Ohne Navi auf Holperstraßen durch sieben Länder – Emmeringer führten Tagebuch bei Allgäu-Orient-Rallye der Welthungerhilfe

Krankenschwester Elisabeth Stüber von der Notaufnahme des Klinikum FFB mit einer Spende ihres Arbeitgebers vor dem Centrul Medical in Rumänien. Fotos: Fiedler

Ein TÜV-Termin war Initialzündung für das Emmeringer Team, an der abenteuerlichen Allgäu-Orient-Rallye 2011 teilzunehmen. Diese führte von Oberstaufen über zahlreiche Länder nach Jordanien. Seit 2006 findet die Rallye jährlich statt, dabei geht es weniger um den sportlichen Aspekt, als vielmehr um Völkerverständigung und humanitäre Hilfe. Autos, die für den Schrottplatz noch zu schade sind, mindestens 20 Jahre alt oder maximal 1.111 Euro wert, werden zugelassen und am Ziel für Projekte der Welthungerhilfe gespendet. Aber diese Tourforderte den vollen körperlichen Einsatz: Nur auf Nebenstrecken und holprigen Straßen, ohne Navi, in Unterkünften, die nur 11,11 Euro kosten durften, mit regem Kontakt zur jeweiligen Land-Bevölkerung, kämpften sich die Emmeringer mit ihrem Teamchef Fred Fiedler Kilometer für Kilometer auf freigewählten Strecken über Österreich, Rumänien, Ungarn, Bulgarien, der Türkei, Nordzypern mit ihrem Stoff-Kamelen und vielen Unterschriften von zu Hause auf den Motorhauben in Richtung Jordanien vor. Das ursprüngliche Programm, Nähmaschinen in Salamya/Syrien und die Autos in Jordanien zu stiften, wurde von den politischen Unruhen jedoch zunichtegemacht.

Am 30. April starteten mehr als 600 Teilnehmer vom Allgäu aus, Ankunft in Amman war für Mittwoch, 11. Mai geplant. Seit 2006 wird diese Rallye vom Allgäu aus veranstaltet, mit eigenwilligen Regeln: Keine Autobahnen, kein Navi, keine Übernachtung über 11,11 Euro, dafür viel soziales Engagement und witzige Aufgaben: „Wie übersetzt man Drosselklappe ins Rumänische?“ oder wie schafft man es, zu siebt in einer österreichischen Telefonzelle noch ein Gespräch zu führen? Wie findet man auf einsamen Holper-Landstraßen nur mit Hilfe von Landkarten doch noch zum Ziel? Es war von vornherein klar: Das angepeilte Ziel, gespendete Nähmaschinen nach Syrien zu bringen, mussten die Teilnehmer aufgeben - an eine Einreise war wegen der Unruhen nicht mehr zu denken. Und auch die geplante Überfahrt nach Ägypten auf einer nordzypriotischen Fähre, die vorher libyische Flüchtlinge an Bord hatte, wurde zu einer Odyssee: Die Einreise wurde nicht genehmigt, auch der Plan, stattdessen Haifa anzusteuern, scheiterte, weil etliche Teilnehmer mit Nicht-EU-Pässen Visa-Probleme zu befürchten hatten. So profitierte letztlich die Türkei von der Benefiz-Rallye - und Rumänien. Fiedler und seine Lebensgefährtin Elisabteh Stüber, Krankenschwester in der Notaufnahme des Klinikums FFB, legten einen Zwischenstopp im Centrul Medical A.D.A.M.S. auf dem Lande im Rumänien ein. Dieses Zentrum bietet Bedürftigen medizinische Hilfe, gleichgültig, ob sie für die Behandlung bezahlen können oder dem Doktor zwei Eier aus ihrem Hühnerstall als Honorar auf den Tisch legen. Das Klinikum FFB hatte u.a. Verbandsmaterial und medizinisches Gerät gestiftet, ein Sonografiegerät hatte das Team auch dabei. Das rumänische Gesundheitszentrum wird auch von Belgien unterstützt. Der Emmeringer Team-Chef Fiedler und sein Team notierten alle Begegnungen in einem Reisetagebuch: „Rumänen verdienen im Schnitt höchstens 170 Euro pro Monat, die Mieten in den Städten sind hoch, Sprit kostet pro Liter immerhin 1 Euro,“ stellte Fiedler fest. Hier herrscht große Armut. Er zeigt ein Foto mit einem rumänischen Bauern auf dem Acker: Wie zu früheren Zeiten zieht ein ausgemergelter Gaul den Pflug durch die Furchen. Ein anderes Foto zeigt, wie Spenden für eine Rumänische Schule übergeben werden: College-Taschen mit Inhalt machen Sinn für die Schüler der achtstufigen Hauptschule. Nur fünf Prozent der Schüler besuchen eine weiterführende Schule. Doch von diesen studieren alle, sagt Fiedler. 80% der Spenden seien in Rumänien verblieben, 20% in der Türkei. Der TuS FFB - das dokumentierte Fiedler mit seinem Foto - löste mit den gespendeten Fußbällen und Sportartikeln für die deutsch-rumänische Gemeinde Biled große Freude aus. Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien - kein Problem für die Rallye-Teilnehmer.Und die Türkei entpuppte sich als Überraschung: Die Gastfreundschaftwar überwältigend. „Wir durften sogar vor der Blauen Moschee zelten,“ berichtete Fiedler. Und ein türkischer Minister, der für Europa-Angelegenheiten zuständig ist, legte sich unglaublich ins Zeug für die Rallye-Teilnehmer aus Deutschland: Es wurde ein Besuch der nordzypriotischen Insel ermöglicht - mit Rundfahrt, das Frühstück spendierte der Gouverneur, mit Volkstänzen und Pressefotografen. Die Emmeringer übergaben dem Politiker eine Grußbotschaft ihres Bürgermeisters Dr. Michael Schanderl. In der Türkei selbst nahmen Fiedler beim Besuch eines Fußballstadions hohe Fußballfunktionäre spontan zum Abendessen in ihre Mitte auf, wie viele Fotos und ein Wimpel belegen. Fiedler war Ehrengast des Vereins Fenerbahce, übergab als 'Botschafter' einen Vereinswimpel des FC Emmering. Und er lernte mit seiner Gruppe ein deutsch-türkisches Ehepaar in Kappadokien kennen - bekam eine Führung durch deren landestypisch eingerichteten Behausung in Felsgestein und probierte in der Höhle gereiften vorzüglichen Käse. Ihre ans Herz gewachsenen Autos hinterließen die Deutschen übrigens auf dem Zollhof von Belek gegen Quittung dem Roten Halbmond als Spende. Doch der Versuch der Rallyeteilnehmer, mit der nordzypriotischen Fähre wie geplant nach Port Said/Ägypten einzureisen oder alternativ auch nach Haifa, schlug fehl. Die Einreisegenehmigungen wurden zurückgezogen. Auch die Israelis winkten ab, weil sich außer den Deutschen auch Finnen und Schweizer in der Gruppe befanden. Und alle Bemühungen um einen Kompromiss schlugen fehl. Fiedler: „Auf dem Mittelmeeer gab es keinen Handy-Empfang.“ Auch Plan B - Durchfahrt durch Ägypten mit Sicherung durch das Militär, schlug fehl. „20 Seemeilen vor Port Said mussten wir umdrehen, weil Ägypten die Einreisegenehmigung zurückzog“. So übernachteten die Teilnehmer in ihren Schlafsäcken auf dem Deck der Fähre und teilten sich während der zweitägigen Odyssee die letzten Lebensmittel mit der nordzypriotischen Besatzung - sofern ihnen nicht die Seekrankheit den Appetit ganz verdorben hatte. Das Boot hatte vorher libysche Flüchtlinge in der Türkei abgesetzt. Fiedler: „Wir haben zum Schluß Geld gesammelt und uns mit einer großzügigen Spende bei der Mannschaft für die gute Betreuung revanchiert.“ Nach der Ankunft im Hafen von Tasucu wurde die Rallye offiziell beendet. Etliche Rallyeteilnehmer traten von hier aus die Heimreise an, andere kamen mit einer Sondermaschine der Royal Jordanian Airlines doch noch ans Ziel.In Jordanien (Amman und dem südlichen Landesteil) schließlich wurden die Teilnehmer offiziell und mit großer Herzlichkeit begrüßt, siekonnten sich mit Leihwagen individuell bewegen und besuchten Wadi Rum mit Übernachtung im Wüstencamp Baid Ali. Petra erkundeten siemit dem Pferd, und die Beduinen erwiesen sich als freundlicheGastgeber: „Einer hat für uns ein Huhn auf dem Feuer geröstet und mit uns geteilt.“ Erholsam war es am Toten Meer. Auf der jordanischen Seite posierte Krankenschwester Elisabeth Stüber mit dem Kreisboten im salzigen Wasser. Knapp 2000 Euro hat das Team an Spenden über die offiziellen Rallyeaufgaben hinaus für eine Behindertenschule in Syrien gesammelt. „Das Geld haben wir derzeit eingefroren, weil wir es wegen der politischen Lage nicht nach Syrien schicken können“ so Fiedler, „wir werden das so bald als möglich nachholen“. Bleibt noch die Frage: Wer bekommt eigentlich das lebendige Kamel, das als Preis ausgeschrieben war? Fiedler: „Die Roadbooks der einzelnen Teams sind noch nicht ausgewertet. Sollten wir das Kamel gewinnen, wollen wir es einer Frau (im Orient) schenken. Ein Kamel schafft dort die Grundlage für eine Existenz.“ Wer die Erlebnisse des Emmeringer Teams nachverfolgen möchte, findet das Reisetagebuch auf deren Webseite www.platz-vier.de . Übrigens: Seit ein paar Tagen stehen die Emmeringer offiziell auf der Startliste für die Allgäu-Orient-Rallye 2012. Obwohl es eine einmalige Sache sein sollte, fahren vier von sechs Leuten aus dem alten Team ein zweites Mal mit. Ziel ist diesmal nicht Jordanien, sondern der Landeplatz der Arche Noah - also der Berg Ararat, möglicherweise auch Armenien oder das kaspische Meer - so ganau steht das noch nicht fest. Auch diesmal wollen die Emmeringer über die Aufgaben der Rallye hinaus Gutes tun - diesmal wahrscheinlich in Bulgarien.

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