Akten, in denen teilweise die Tätigkeit des MfS gegenüber dem Bundesnachrichtendienstes dokumentiert ist. Zudem unterhielt die HV A in jeder der 15 Bezirksverwaltungen des MfS spezielle Abteilungen („Abteilung 15“), in denen sich die Westarbeit der HV A gegenüber der Bundesrepublik Deutschland und damit gegenüber dem BND widerspiegelt. Zudem enthalten auch Akten anderer Abteilungen des MfS, beispielsweise der Hauptabteilung II (Spionageabwehr), Vorgänge der Westarbeit des MfS. Insgesamt operierten etwa 200 verschiedene MfS-Diensteinheiten in der Bundesrepublik.3 Unter Berücksichtigung dieser Quellenlage sollen folgende Fragen gestellt werden: Was wollte das MfS über den BND wissen? Wie arbeitete das MfS dabei? Was waren die Schwerpunkte bei der Arbeit gegenüber dem BND? Welcher Arbeitsweisen bediente sich das MfS? Welchen Nutzen zog das MfS aus seinen Erkenntnissen über den BND? Welche Infiltrationserfolge gelangen dem MfS? Weitere, kurz gestreifte Fragen betreffen die politisch-ideologische Einschätzung des BND durch das MfS, die Arbeit des BND gegen das MfS aus Sicht des MfS, den Informationsfluss innerhalb des Bundesnachrichtendienstes, die Zusammenarbeit des BND mit anderen Nachrichtendiensten, die Verbindungen des BND zur Bundesregierung, zu den Länderregierungen, zur Justiz und zum Auswärtigen Amt, die Überwachung des innerdeutschen Briefverkehrs durch den BND und die Qualität der Informationen des MfS über einzelne BND-Angehörige. 

Die Tätigkeit des MfS gegen den BND vollzog sich im Rahmen der Westarbeit des MfS gegen die Bundesrepublik. Im Verlauf von 40 Jahren sollen ca. 12 000 West-IM für die HV A und die Abwehrdiensteinheiten des MfS gearbeitet haben.4 Ziel der Westarbeit war es laut Erich Mielke einen „Beitrag zur Unterstützung der Politik der DDR gegenüber der BRD“ zu leisten.5 Die Westarbeit richtete sich gegen Einflüsse aus dem Westen, die auf die DDR negativ einwirkten und aus der Sicht von SED und MfS staatsfeindlich waren. Es handelte sich also um einen Beitrag zur inneren Sicherheit der DDR und zur Sicherung des sozialistischen Systems. Zwei wichtige Ziele waren dabei die Einflussnahme auf die inneren Entwicklungen in der Bundesrepublik sowie deren Destabilisierung. Zudem sollte die Westarbeit einem Überraschungsangriff der NATO auf die Staaten des Warschauer Paktes vorbeugen; zu diesem Zweck sollte die Bundeswehr „zersetzt“ werden.6 Es galt, gegnerische Stützpunkte und Agenturen aufzuklären und zu zerschlagen. Das „Wörterbuch für die politisch-operative Arbeit“ des MfS aus dem Jahr 1969 formulierte unter dem Stichwort „Aufklärung“: „Sie dient der Verteidigung der Souveränität und der sozialistischen Errungenschaften, der Sicherung des Friedens, der Verhinderung eines Überraschungsangriffes und der Bekämpfung der feindlichen subversiven Tätigkeit.“7 In der Zusammenarbeit zwischen Abwehr und Aufklärung existierten verschiedene Felder der Spionage. Die Westarbeit richtete sich in Form der politischen Spionage gegen die Bundesregierung und die politischen Parteien, im Bereich der Wirtschafts- und Wissenschaftsspionage gegen die großen Unternehmen und die Universitäten, die Militärspionage gegen die Bundeswehr und die NATO und die Gegenspionage umfasste die Arbeit gegen die bundesdeutschen Nachrichtendienste.8 Im MfS existierte hierfür die Hauptabteilung II (Spionageabwehr) und die 1973 eingerichtete Abteilung IX der HV A (Äußere Abwehr).9 Die Abteilung IX hatte 200 hauptamtliche Mitarbeiter und 160 OibE (Offiziere im besonderen Einsatz), die für die „Gegenspionage“ und die „Äußere Abwehr“ zuständig waren. Das Referat 1 war für den BND zuständig und verfügte über zwei O-Quellen im BND, Hauptmann Alfred Spuhler und Regierungsdirektorin Dr. Gabriele Gast.10  

Die Informationen, die das MfS über den BND erarbeitete, müssen auf ihre Verlässlichkeit überprüft werden. Dass das MfS an guten und realitätsnahen Informationen über den BND interessiert war, ist selbstverständlich, dass es mit großem handwerklichen Geschick Informationen besorgte, bestätigen Experten.11 Anhand von zwei Beispielen soll die Belastbarkeit der Informationen untersucht werden. In den 1980er-Jahren erarbeitete das MfS, das selbst den innerdeutschen Briefverkehr systematisch überwachte, Informationen zur Überwachung des innerdeutschen Briefverkehrs durch den BND. Detailliert schilderte das MfS, wie getarnte Dienstfahrzeuge Tausende Briefsendungen zu Dienststellen transportierten, die sich als Außenstellen des BND entpuppten. Die Quelle weist genau die Schaltstellen für den Briefverkehr aus den sozialistischen Ländern aus; dies waren für die DDR die Postleitstellen in Braunschweig, Bebra, Hof, Hamburg und West- Berlin. Das MfS brachte in Erfahrung, dass alle auf dem Münchner Bahnpostamt abgeholten Briefe nach erfolgter Bearbeitung durch den BND später zurückgebracht und an die eigentlichen Empfänger weitergeleitet wurden. So konnte es feststellen: „Insgesamt kontrollieren die BNDBeamten jährlich ca. 100 Mio. Brief- und Postsendungen aus sozialistischen Ländern, aber auch aus der BRD, die an Adressaten in den sozialistischen Ländern gerichtet sind.“12 Dieser Sachverhalt wird im im Großen und Ganzen von Josef Foschepoth in seinem 2012 erschienenen Buch bestätigt.13 Foschepoth resümiert: „Am intensivsten arbeitete auf dem Gebiet der Post- und Fernmeldeüberwachung der BND mit den alliierten Geheimdiensten zusammen.“14 Die auf Quellen des Bundesarchivs, des Archivs für Christlich Demokratische Politik, des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes und weiterer Archive beruhende Studie belegt bis ins Detail die Richtigkeit der vom MfS über den BND erarbeiteten Informationen zur Überwachung des innerdeutschen Briefverkehrs durch den BND. Das zweite Beispiel betrifft einen Vorgang im Gefängnis Straubing. Laut MfS wurden dort vom israelischen Nachrichtendienst inhaftierte Palästinenser mit Wissen der deutschen Behörden vernommen und mit Psychopharmaka behandelt.15 

Die Version des MfS wird gestützt von einem Artikel des Nachrichtenmagazins Der Spiegel vom 29. Oktober 1979 unter der Überschrift „Zumindest ein böser Schein“.16 In der Zusammenfassung am Anfang des Artikels schreibt das Magazin, dass israelische Geheimdienstler in bayrischen Gefängniszellen Palästinenser verhört hätten; die Israelis „stifteten, so die Araber, einen PLO-Mann zu einem Mord an. Nun droht die PLO mit ‚Aktionen in der Bundesrepublik‘.“17 Das MfS berichtete über die Vorgeschichte und rekurrierte dabei bis in das Jahr 1957. Zwar decken sich die Erkenntnisse des MfS mit den Informationen des Spiegel, doch kann eine definitive Bestätigung oder Widerlegung des beschriebenen Sachverhalts letztlich nur durch die Öffnung staatlicher Archive in der Bundesrepublik Deutschland erfolgen. Paul Maddrell kommt in seiner neuesten Analyse „Im Fadenkreuz der Stasi: Westliche Spionage in der DDR“18 zu dem Schluss, dass die Unterlagen der Staatssicherheit, hier der Hauptabteilung IX, in denen es vorwiegend um die westlichen Nachrichtendienste geht, weitgehend zuverlässig sind. Die Frage nach der Herkunft der Informationen des MfS kann im Einzelfall nur schwer beantwortet werden, deshalb geht es bei diesem Punkt um Plausibilität und um Tatsachen, die aus der allgemeinen Literatur über Geheimdienste bekannt sind. Eine Vielzahl von Informationen erlangte das MfS aus sogenannten offenen Quellen, d. h. aus der Auswertung von Zeitschriften, Zeitungen und anderen Medien. Vor allem das Nachrichtenmagazin Der Spiegel publizierte oftmals Interna aus dem BND. Ein weiterer Teil der Informationsgewinnung erfolgte durch Doppelagenten, also Personen, die beim BND arbeiteten, in Wirklichkeit jedoch für das MfS spionierten. Bekannte Fälle sind Dr. Gabriele Gast und die Gebrüder Spuhler.19 

Die Erkenntnisse eines KGB-Doppelagenten beim BND, Heinz Felfe, wurden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch an das MfS weitergleitet.20 Ein häufiges Mittel der Gewinnung von Informationen über den BND bestand in der Abschöpfung von BND-Angehörigen. Dabei führten West-IMs des MfS Gespräche mit Beschäftigten des BND und gaben diese Informationen an Ost- Berlin weiter. Ein Beispiel hierfür war ein persönliches Gespräch einer „zuverlässigen Quelle“ mit einem BND-Angehörigen Anfang Juli 1985 über die SDI (Strategic Defense Initiative), das sich in den MfS-Unterlagen so niederschlägt: „Der BND zu SDI: Der BND bejaht eine Beteiligung an SDI, allerdings nur im Grundsatz, da dem BND viele Details noch ungeklärt erscheinen. Die Einschätzung zur Beteiligung an SDI läuft darauf hinaus, dass Kohl und Thatcher halbherzig mitmachen, Mitterand und Craxi dagegen sind ebenso die kleineren NATO-Partner. Als Folge wird im BND eingeschätzt, dass die Amerikaner letztlich ganz allein handeln werden.“21 Weitere Erkenntnisse des MfS über den BND ergaben sich beispielsweise aus Verhören von gefangen genommenen BND-Angehörigen. Zur Legitimation des eigenen Handelns entwickelte das MfS nach den Vorgaben der SED Einschätzungen über den BND bzw. die Rolle des BND im politischen System der Bundesrepublik Deutschland. Das MfS war der Meinung, dass die enge Zusammenarbeit zwischen den Geheimdienstorganen des „deutschen Imperialismus“ und dem „deutschen Monopolkapital“ ein Beweis dafür sei, dass die Verflechtung von Monopolen, Staatsapparat und Geheimdiensten alle Bereiche und Prozesse erfasst habe. Zur operativen Tätigkeit des BND mutmaßte das MfS: „Durch die Methode des Eindringens in gegnerische Geheimdienste, die höchste Form der geheimdienstlichen Tätigkeit, ist der deutsche Geheimdienst bestrebt, in den Besitz von geheimen Informationen von außerordentlich hohem Wert des betreffenden Landes zu kommen und durch Spione, die bedeutende Stellungen in gegnerischen Geheimdiensten bekleiden, maßgeblich die Politik dieses Staates zu beeinflussen. Eine bedeutende Rolle spielt der westdeutsche Nachrichtendienst in seiner Spionage gegen die Sicherheitsorgane der sozialistischen Staaten.“22 Weiterhin betrachtete das MfS den BND als Nachfolgeorganisation des „ehemaligen faschistischen deutschen Aufklärungsdienstes“.23 Das MfS postulierte also eine Kontinuität zwischen Gestapo und SD einerseits und dem Bundesnachrichtendienst andererseits.24

 Zudem ging man davon aus, dass der BND in das MfS eindringen wolle, eine gewiss berechtigte Annahme, die auf alle gegnerischen Nachrichtendienste zutraf und zutrifft. Auch glaubte das MfS, eine zunehmende Tätigkeit der „Abwehrorgane“ zu erkennen, mit dem Ziel, IM des MfS „zu erkennen, zu bearbeiten, zu inhaftieren oder zu überwerben und die dadurch gewonnenen Erkenntnisse intern oder öffentlich auszuwerten“.25 Hier wie an vielen anderen Stellen spiegelte sich die Tätigkeit des MfS in der unterstellten Tätigkeit des BND. Zur Bekämpfung des gegnerischen Geheimdienstes musste das MfS zunächst die Arbeitsweise des BND analysieren, einschließlich der Möglichkeit des Doppelagententums. Durch Informationsgewinnung wollte das MfS seine Abwehr gegen den BND stärken, dazu gehörten auch Abschöpfungen von inhaftierten BND-Mitarbeitern. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen entwickelte das MfS dann Strategien zur Bekämpfung des BND. Im Januar 1964 wurde beispielsweise ein langjähriger Agent des BND, Hans-Joachim Schneider, der schon vor 1955 Agent des BND gewesen sei und außerdem seit Juli 1961 inoffiziell mit dem MfS zusammengearbeitet habe, inhaftiert.26 In den Mikraten, die Schneider laut MfS vom BND übergeben worden waren, heißt es u. a.: „Die Aufgabe des MfS bestehe darin, die Bundesrepublik Deutschland zu zersetzen, kommunistische Umtriebe zu organisieren, um Voraussetzungen zu schaffen, den Kommunismus in der Bundesrepublik zu errichten. – Der BND habe deshalb die Aufgabe, die Bundesrepublik vor dieser Tätigkeit des MfS zu schützen. Zusammenarbeit mit dem BND: Hier wurde auf die Tätigkeit des Agenten eingegangen, daß er durch seine Arbeit [die Zusammenarbeit mit dem BND] an diesem großen Werk seinen persönlichen Beitrag leisten würde. Aufträge: Strukturelle Angaben über das MfS – Dienststellen – deren Sitz und Telefonanschlüsse – Objekte, die vom MfS genutzt bzw. bewacht werden – Beschreibung der Objekte und Dienststellen – Angaben über bekannte Mitarbeiter des MfS bzw. Personen, die mit dem MfS zusammenarbeiten.“27 

Schneider war ein Doppelagent, d. h. der BND wusste von dessen Tätigkeit für das MfS. Laut MfS war der BND daran interessiert, die Einzelheiten seiner Zusammenarbeit mit dem MfS zu erfahren. Hierzu gehörte es beispielsweise, die Lage und Anschrift einer MfS-Dienststelle, die Beschaffenheit des Objekts, die Sicherung der Dienststelle, technische Sicherungen, die Kraftfahrzeugausrüstung, die Zahl, Namen, Vornamen, Dienstgrade, Anschriften und  Personenbeschreibungen der in dieser Dienststelle tätigen Mitarbeiter, speziell Alter, Größe, Erscheinung, Figur, Haltung, Gebaren, Gewohnheiten, Gang, Kleidung, anatomische Merkmale, besondere Kennzeichen und sonstige Merkmale zu erfahren. Prinzipiell wollte der BND dieser Stasiquelle zufolge alles, was in irgendeiner Form mit dem MfS in Zusammenhang stand, wissen. Das MfS kannte durch diese Quelle die Richtlinien des BND in der Arbeit gegen das MfS. Es ist offensichtlich, dass das MfS dasselbe wissen wollte wie der BND. Zugespitzt könnte man formulieren, dass beide Nachrichtendienste in diesem Punkt mit ähnlichen Methoden arbeiteten, denn beide suchten nach Schwachstellen von Personen, um diese dann unter Druck setzen zu können. Das MfS wollte auf diese Weise in Erfahrung bringen, wie der BND gegen das MfS arbeitete, um aus den gewonnenen Erkenntnissen Maßnahmen der Abwehr und der Gegenspionage zu entwickeln. Zudem konnten mit diesen Mitteln Doppelagenten gewonnen werden. 

Über die Organisation und den Aufbau des Bundesnachrichtendienstes konnte das MfS in Erfahrung bringen: „Die operativ arbeitenden Abteilungen der Zentrale (I-und III-Dienst) waren grundsätzlich selbständig und in keiner Weise miteinander verbunden. Ihnen unterstanden eine Reihe von Generalvertretungen, die nach der Legalisierung im internen Sprachgebrauch die Bezeichnung Dienststellen erhielten. […] Territoriale Gesichtspunkte für den Sitz der der Zentrale unterstellten Dienststellen gab es nie.“28 Das MfS kannte die Organisation des Bundesnachrichtendienstes sehr genau. Bis hinunter auf die Ebene der einzelnen Referate und Sachgebiete war es über die Aufgaben des BND informiert. So wusste das MfS beispielsweise, dass innerhalb des III-Dienstes eine Gruppe operativer Tätigkeit bestand, eine Gruppe Auswertung, eine Gruppe Sicherheit (Quellenkarte, Pannenbearbeitung) und als selbstständiges Referat die Kartei des III-Dienstes.29 Das MfS ging davon aus, dass die Koordination und die Kooperation innerhalb der Zentrale des BND mangelhaft war und dass doppelte Aufgabengebiete und konkurrierende Tätigkeiten innerhalb der Institution nicht vermieden wurden. Die Staatssicherheit belegte dies anhand des folgenden Sachverhaltes: „Wie wenig rationell verfahren wurde, geht allein daraus hervor, daß das große fototechnische Labor in der Zentrale, das für den gesamten BND eingerichtet war, plötzlich nach der Errichtung des strategischen Dienstes Konkurrenz bekam. Für diesen Dienst wurde ein eigenes Fotolabor geschaffen, was in der Auswirkung einer Vergeudung der vorhandenen Mittel und Kräfte gleichzusetzen war, denn das vorhandene Großlabor hätte mit Leichtigkeit die anfallenden Arbeiten des strategischen Dienstes noch mit bewältigen können.“30

Weiterhin konstatierte das MfS, dass zwischen einzelnen Abteilungen und Dienstbereichen kaum Querverbindungen bestünden. Der Grund dafür liege darin, dass Gehlen dies nicht wünschte und er sogar innerhalb der Zentrale des BND Sperrkreise eingericht habe, die von Mitarbeitern eines anderen Sperrkreises nicht betreten werden durften. Das MfS war deshalb davon überzeugt, dass die Effizienz des BND gering sei. Diese Diagnose deckt sich durchaus mit der Literatur über den BND.31 

Entscheidend für das reibungslose Funktionieren eines Nachrichtendienstes ist ein geregelter und effizienter interner Informationsfluss. Für gegnerische Nachrichtendienste war und ist es von großer Bedeutung, diese internen Nachrichtenströme, von der Gewinnung der Informationen bis zur Auswertung, zu kennen. Auch in dieser Hinsicht war die Staatssicherheit der DDR über den BND bestens informiert. „Die Meldungen, die die unterstellten Dienststellen der Zentrale vorlegen, werden mit einem sogenannten Vorblatt versehen, das außer der laufenden sogenannten Blocknummer […] taktische Angaben über Beschaffungszeit, Art, Meldeweg usw. enthält. […] Dieses Meldematerial wird von der Kurierstelle der entsprechenden Abteilungsregistratur zugeleitet, die das Material dann auf die einzelnen Gruppen verteilt, von wo aus die Belieferung der einzelnen Referate erfolgt. […] Im Regelfalle liegt es in der Zuständigkeit des Referenten, was er mit dem Material macht.“32 Das MfS wusste auch, dass neben den Meldungen von Dienststellen Berichte und andere Informationen von Behörden und befreundeten Diensten eingingen, die den Fachreferenten zugeleitet und von ihnen ausgewertet wurden. 

Es überrascht nicht, dass das MfS auch über den starken Ausbau des Funkabhördienstes gut Bescheid wusste. Die Funkstelle in der Nähe von Weilheim war ihm ebenso bekannt wie die Tatsache, dass es Funkstellen im skandinavischen Raum gab. Zur diesbezüglichen Zusammenarbeit mit befreundeten Diensten des BND schrieb das MfS: „Außerdem besteht eine enge Zusammenarbeit mit der amerikanischen Armee. Eine Zusammenarbeit mit britischen Behörden wurde andeutungsweise bekannt. Allerdings handelt es sich hierbei um eine Zusammenarbeit für die Errichtung von Schweigenetzen für den E-Fall.“33 Auch von einer Zusammenarbeit des BND mit dem Bundespresseamt ging das MfS aus. Es vermutete, dass die Funkabhörstellen des BND den Manöverfunk der Warschauer-Pakt-Staaten überwachten und entschlüsselten. Im politischen Bereich würden Studien erstellt, die auch andere Behörden zur Kenntnis erhielten.

 Als Beispiel nannte das MfS Studien über das sowjetische Sperrgebiet Karlshorst, über dessen Dislokation, die Tätigkeit des KGB in Deutschland und die  Vernehmungsmethoden des Staatssicherheitsdienstes. Auch für den politischen Bereich erarbeitete das MfS sehr detaillierte Informationen: „Bei aktuellen politischen Anlässen, z. B. Abschluß des Deutsch-sowjetischen Konsularabkommens, deutsch-sowjetische Handelsgespräche, Reise Adenauers nach Moskau 1955 usw., werden von allen in Betracht kommenden Abteilungen entsprechende Studien verfaßt und den Delegationsleitern oder Mitgliedern von Delegationen zur Kenntnis gegeben. Das eingehende Rohmaterial wird, nachdem es ausgewertet ist, mit einem Exemplar dem Zentralarchiv zugeleitet, wo es nach Mikrofilmaufnahme in einem Kellerraum in einer sogenannten Kompaktanlage […] abgelegt wird. Die Mikrofilme werden in Washington aufbewahrt.“34 

Auch über die tägliche Arbeit mit Karteien im BND war das MfS informiert, denn es wusste, dass im III-Bereich die Karteikarten alle zwei Jahre auf Mikrofilm aufgenommen und in Washington hinterlegt wurden. Die mögliche Vorbildrolle der CIA für den BND kam laut Unterlagen des MfS dadurch zum Ausdruck, dass der Leiter des Zentralarchivs vor 1960 eine Reise zum CIAHauptquartier machte, um sich dort zu informieren, „inwieweit die vom CIA durchgeführte elektronische Auswertung für den BND als Muster dienen könnte“.35 Quasi als Abfallprodukt der Beschäftigung mit dem BND konnte das MfS auch über die CIA Informationen gewinnen: „Im CIA Hauptquartier werden eingehende Meldungen nach folgender Methode ausgewertet, wobei dieses System nicht im Politischen oder Gegenspionagebereich anwendbar ist. Eingehende Meldungen über wirtschaftlich oder militärische Angelegenheiten und Anlässe werden von einem Vor-Sichter klassifiziert. Es gibt ein Klassifizierungsschema, was den Umfang eines Buches hat. Jede nur mögliche Information hat eine Schlüsselnummer, wie z. B. wenn eine Meldung aus Burma über die Zinnproduktion kommt, wird auf den unteren Rand der Meldung eine Zahl geschrieben, die sich aufgliedert nach Schlüsselnummer für Burma plus Schlüsselnummer für Zinnproduktion. Daran anschließend wird diese Meldung in einer halbautomatischen Anlage fotografiert. Gleichzeitig wird eine Lochkarte gestanzt. Nach der Entwicklung des Filmes wird ebenfalls halbautomatisch das Filmnegativ in die dazugehörige Lochkarte eingepflanzt.“36 Der gesamte Prozess dieser Nachrichtenauswertung durch die CIA wurde vom MfS detailliert in Erfahrung gebracht. Die Gewinnung der Informationen über die Meldewege und die Nachrichtenauswertungen im BND und in der CIA hatte für das MfS das Ziel der Unterbrechung des Meldeweges und damit eine Abwehrfunktion. Die Neutralisierung von Funkstellen war für das MfS die Grundlage für die Umstellung des eigenen Manöverfunks. Das MfS wollte herausfinden, in welchen Bereichen besondere Abschöpfungsmöglichkeiten bestanden.  

Ein besonderes Interesse bestand in der Aufklärung des Verhältnisses zwischen BND und Presse. Das MfS kam zu dem Ergebnis, dass sich im BND das Bedürfnis entwickelt habe, in der Bundesrepublik besondere Verbindungen zu Journalisten und zur Presse aufzubauen: „Die gesamte Beeinflussung der Presse, Auswertung der inländischen Presse und Unterrichtung der Bundesregierung lag in den Händen von [Name], der dann beim Ausbau des strategischen Dienstes sich einen eigenen Unterbau (Dienststellen) schaffen konnte und von den übrigen Bereichen in der BND-Zentrale nicht eingesehen werden kann.“37

 Für das MfS war es zudem sehr wichtig, Kenntnisse über die technischen Verbindungen im BND einschließlich der Chiffriermethode zu erlangen. Es brachte in Erfahrung, dass das Schlüsselverfahren für einen hohen Betrag an die Firma Lorenz verkauft wurde. Auch erhielt es die Information, dass die Schlüsselmethode beim BND darauf beruhte, dass zwischen Fernschreibmaschine und Leitung ein Kodiergerät geschaltet wurde, in das ein vorbereiteter Lochstreifen eingelegt wurde. Dadurch wurde der von der Fernschreibmaschine ausgehende Impuls verändert und ging dann verschlüsselt durch die Leitung. Zudem blieb dem MfS nicht verborgen, dass die Schlüsselrollen für den BND und alle Bundesbehörden in der Bundesstelle für Chiffrierwesen, Bad-Godesberg/Mehlem, hergestellt werden.38 Das MfS konnte also jetzt versuchen, einen IM in der Firma Lorenz zu platzieren. Von Anfang an wusste Ost-Berlin von der Zusammenarbeit des BND mit allen westlichen Geheimdiensten und auch, dass diese Zusammenarbeit in der Frühzeit der Organisation Gehlen mithilfe der Amerikaner angebahnt worden ist. Die Staatssicherheit ging zu Recht davon aus, dass die CIA der einzige Geheimdienst war, der ein eigenes großes Verbindungsbüro in München unterhielt und dass dessen Verbindungsoffiziere unmittelbaren Zugang zur Zentrale des BND in Pullach hatten. Bezüglich der Zusammenarbeit mit Großbritanien wusste das MfS: „Für die Zusammenarbeit mit dem britischen Nachrichtendienst besteht eine Verbindung zu dem Beauftragten in der Britischen Botschaft in Bonn und zu den Verbindungsoffizieren im Generalkonsulat in München und einem Generalkonsulat in Norddeutschland, vermutlich Hannover oder Hamburg.“39

 Dass die Verbindung zu Israel, zu den arabischen Staaten, Südvietnam, Südkorea, Japan sowie Latein- und Südamerika in den Händen des strategischen Dienstes lag, war dem MfS bekannt. Besonderes Interesse weckte die Zusammenarbeit zwischen BND und Mossad, die sich laut MfS sowohl auf das Bundesgebiet als auch auf den gesamten Nahen Osten erstreckte. 

Das MfS nannte den Namen eines Mannes, der „Resident des BND in Beirut und Doppelagent des BND und der Israeli [ist], der mit Strauß, für den er lange gearbeitet hat, engstens liiert ist, [er] steuert den Informationsdienst bei der ‚Operation Blaumeise‘ in den arabischen Staaten. Seine Aufgabe ist es, die Gewohnheiten und Verbindungen der PLO-Führer auszuforschen, die danach vom Mossad aufs Korn genommen werden. Als Gegenleistung dafür erhält der BND von den Israeli Informationen über die RAF-Guerillakämpfer und über andere europäische Guerillaorganisationen. Das Ganze wird dann in den Computer in Wiesbaden eingespeist. Und schließlich kontrollieren die beiden Nachrichtendienste gemeinsam unter Mitarbeit anderer europäischer Nachrichtendienste, einschließlich des italienischen, den Reiseverkehr der PLOAngehörigen, ihre Korrespondenz und ihre Telefongespräche.“40 

Diese Informationen waren deshalb von großer Bedeutung, weil das MfS und der KGB den BND bzw. die Bundesrepublik Deutschland auch im Nahen Osten bekämpfen und Ansatzpunkte für das Umdrehen von Agenten gewinnen wollten. Der BND unterhielt nicht nur gute Beziehungen zum Mossad, sondern gleichzeitig zu den ägyptischen Geheimdiensten. Der BND hatte im obersten Geschoss des Bundeskanzleramtes, im Palais Schaumburg, ein Kontaktbüro, dessen Aufgabe darin bestand, die Verbindung des BND zum Bundeskanzleramt und zu sämtlichen obersten und im Raum Bonn befindlichen oberen Bundesbehörden zu pflegen. Das Ziel des MfS bzw. dessen HV A bestand vorwiegend darin zu erfahren, wie dieser Informationsfluss strukturiert war. Das MfS wusste zu berichten, dass jeder Referent des BND für einige Ministerien zuständig sei und unmittelbaren Zugang zu den Spitzen der Behörden habe: „Eine Sonderstellung nimmt der Referent ein, der die sogenannten III-Interessen vertritt. Er pflegt speziell die Kontakte zum Bundesamt für Verfassungsschutz, zum Amt für Sicherheit der Bundeswehr und zu den 14. Komm. der Bonner und Kölner Polizei sowie Bundesverwaltungsamt u.ä.“41 Das MfS konstatierte, dass die Zusammenarbeit dieses Verbindungsbüros mit den Bundesbehörden bis zum Jahr 1961 sehr gut gewesen sei, sich aber nach dem Fall Felfe erheblich verschlechtert habe. Die Verbindung zum Bundesgerichtshof und zum Generalbundesanwalt in Karlsruhe sei der Zentrale des BND vorbehalten. Der Leiter der Sicherheitsgruppe der Zentrale trete als Sachverständiger des BND in Landesverratsprozessen vor dem Bundesgerichtshof auf, wenn die Interessen des BND davon berührt seien. Dass der BND Verbindungen zu den einzelnen Länderjustizministerien unterhielt, war dem MfS ebenso bekannt. Diese Aufgaben wurden von Verbindungsreferenten erfüllt, die im Bedarfsfall die Interessen des BND vertreten oder Wünsche und Beschwerden der Landesbehörde zur Weiterleitung an die Zentrale des BND entgegennehmen sollten. 

Von besonderem Interesse waren für das MfS die Beziehungen des BND zum Auswärtigen Amt, um möglichst früh über die Ziele der Außenpolitik der Bundesrepublik informiert zu sein und zugleich der SED-Führung Handreichungen für Gegenstrategien bereitzustellen. Das MfS ermittelte den Namen des Leiters der BND-Dienststelle und den Namen von dessen Partner im Auswärtigen Amt. Zur allgemeinen und konkreten Zusammenarbeit zwischen BND und Auswärtigem Amt schrieb das MfS: „Über diese Verbindung sollten die diplomatischen Berichte der Missionschefs dem BND zugeleitet und entsprechend des Auswertungsmaterials dem Auswärtigen Amt zur Verfügung gestellt werden. Gegenüber dem Auswärtigen Amt wurde vonseiten des BND eine sehr helfende Stellung eingenommen. Gehlen lag von Anfang an daran, mit Hilfe des Auswärtigen Amtes seine Position zu stärken, deshalb wurde auch regelmäßig dem Auswärtigen Amt angeboten, hierfür in Frage kommendes Personal zu schulen oder durch einzelne Vorträge fortzubilden. So wurde regelmäßig das leitende Personal der Deutschen Botschaft in Moskau vor seiner Entsendung über die Erkenntnisse des BND bzw. über die dort in Moskau zu erwartende Lage informiert. […] Es besteht kein Zweifel, daß der BND die Möglichkeit hat, in den Auslandsvertretungen der Bundesrepublik eigene Mitarbeiter unterzubringen. […] Die Bereitschaft des Auswärtigen Amtes, den BND bei seiner Arbeit zu unterstützen, geht u. a. daraus hervor, daß in der Zentrale des BND (sogen. Auslandsverbindungsdienst) eine Nebenstelle des Auswärtigen Amtes, Kurierabteilung unterhalten wird, die über Dienstsiegel und Blombenzangen des Auswärtigen Amtes verfügt.“43 Für das MfS war es wichtig, aus dem Botschaftspersonal des Auswärtigen Amtes die BND–Angehörigen zu identifizieren und Anwerbungsversuche einzuleiten. Das MfS glaubte zu wissen, dass die Beziehungen des BND zum Bundesamt für Verfassungsschutz vorwiegend über den III-Dienst liefen. Es recherchierte zu der Art und Weise dieser Verbindung: „Als Verbindungsreferent wirkt stets der stellv. Abteilungsleiter. [Namen] waren jeweils Gesprächspartner des Vizepräsidenten BfV und suchten ihn in dessen Dienstzimmer in Köln auf. Ursprünglich mußten alle Anfragen usw. an das BfV durch diesen Verbindungsreferenten dem BfV [getätigt werden]. […] Seit der Legalisierung läuft jedoch der Fernschreib- und auch schriftliche Verkehr unter der offenen Firmierung.“44 Ähnliches erarbeitete das MfS hinsichtlich der Verbindungen des BND zu den Landesämtern für Verfassungsschutz und zum Bundeskriminalamt. Es wurde festgestellt, dass es enge Verbindungen des BND zur Sicherungsgruppe in Bad Godesberg gebe. 

Von besonderem Interesse waren die Kontakte des BND zur Polizei. Laut MfS war die Zentrale des BND an das Polizeifernschreibnetz angeschlossen und konnte im Bedarfsfall jede Polizeistelle  fernschriftlich erreichen. Alle Polizei- bzw. Meldebehörden seien durch interne Anordnungen angewiesen, jeden Zuzug aus dem östlichen Ausland den Befragungsstellen (des BND) mitzuteilen.45 Ein zentrales Ergebnis der Spionagetätigkeit des MfS war, dass der BND mit allen anderen Organen des bundesdeutschen Sicherheitsapparates eng zusammenarbeitete. Informationen zu konkreten einzelnen Vorgängen konnte das MfS nach den vorhandenen Unterlagen jedoch kaum gewinnen, auch sagen die Quellen so gut wie nichts über die Rivalitäten, beispielsweise zwischen Verfassungsschutz und BND, aus. Hier stand dem MfS möglicherweise seine ideologisch geprägte Sicht im Wege. Der Prozess der politischen Willensbildung in der Bundesrepublik war für die Informationsbedürfnisse des MfS sehr wichtig, vor allem die Frage, inwieweit der BND in diese Willensbildung eingebunden war und sie möglicherweise beeinflussen konnte. Zu diesem Themenbereich konstatierte das MfS, dass es die Absicht des BND sei, mit maßgebenden Personen aus der Politik und aus dem öffentlichen Leben Kontakte herzustellen, „die dem BND unmittelbar politisch nutzen, insbesondere dann, wenn der BND seine Hausmacht stärken muß, oder wenn beispielsweise bei den Etatberatungen im Bundestag die Interessen des BND vertreten werden sollen“.46 Laut MfS verfügte Gehlen, dass die Führungsgremien der großen Parteien die Wochenberichte des BND ausgehändigt bekamen, ab einem gewissen Zeitpunkt sei auch noch eine Reihe von Behörden wie der Bundesgerichtshof oder der Generalbundesanwalt hinzugekommen. Lakonisch bemerkt das MfS hierzu: „Diese Verbindungen werden nicht ausgenutzt, um Informationen zu erlangen, sie sollen ausschließlich dem BND Einflussmöglichkeiten einräumen. Im Bedarfsfalle wird den entsprechenden Stellen oder Persönlichkeiten Hilfestellung gegeben, indem sie für eine Auslandsreise eine entsprechende Einweisung erhalten, oder indem ihre Dienstzimmer auf evtl. verborgene Lauschvorrichtungen überprüft werden usw.“47 Auch zu diesem Themenkomplex konnte das MfS kaum Informationen darüber gewinnen, bei welchen Themen welche Mitarbeiter des BND welche Politiker zu beeinflussen versuchten. Hingegen war das MfS sicher, dass der BND vor allem zur CSU bzw. deren Parteispitze beste Beziehungen pflegte. Dass das MfS eine nahezu lückenlose Überwachung der DDR-Bevölkerung betrieb, ist bekannt und vielfach belegt. 

Die Kontrolle des Briefverkehrs zwischen der DDR und der Bundesrepublik gehörte zu den Schwerpunkten der Tätigkeit des MfS. Auch erschien es ihm sehr wichtig, das Ausmaß der Kontrolle des Briefverkehrs in der Bundesrepublik durch den BND zu erfassen und auszuwerten. In diesem Punkt konnte das MfS eruieren, dass der BND den Briefverkehr in der Bundesrepublik großflächig überwachte. Die Methoden des BND hierbei fasste es folgendermaßen zusammen: „Jeden Tag transportieren getarnte Dienstfahrzeuge tausende Briefsendungen zu ominösen Dienststellen wie der schon genannten Hauptstelle oder der ‚Studienstelle/Auslandsfragen‘ bzw. der ‚Bundesvermögensverwaltung/Sondervermögen‘, die sich bei näherer Betrachtung als Außenstellen des BND entpuppen. Als Schaltstellen für den Briefverkehr aus den sozialistischen Ländern fungieren sogenannte Postleitstellen, die nach bestimmten Ländern ausgerichtet sind: für die DDR die Postleitstellen in Braunschweig, Bebra, Hof, Hamburg und Berlin (West). […] Alle z. B. auf dem Münchner Bahnpostamt abgeholten Briefe werden nach erfolgter ‚Bearbeitung‘ wenige Stunden später zum Bahnpostamt zurückgebracht und an die eigentlichen Empfänger weitergleitet. […] Insgesamt kontrollieren die BND-Beamten jährlich ca. 100 Mio. Brief- und Postsendungen aus sozialistischen Ländern, aber auch aus der BRD, die an Adressaten in den sozialistischen Ländern gerichtet sind.“48 Diese Befunde des MfS werden von der neueren Forschung bestätigt.49 Wie für alle Geheimdienste war es auch für das MfS ein zentrales Ziel, den gegnerischen Geheimdienst zu infiltrieren. So kann es nicht verwundern, dass das MfS versuchte, Angehörige des BND umzudrehen und für sich selbst arbeiten zu lassen oder eigene Informanten in den BND einzuschleusen. Zur Erreichung dieses Zieles musste es versuchen, einen tiefen Einblick in die Methoden der Personalrekrutierungen des BND zu bekommen. Vor der Legalisierung des BND wurden dessen Mitarbeiter vorwiegend durch Empfehlungen bereits tätiger Mitarbeiter gewonnen. Das MfS gewann darüber hinaus folgende Erkenntnisse: „In den letzten Jahren wurde nun systematisch Nachwuchs gesucht im Kreis von Hochschulabsolventen, wobei man das amerikanische Vorbild benutzte. Forscher in den verschiedensten Universitäten machten auf Studenten aufmerksam, die auf Grund ihrer politischen Einstellung für eine hauptamtliche Mitarbeit im BND geeignet erschienen. In den letzten Jahren ging man dazu über, sich mit den Professoren zwecks Benennung geeigneten Nachwuchses in Verbindung zu setzen. Seitdem der BND eine Bundesbehörde ist, ist es auch möglich, Beamte und Angestellte aus anderen Verwaltungszweigen in den Dienst des BND aufzunehmen.“50 Das MfS war weiterhin der Auffassung, dass eine Person in das Blickfeld des BND zum Beispiel durch Empfehlung eines BND-Angehörigen oder durch eine dienstliche Zusammenarbeit zwischen BND und der betreffenden Behörde rücke. Weiter schreibt das MfS: „In allen Fällen ist vor einer direkten Verbindungsaufnahme die Person und der Hintergrund des Betreffenden so geklärt, daß man von seiner Zuverlässigkeit überzeugt ist. In jedem Fall werden aber neben den sonstigen Ermittlungsergebnissen von dem Stellenbewerber auch noch Referenzen verlangt, denen eine erhebliche Bedeutung zukommt. […] Bevorzugt eingestellt werden als junger Nachwuchs die Kinder von BND-Angehörigen, denen das langwierige Überprüfungsverfahren erspart bleiben kann. In den vergangenen Jahren (seit etwa 1960) wurde junger Nachwuchs für die mittlere Beamtenlaufbahn auch in den Reihen des Bundesgrenzschutzes gesucht. Vor den ausscheidenden Bundesgrenzschützern werden regelmäßig Werbungsvorträge der verschiedenen Bundesverwaltungen (Post, Bahn oder auch Länderjustizverwaltungen) gehalten, um diese jungen Beamten, die einen Versorgungsanspruch haben, zum Übertritt in die entsprechende Verwaltung zu gewinnen.“51 

Das MfS konnte mit diesem Wissen nun gezielt vorgehen, um zukünftige oder aktuelle BND-Mitarbeiter zu beobachten und gegebenenfalls zu versuchen, diese anzuwerben. Die SED-Propaganda legte viel Wert darauf, die personellen und ideologischen Kontinuitäten der Bundesrepublik Deutschland zur NS-Diktatur hervorzuheben. Von besonderem Interesse waren deshalb Mitarbeiter des BND, die in der NS-Diktatur der Abwehr, der Gestapo oder dem SD angehört hatten. Zum einen konnten MfS bzw. SED dies propagandistisch ausschlachten, zum anderen Druck auf ehemalige Angehörige des NS-Terror- und Unterdrückungsapparates ausüben. Auch waren die ehemaligen Angehörigen der Geheimdienste im Nationalsozialismus für das MfS deshalb interessant, weil sie als nunmehrige BND-Mitarbeiter bereits über erhebliche Erfahrungen in der geheimdienstlichen Tätigkeit verfügten. Das MfS zeigte sich gut informiert über ehemalige Abwehr-, Gestapo- und SD-Leute im BND: „Zwangsläufig wurde nach dem Kriege beim Aufbau der Organisation GEHLEN in erster Linie auf Angehörige der militärischen Abwehr zurückgegriffen. Da die Verstärkung der Personalkader überwiegend durch mündliche Empfehlung aktiver Mitarbeiter erfolgte, kamen zwangsläufig im Laufe der Zeit auch Mitarbeiter der übrigen Nachrichtendienste, wie Auswärtiges Amt, SS usw. für eine Verwendung in der Organisation GEHLEN in Betracht. Noch in den ersten Jahren des Aufbaus des BND bis etwa 1960 griff man auf derartige Mitarbeiter zurück.“52 Allerdings räumte das MfS ein, dass in der BND-Zentrale und vor allem bei Vizepräsident Worgitzki eine starke Animosität gegen Mitarbeiter mit NS-Vergangenheit bestand. In dieser Hinsicht stellte das MfS fest: „Ab 1962 wurde dann systematisch daran gegangen, Mitarbeiter mit SS- oder Gestapo-Vergangenheit aus dem Dienst des BND zu entlassen, wobei man sich auch nicht vor Arbeitsgerichtsprozessen scheute und selbst die Zahlung größerer Abfindungsbeiträge in Kauf nahm. Offensichtlich hatte sich die Personallage und die Heranbildung von Nachwuchskräften so entwickelt, dass  man auf die Verwendung dieser oftmals langjährigen  Mitarbeiter verzichten konnte.“53 

Die differenzierte Einschätzung weist darauf hin, dass das MfS an sachlichen und realitätsnahen Angaben zur Erleichterung der adäquaten eigenen Arbeit interessiert war. Von höchster Priorität war es für das MfS, Informationen über einzelne BND-Mitarbeiter zu erlangen: zum einen, weil es diese BND-Mitarbeiter beobachten und damit die Aktivitäten des BND analysieren konnte, zum anderen, weil sich auf diesem Weg möglicherweise Ansatzpunkte zur Anwerbung ergaben. Über einen BND-Mitarbeiter erarbeitete das MfS beispielsweise nachfolgende Informationen: „[Name] ist [Mitarbeiter] der Finanzverwaltung des BND. Er wurde nach der Legalisierung des BND aus der Bayrischen Inneren Verwaltung übernommen. Er war bis dahin im Finanzministerium oder evtl. im Innenministerium mit der Regelung der Angelegenheiten der ehemaligen Beamten des Großdeutschen Reiches vertraut gewesen. […] Von ihm ist bekannt, daß er während des letzten Krieges Eisenbahnpionier war. Er ging dann als Jurist in die Bayrische Verwaltung, wo er aber offensichtlich wegen seiner Aktivität und seiner wenig konservativen Dienstauffassung wenig Möglichkeiten sah, vorwärtszukommen. [Name] ist etwa 1914/15 geboren.“54 Über einen anderen BND-Mitarbeiter heißt es in den Unterlagen des MfS: „Früher tätig bei der Generalvertretung in Bremen, leitete später in Hamburg eine neu errichtete eigene Dienststelle des Strategischen Dienstes. Über die Aufgabe dieser Dienststelle kann nicht viel gesagt werden, jedoch gehörte zum Pflichtenkreis des [Name] die Aufgabe, die er persönlich wahrzunehmen hatte, die Verbindung zur Redaktion und Geschäftsführung des Nachrichtenmagazin ‚Spiegel‘ zu unterhalten. Im Zusammenhang mit der ‚Spiegel-Affäre‘, wegen des Artikels über die Fallex-Übung im Jahre 1962 wurde [Name] verhaftet. Er befand sich einige Zeit im Untersuchungsgefängnis Karlsruhe. […] Gegen ihn wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Landesverrats eingeleitet, jedoch später eingestellt. [Name] dürfte nach wie vor Leiter einer Dienststelle des BND in Hamburg sein. Welchen Decknamen er führt, ist unbekannt. Er dürfte etwa 1912–1914 geboren sein.“ 

Sehr wichtig für das MfS waren die Informationen über einen anderen BND-Mitarbeiter: „Deckname Dr. Deckmann. Ca. 1914/15 geboren; ursprünglich aktiver Offizier, studierte nach dem Kriege Rechtswissenschaft; nach seiner Promotion kam er zur Zentrale des BND. Soweit bekannt, soll er während seines Studiums bereits in einer losen Form dem Stab der Generalvertretung in München angehört haben. […] „Deckmann“ heiratete etwa 1958 die Tochter Gehlens. […]  Zu dieser Zeit war er bereits Leiter des Verbindungsbüros in Bonn im Bundeskanzleramt. […] Als […] des Verbindungsbüros in Bonn sehr gut geeignet, hat hervorragenden Kontakt zu den leitenden Persönlichkeiten in Bonn, zu Ministern, Staatssekretären und insbesondere natürlich zur Bundeswehr, der er als Oberstleutnant im Generalstab angehörte. […] Auf dem Bonner Parkett ist [Name] allgemein bekannt. Er zählt dort als Mitarbeiter des Bundeskanzleramtes, zumal er ja auch seinen Dienstsitz dort hat. Er ist bei allen offiziellen Empfängen eingeladen. Er pflegt insbesondere persönlich die Kontakte zu den Vertretern der verschiedensten Nachrichtendienste, besonders Amerikaner, Engländer und Franzosen wie zu den Militärattachés. Als Bindeglied zwischen Zentrale des BND und damals noch Schwiegersohn Gehlens einerseits und dem Bundeskanzleramt, Verbindung zu Globke, Adenauer und sämtlichen Ministern und Staatssekretären, ist er einer der wichtigsten Schlüsselfiguren des Bundesnachrichtendienstes überhaupt gewesen.“56 Über einen weiteren BND-Angehörigen brachte das MfS in Erfahrung: „Deckname ‚Prof. Keil‘ war nicht unmittelbar in der Zentrale tätig, sondern nur selten hier zu sehen. Soweit bekannt, gehörte er dem sogenannten Forschungsbeirat an, in dem Wissenschaftler vereinigt waren, um neue Gerätschaften und Methoden der Nachrichtentechnik zu entwickeln oder Produkte der Industrie auf ihre industrielle Verwendbarkeit hin zu überprüfen. Der Forschungsbeirat war ebenfalls beteiligt an der Entwicklung eines Nachtsichtgerätes für die Bundeswehr und prüfte es anschließend auf eine Verwendung bei der Außenüberwachung des Geländes der Zentrale.“57 

Die Informationen über einen weiteren BND-Mitarbeiter zeigen, wie genau das MfS Persönlicheitsprofile erarbeiten konnte: „geb. 1910. Österreichischer Abstammung. [Name] war ehemaliger SD-Führer als Hauptsturmführer in Österreich, später im Amt VI des Reichssicherheitshauptamtes tätig. Nach dem Krieg wurde er bei der Organisation Gehlen als Leiter der Dienststelle U/M (Abkürzung für Ungarn und M.) verwendet. Diese Dienststelle residierte in Freilassing in unmittelbarer Grenze Österreichs gegenüber von Salzburg. Etwa 1959 wurde diese Dienststelle, die mittlerweile in Dienststelle II umbenannt worden war, nach  München verlegt und erhielt eine Behördenabdeckung. [Name] hatte mit seiner Dienststelle II vor allem den Balkan, speziell jedoch Ungarn, operativ zu bearbeiten gehabt. Er geriet mit seiner Führungsstelle in der Zentrale oft im Widerspruch, da er die operative Arbeit mehr vom Abwehr- (III) Standpunkt aus führt als vom I-Standpunkt aus. Er ist ein sehr guter Nachrichtenmann, sehr erfahren, außerordentlich temperamentvoll und wendig. […] Seine SS-Vergangenheit und da er ein nicht immer sehr bequemer Untergebener war, führten dann dazu, daß er bei der Verlegung seiner Dienststelle nach München von der Führung entbunden wurde. […] Im Herbst 1961 traf ich [Name] in München auf offener Straße, wo er mir erklärte, daß er im Moment seine englischen Sprachkenntnisse auf der […] abrundet, um dann anschließend als Resident des Strategischen Dienstes nach Honkong oder Singapur zu gehen. […] Wenn es gelingen würde [Name] für eine nachrichtendienstliche Tätigkeit anzuwerben, wäre ein außerordentlich qualifizierter Mann gewonnen.“58 

Ausnahmsweise führte das MfS hier selbst aus, was das konkrete Ziel bei der Informationsgewinnung war, nämlich den BND-Mitarbeiter anzuwerben, vor allem aufgrund seiner Erfahrungen im Nachrichtendienst, aber auch aufgrund seiner Vergangenheit im NS-Regime. Dem MfS gelang es, zu mehreren hundert BND-Angehörigen derartige Informationen zu erarbeiten und damit tief in die Aufgabengebiete einzelner BNDMitarbeiter und allgemein in die Strukturen des BND einzudringen. In einer Art generellen Zusammenfassung schrieb das MfS: „Die hauptamtlichen Mitarbeiter des BND sind als Bundesbedienstete, z. B. Bundesbeamter, Angestellter, Verwaltungsangestellter, Bundeswehrangehörige, zum Teil auch mit Dienstgrad oder in Einzelfällen auch als Kaufmann, Angestellter, Journalist oder mit technischen Berufsbezeichnungen im Adress- oder Telefonbuch aufgeführt. Diese Abdeckungen sind auf ihre spezifischen Kenntnisse zugeschnitten. Militärs gehören dann angeblich zum Militärbereichskommando, Beamte zur Bundesvermögensverwaltung, Abt. Sondervermögen, und technisches Personal zur Bundesstelle für Fernmeldestatistik usw. Auch Alter, Geschlecht und Bekleidung der BND-Mitarbeiter ermöglichen Schlüsse auf die spezielle Tätigkeit. Junge Mitarbeiter im Alter von 25–30 Jahren haben in der Regel keine verantwortlichen Funktionen und werden oft mit Hilfsaufgaben betraut. Weibliche Mitarbeiter sind meist Sekretärinnen oder Schreibkräfte und nur selten im operativen Dienst, z. B. zur Betreuung ehemaliger inhaftierter Spione in der DDR, beschäftigt. […] Nach westlichen Darstellungen sind je ein Drittel der BND-Mitarbeiter Beamte, Militärs- und Angestellte.“59 Es blieb dem MfS auch nicht verborgen, dass die Bundeswehr ein beliebtes Rekrutierungsfeld für Personal des BND war und vermutlich immer noch ist.  

In der Zeit des Kalten Krieges und bis heute spielte bzw. spielt der BND eine Rolle im Nahen Osten, vor allem in Israel und in Ägypten, aber auch in allen anderen arabischen Staaten. Hierzu gehörten höchst problematische Verbindungen. Der BND arbeitete beispielsweise bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien im Jahr 2011 mit dem syrischen Nachrichtendienst des Assad-Regimes zusammen. Besonders eng waren und sind die Beziehungen des BND zum israelischen Auslandsnachrichtendienst. Das MfS schrieb dazu: „Da war eine Partnerschaft aufgebaut, wie man sie nach diesen fürchterlichen Geschehnissen in den Vergasungsanlagen überhaupt nicht für möglich gehalten hätte. Die Israelis hatten erkannt, dass offenbar in Europa ihr potentester Gesprächspartner die Bundesrepublik Deutschland sei und damit auch der deutsche Auslandsnachrichtendienst. Der BND hat, so weiß ich definitiv, nicht nur materiell, nicht nur geldlich, sondern auch ND-technisch enorm dazu beigetragen, den israelischen Nachrichtendienst immer wieder mit neuesten Dingen auszurüsten. So war z. B. am Vorabend des sogenannten und berühmten Sechs-Tage-Krieges ein führender Mann, der Herr [Name] in Tel Aviv und überbrachte dort eine technische Anlage zur Überwachung und Fixierung von Pässen an Flughäfen, die damals das beste darstellte, was überhaupt sicherungs- und nachrichtentechnisch vorhanden war.“60 Das MfS lag sicherlich richtig bei der Einschätzung der Motivation der Israelis, eine Kooperation mit dem BND zu etablieren. Es ist eine offene Frage, ob und inwieweit der Mossad bereit war, mit Personen zusammenzuarbeiten, die möglicherweise dem Terrorapparat des NS-Regimes angehört hatten. Angesichts der geopolitischen Lage im Nahen Osten, wo strukturell in den 1960er- und 1970er-Jahren die USA und die Bundesrepublik den israelischen Staat unterstützten und die Sowjetunion und deren Verbündete Partner, wenn nicht Verbündete der arabischen Staaten und der Palästinenser waren, erschien es dem MfS wichtig, in dieser Stellvertreterauseinandersetzung den BND als Verbündeten des Mossad auch an Ort und Stelle zu beobachten und dessen Aktivitäten zu erkunden. Das MfS selbst unterstützte in vielfacher Hinsicht die PLO. 

Zu dem Themenkomplex schrieb das MfS: „Wir müssen davon ausgehen, dass die militärpolitische Situation seit den damaligen Jahren, also um den Sechs-Tage-Krieg herum, durch die unglaublichen Manipulationen auf dem Gebiet der Waffenlieferungen und insbesondere des Waffenhandels für und gegen beide Feindbereiche angeheizt worden ist. Und dass dabei schon lange vor den zahlreichen Kriegshandlungen selbst Geheimdienste kräftig mitgemischt haben. Das ist überhaupt nicht zu leugnen. Auch nicht vom Bundesnachrichtendienst. Mag er nun im Auftrag der Bundesregierung oder auch in eigener Verantwortung tätig geworden sein. […] Und das wohl Erstaunlichste, dies wohl in der Vielfachrolle, die der BND jahrelang im Nahen Osten gespielt hat. […] Adenauer und Globke gaben Startschuß für militärpolitisches Engagement des  BND. […] Gehlen förderte den Aufbau des Geheimdienstes in Jordanien. [Name] hatte unumschränkte Vollmachten, Ägypten als stärkste nahöstliche Basis des BND aufzubauen. [Name] hatte beste Kontakte zum Spiegel, persönlich mit Nasser befreundet.“61 Die neuere Forschung über den BND und dessen Rolle im Nahen Osten belegt, wie realitätsnah die Ausführungen des MfS auch in diesem Punkt waren.62

 Resümierend kann festgehalten werden, dass das MfS insgesamt über den BND hervorragend Bescheid wusste. Die über den BND erarbeiteten Informationen sind grosso modo glaubwürdig. Das zentrale Ziel des MfS war es, die Handlungsfähigkeit des BND einzuschränken oder BND-Mitarbeiter für sich zu rekrutieren. Endgültig belegbar sind diese und andere Aussagen über das MfS nur durch eine vollständige Öffnung des Archivs des Bundesnachrichtendienstes. Es ist zu erwarten, dass die momentan von einer Forschergruppe erarbeitete Geschichte der Organisation Gehlen und des BND bis zum Jahr 1968 neue Erkenntnisse zutage fördert, die mit den Resultaten dieser und anderer Studien abgeglichen werden können. Die vorhandenen Akten des MfS geben keine genaue Auskunft über die Rolle des BND im politischen Willensbildungsprozess, die Wirksamkeit von Kontrollen über den BND, die Rolle einzelner BND-Mitarbeiter bei speziellen Aktivitäten des BND und vor allem über den Wert der Informationen für die Methoden und Strategien des MfS der DDR. Zu diesen Themen sind weitere Forschungen erforderlich.  

Dr. Gerhard Neumeier 

Quellenverzeichnis: 

1 Hermann Zolling/Heinz Höhne, Pullach intern. General Gehlen und die Geschichte des Bundesnachrichtendienstes, Hamburg 1971. 2 Karl Wilhelm Fricke/Roger Engelmann, „Konzentrierte Schläge“. Staatssicherheitsaktionen und politische Prozesse in der DDR 1953–1956, Berlin 1998, S. 115, 139–144, 147 f., 329; Sven Felix Kellerhoff in Die Welt vom 8. 2. 2010; siehe auch dazu die demnächst erscheinende Dissertation von Susanne Muhle, Alltag: Menschenraub. Das MfS und seine inoffiziellen Mitarbeiter im speziellen Westeinsatz.

3 Hubertus Knabe, Westarbeit des MfS, in: Karsten Dümmel/Melanie Piepenschneider (Hrsg.), Was war die Stasi? Einblicke in das Ministerium für Staatssicherheit der DDR, Sankt Augustin/Berlin 2009, S. 142. 4 Georg Herbstritt, Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage. Eine analytische Studie, Göttingen 2007, S. 84; Helmut Müller Enbergs, Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums fürStaatssicherheit. Teil 3: Statistiken, Berlin 2008, S. 123; Diese Zahlenangabe ist umstritten; vgl. Ilko- Sascha Kowalczuk, Stasi konkret. Überwachung und Repression in der DDR, München 2013, S. 209– 246. 5 Zit. nach: Herbstritt, Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage, S. 99. 6 Ebenda, S. 99–101. 7 Zit. nach: ebenda, S. 102. 8 Helmut Müller-Enbergs, Was wissen wir über die DDR-Spionage?, in: Georg Herbstritt/Helmut Müller-Enbergs (Hrsg.), Das Gesicht dem Westen zu … DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland, Bremen 2003, S. 34–71. 9 Ebenda, S. 63. 10 Helmut Müller-Enbergs, Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Bd. 2: Anleitungen für die Arbeit mit Agenten, Kundschaftern und Spionen in der Bundesrepublik  Deutschland, Berlin 1998, S. 217–219; Gabriele Gast, Kundschafterin des Friedens. 17 Jahre Topspionin der DDR beim BND, Frankfurt a. M. 1999; Zu Spuhler siehe Hubert Gude, Bislang geheime Akten über den Agenten Alfred Spuhler dokumentiern den größten Verrat in der Geschichte des BND, in: Focus vom 12. 6. 2006. 11 Den MfS-Unterlagen eine hohe Plausibilität und Verlässlichkeit bescheinigt Paul Maddrell, Spying on Science. Western Intelligence in Divided Germany 1945–1961, Oxford 2006. 12 BStU, MfS, BV Erfurt, Abt. Kusch 1003, Bl. 14–15. 13 Josef Foschepoth, Überwachtes Deutschland. Post- und Telefonüberwachung in der alten Bundesrepublik, Göttingen 2012. 14 Ebenda, S. 265.

Deutschland, Berlin 1998, S. 217–219; Gabriele Gast, Kundschafterin des Friedens. 17 Jahre Topspionin der DDR beim BND, Frankfurt a. M. 1999; Zu Spuhler siehe Hubert Gude, Bislang geheime Akten über den Agenten Alfred Spuhler dokumentiern den größten Verrat in der Geschichte des BND, in: Focus vom 12. 6. 2006. 11 Den MfS-Unterlagen eine hohe Plausibilität und Verlässlichkeit bescheinigt Paul Maddrell, Spying on Science. Western Intelligence in Divided Germany 1945–1961, Oxford 2006. 12 BStU, MfS, BV Erfurt, Abt. Kusch 1003, Bl. 14–15. 13 Josef Foschepoth, Überwachtes Deutschland. Post- und Telefonüberwachung in der alten Bundesrepublik, Göttingen 2012. 14 Ebenda, S. 265. 

15 BStU, MfS, ZA, HV A 933, Bl. 1–4. 16 Der Spiegel, 29. 10. 1979, Nr. 44, S. 19–21. 17 Ebenda, S. 19. 18 Paul Maddrell, Im Fadenkreuz der Stasi: Westliche Spionage in der DDR, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 61 (2013) 2, S. 141–171. 19 Gast, Kundschafterin des Friedens; Alfred Spuhler, Ein Brief, und Ludwig Spuhler, Peter und Florian – das Topteam, in: Klaus Eichner/Gotthold Schramm (Hrsg.), Kundschafter im Westen. Spitzenquellen der DDR-Aufklärung erinnern sich, Berlin 2003. 20 Heinz Felfe, Im Dienst des Gegners. 10 Jahre Moskaus Mann im BND, Hamburg 1986; Jürgen Borchert, Die Zusammenarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) mit dem sowjetischen KGB in den 70er und 80er Jahren. Ein Kapitel aus der Geschichte der SED-Herrschaft, Berlin 2006. Ab 1977 verfügte das östliche Bündnissystem zudem über SOUD, die russische Abkürzung für „Systemder vereinigten Erfassung von Daten über den Gegner“, SOUD war ein geheimdienstliches Datennetz, an das die SU, Bulgarien, die DDR, Kuba, die Mongolei, Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn angeschlossen waren. 21 BStU, MfS, BV Leipzig AOPK 2086/91, Bl. 95. 22 BStU, MfS, JHS MF GVS 107/68, S. 4. 23 Ebenda. 24 Zur personellen Kontinuität von Gestapo, SD und Abwehr sowie BND liegt eine Fülle von wissenschaftlicher Literatur vor, beispielsweise: Michael Wildt (Hrsg.), Nachrichtendienst, politische Elite und Mordeinheit. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, Hamburg 2003; ders., Generation

des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002; Gerhard Paul/Klaus-Michael Mallmann (Hrsg.), Die Gestapo. Mythos und Realität, Darmstadt 1995, darin vor allem Klaus-Michael Mallmann/Andrej Angrick (Hrsg.), Die Gestapo nach 1945, Darmstadt 2009. 25 BStU, MfS, JHS MFVVS 182/17, S. 7. 26 BStU, MfS, JHS MF GVS 107/68, S. 49. 27 Ebenda, S. 49 f.

28 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 36 und 37. 29 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 1 und 2. 30 Ebenda.

31 Zolling/Höhne, Pullach intern, S. 138–153 und S. 237–285; Norbert Juretzko mit Wilhelm Dietl, Bedingt dienstbereit. Im Herzen des BND – Die Abrechnung eines Aussteigers, Berlin 2004. 32 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 6 und 7. 33 Ebenda.

34 Ebenda. 35 Ebenda. 36 Ebenda.

37 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 14–15. 38 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 16–17. 39 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Blätter 65–66.

40 BStU, MfS, ZA, HV A 933, Bl. 3–4. 41 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 55–56. 42 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Blätter 56–57.

43 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Blätter 58–59. 44 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 60.

45 BStU, MfS, ZA, HV A 979, S. 61–62. 46 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 70. 47 Ebenda.

48 BStU, MfS, BV Erfurt, Abt. Kusch 1003, Bl. 14–15. 49 Foschepoth, Überwachtes Deutschland, v. a. S. 64–119. 50 BStU, MfS, ZA, HV A, Bl. 85.

51 BStU, MfS, ZA, HV A, Blätter 85–86. 52 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 95.

53 Ebenda. 54 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 182–183. 55 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 195; Beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel arbeiteten bald nach dem Gründungsjahr 1947 mehrere ehemalige SS-Offiziere in führender Funktion. Horst Mahnke leitete in den 1950er-Jahren das Ressort „Internationales“ und Georg Wolff die Abteilung „Ausland“, beide waren in der NS-Zeit Mitarbeiter des SD gewesen. Der Spiegel unterhielt exzellente Beziehungen zur „Organisation Gehlen“ bzw. zum BND. Die Spiegelmitarbeiter Mahnke und Wolff konnten wahrscheinlich auch Informationen von den bei der Organisation Gehlen beschäftigten ehemaligen Angehörigen des NS-Apparates Emil Augsburg und Rolf Oebsger-Röder nutzen; siehe dazu Lutz Hachmeister, Der Gegnerforscher. Die Karriere des SS-Führers Franz-Alfred Six, München 1998, S.

316–342. Diese potenzielle Seilschaft hat sich offensichtlich für den Spiegel ausgezahlt, und es ist anzunehmen, dass das MfS dies wusste. 56 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 208 und 209. 57 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 221.

58 BStU, MfS, ZA, HV A 979, Bl. 226–227. 59 BStU, MfS, JHS MF GVS 75/72, S. 31–32.

60 BStU, MfS, HV A 936, S. 98–99.

61 Ebenda, S. 100–103. 62 Erich Schmidt-Eenboom, BND. Der deutsche Geheimdienst im Nahen Osten. Geheime Hintergründe und Fakten, München 2007; Matthias Ritzi/Erich Schmidt-Eenboom, Im Schatten des Dritten Reiches. Der BND und sein Agent Richard Christmann, Berlin 2011; Wilhelm Dietl, Deckname Dali. Ein BND-Agent packt aus, Frankfurt a. M. 2007; Daniel Gerlach, Die doppelte Front. Die Bundesrepublik Deutschland und der Nahostkonflikt 1967–1973, Berlin 2006, hier vor allem S. 149–157.

 

 

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Fürstenfeldbruck – Schülerunternehmen „Royal Trashmasters“ verschönert in Zusammenarbeit mit der Stadt Abfallbehälter der Innenstadt mit …
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