Besuch am Gymnasium Puchheim – Ehemaliger Kulturstaatsminister und jetziger Philosophie-Professor an der LMU München im Gespräch 

Prof. Nida-Rümelin zu Gast: "Humanismus ist mehr als die Kenntnis alter Sprachen"

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Im Anschluss stellte  Prof. Nida-Rümelin sich den Fragen der Schülerinnen und Schüler aus Q11 und Q12, im Bild vertreten durch Tim Schmalle (li.)."

Puchheim – Am 13.02.2014 besuchte Prof. Nida-Rümelin das Gymnasium Puchheim. Dabei legte der ehemalige Kulturstaatsminister und jetzige Professor für Philosophie an der LMU-München die Thesen seines Buches „Philosophie einer humanen Bildung“ dar. Im Anschluss stellte er sich den Fragen der Schülerinnen und Schüler aus Q11 und Q12.

  

Es unterscheide ihn nicht viel vom durchschnittlichen Zeitungsleser, meint der Philosoph Julian Nida-Rümelin. So recht glauben möchte man das einem Prof. Dr. der Philosophie und ehemaligen Kulturstaatsminister nicht. Immerhin, er räumt ein, ein „Büchlein“ geschrieben zu haben. Auch das erscheint eher als Untertreibung bei einem Werk von 246 Seiten mit einem Titel wie „Philosophie einer humanen Bildung“, besonders wenn es bei Weitem nicht das einzige ist. Umso größer die Dankbarkeit, dass Professor Nida-Rümelin die Thesen seines Buches am 13.2. der Oberstufe des Gymnasiums Puchheim vorgestellt hat. Denn um Schüler geht es ja vor allem, wenn Gedanken einer Bildungsreform formuliert werden. Und die hält Nida-Rümelin auch für nötig, denn laut ihm „ist einiges schief gelaufen“. Es ist tatsächlich eine merkwürdige Diskrepanz, die der LMU-Professor schon gleich zu Anfang seines Vortrags darstellt: Einerseits sei das deutsche Bildungsverständnis und das uralte Universitäts- und Schulwesen des Landes einzigartig und weltweit prägend – andererseits ginge es in der eigenen Heimat langsam verloren. Habe sich die Philosophie historisch die Bildung als höchstes Ziel gesetzt, gehe es heute nur noch um eine ständige Erweiterung des Wissens. 

Zwischen diesen Begriffen besteht nämlich durchaus ein Unterschied, den Nida-Rümelin immer wieder deutlich betont. Alle Intelligenz, alles Wissen der Welt würde dem Menschen nicht helfen, sich zu entfalten und eine starke, gesellschaftsfähige Persönlichkeit zu formen. Dafür bräuchte es Erkenntnis über sich selbst und die Umwelt, um die schon von Kant so viel gelobte Vernunft zu erlangen. Es bräuchte ein eigenständiges Denken, die Beschäftigung mit den eigenen Ansichten, die Begründung dieser. Es müsse eine Urteilskraft herausgebildet werden, die es ermöglicht, eigene Entscheidungen zu treffen, und schließlich auch die persönliche Stärke selbst, die Autarkie, die Nida-Rümelin als „Quelle des Handelns“ und als „Autorenschaft über das eigene Leben“ bezeichnet. Diese Begriffe bilden die Philosophie, die er der fortschreitenden Akademisierung und dem Fokus der gesamten Gesellschaft auf „begrenzt bedeutende Information“ entgegensetzt. Denn Bildung sei wichtig, sogar wichtiger noch als Wissen, denn stärker als alles andere würde sie Verständigung, Zusammenleben und auch Erfolg ermöglichen. Doch die Bildung, das humanistische Ideal, soll laut Nida-Rümelin nicht nur ein Instrument sein, sondern auch um ihrer selbst willen praktiziert werden. Glück selbst sei vielleicht nicht Ziel oder Zweck der Bildung, aber ein gelungenes Leben durchaus. 

Denn Bildung sei, im Gegensatz zum kognitiven Lernen, auch die „Beschäftigung mit dem Unnützen“, das allein der persönlichen Entwicklung dient. Daran sei die jüngste Bildungsreform gescheitert, denn sie vernachlässige Ästhetik, Körper, Ethik und Eigenständigkeit zugunsten der Informationsverarbeitung. Das mag abgehoben klingen, weit entfernt vom durchschnittlichen Zeitungsleser und vom durchschnittlichen Schüler erst recht, doch Nida-Rümelin weiß auch auf sein Publikum einzugehen. Beispiele aus Film und Literatur, aus „Bladerunner“ genauso wie aus der „Ilias“ nach Homer werden zitiert, Bezüge, die jeder verstehen und nachvollziehen kann. Statt vor vollendete Tatsachen zu stellen, zerlegt Nida-Rümelin seine eigene Philosophie wieder in all die kleinen Einzelteile, aus denen er sie über die Jahre aufgebaut hat: Platons Seelen- und Glücksverständnis und Freuds Psychoanalyse fließen genauso ein wie das Bildungskonzept Wilhelm von Humboldts und die Sprachtheorie Donald Davidsons und alles ist anschaulich und greift ineinander. 

Der Zuhörer bekommt das Gefühl von einer Philosophie, die funktioniert und die tatsächlich human ist, indem sie dem Menschen nahe steht. An den Vortrag schließt sich dann ein kurzes Podiumsgespräch mit Frau Dr. Stemmer-Rathenberg, der Fachbetreuerin für Ethik und Organisatorin der Veranstaltung, und Tim Schmalle, einem Stellvertreter der Q12, an. Hier beantwortet Professor Nida-Rümelin noch einige Fragen, die im Unterricht aufgekommen sind. Sie zeigen vor allem die tatsächliche Anwendung des philosophischen Denkens; sie beziehen den Humanismus, wie Nida-Rümelin ihn interpretiert, auch auf seinen eigenen Werdegang und auf die moderne Konsumgesellschaft. Zuletzt dann einige Fragen aus dem Publikum, Fragen direkt von den Schülern, den Betroffenen selbst. Mancher mag diese Beiträge ein bisschen verhalten finden oder ein bisschen oberflächlich, doch der Diskurs findet auf jeden Fall statt. Es wird darüber nachgedacht, was gesagt wurde. Die Botschaft von der humanen Bildung scheint angekommen, der Wille scheint da zu sein. Er wartet nur noch auf die Möglichkeit.

Florian Wieser Q12

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