60 Prozent mehr Attacken gegen deutsche Soldaten in Afghanistan - Hauptthema beim Neujahrsempfang der 1. Luftwaffendivision in Fürstenfeldbruck

Die veränderte Einsatzrealität in Afghanistan war ein Schwerpunkt in der Rede des Kommandeurs der 1. Luftwaffendivision, Generalmajor Dieter Naskrent, beim 13. Neujahrsempfang im Fliegerhorst Fürstenfeldbruck. Die Zahl der feindseligen Akte in Afghanistan habe sich im Jahr 2009 um 60 Prozent erhöht, erklärte Naskrent. Beim Stehempfang mit mehreren hundert Gästen - es waren 400 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens eingeladen worden - beschrieb Naskrent die veränderte Situation der ISAF-Soldaten in Afghanistan: „Ging die Gefahr für die Soldaten bis vor gut einem Jahr von einzelnen unkoordinierten Aktionen wie Sprengfallen, Selbstmordattentaten oder gelegentlichem Raketenbeschuss aus, so sehen sie sich jetzt mit organisierten Panzerfaust-Attacken und gezielten Angriffen konfrontiert. Oft werden sie in Feuergefechte verwickelt“. Die 1. Luftwaffendivision hat im Jahr 2009 die Einsätze der Bundeswehr mit über 350 Soldaten unterstützt, wobei hier das Jagdbombergeschwader 32 als Träger der Hauptlast hervorzuheben sei.

Die Bundeswehr brauche den Rückhalt der Gesellschaft. Naskrent: „Für uns Soldaten ist es daher von entscheidender Bedeutung, dass uns von Regierung, Parlament und Bevölkerung in der Heimat Vertrauen entgegengebracht wird.“ Wenn der „Luftangriff von Kundus“ etwas Gutes habe, dann, dass das Bild der Realität mit dem Bild in der Gesellschaft in Deckung gebracht werde und „wir ehrlich über die Situation diskutieren können“. Seit März registriere die Bundeswehr vermehrt ein „militärähnliches Vorgehen der Taliban“. Der Einsatz in Afghanistan gewinne für die dort eingesetzten Soldaten eine neue Qualität. Naskrent: „Heute heißt ein sicheres Umfeld für den Wiederaufbau zu garantieren, auch im ehemals ruhigen Norden des Landes die radikal-islamischen Taliban zu bekämpfen, welche die ISAF-Soldaten und die afghanischen Einheiten in Kampfhandlungen verwickeln. Sie wollen - durch die Fortschritte des Aufbaus in die Enge getrieben - in Afghanistan zurück an die Macht und alte Kräfteverhältnisse wiederherstellen.“ Langsam werde deutlich, „dass die Bundeswehr eben nicht nur ein Wiederaufbauhelfer ist“. Vielleicht, so interpretiert es Naskrent, „wurde das Handeln der Bundeswehrsoldaten zu lange einem Polizeieinsatz gleich gesetzt.“ Aber den durch das Parlament erteilten Auftrag auch mit militärischen Mitteln durchzusetzen, sei Aufgabe des Soldaten, hierfür sei dieser gewissenhaft ausgebildet. Naskrent erklärte, die Soldaten im Einsatz lehnten es keineswegs ab, sich für ihr Handeln verantworten zu müssen. „Aber sie benötigen Handlungs- und Rechtssicherheit“. Hier - so Naskrent - „ist die durch die Generalbundesstaatsanwaltschaft herbeizuführende Klärung, inwiefern es sich bei unserem Einsatz in Afghanistan um einen „nicht-international bewaffneten Konflikt“ und eben nicht um den Umgang mit Kriminellen handelt, für den Soldaten so wichtig. Um in der gegebenen Einsatzrealität entsprechend reagieren und sich angemessen verteidigen zu können, müssen für ihn eindeutige Regeln, beispielsweise die des Völkerrechts, aber auch des Völkerstrafrechts, Anwendung finden. Naskrent betonte, nur so erhalte der Soldat Verhaltenssicherheit, könne seinen Auftrag erfolgreich durchführen und für sein Handeln auch die Verantwortung übernehmen. Die berechtigten Fragen, wie z.B. nach dem weiteren Sinn und der Dauer des Afghanistaneinsatzes, seien aber nicht vorrangig durch die Bundeswehr, sondern durch die deutsche Regierung, das Parlament und auch durch "unsere Bevölkerung" zu beantworten. Zum Wiederaufbau in Afghanistan nannte Naskrent einige Fakten: „Nach 30 Jahren Krieg waren rund um Mazar-e Sharif, also im Verantwortungsbereich der Bundeswehr, zwei Drittel der 460 Schulen zerstört, die Analphabetenrate lag bei 95 Prozent. Heute gibt es in der Provinz ca. 10 500 Lehrer und Lehrerinnen für 400 000 Schüler und Schülerinnen. In einigen ländlichen Gebieten gehen bereits nahezu 100% aller Kinder - auch die Mädchen - zur Schule. Mittlerweile senden mehr als 80 Radio- und 30 Fernsehstationen in ganz Afghanistan. Landesweit haben durchschnittlich rund 85 Prozent der Bevölkerung Zugang zu einer gesundheitlichen Basisversorgung. Und zur umstrittenen Polizeiausbildung sagte Naskrent: 30 000 der benötigten 162 000 Afghanen seien inzwischen zu Polizeikräften ausgebildet worden. Aber der Generalmajor räumte auch ein: „Zweifellos könnten es mehr sein“. Besser sähe die Personallage bei der Afghan National Army, kurz ANA aus. Sie umfasst derzeit 92 000 Soldaten, und die Gesamtstärke solle in den nächsten Monaten auf 134 000 Soldaten anwachsen. „Die sog. „Operational Mentoring Liaison Teams“ OMLT - der ausländischen Streitkräfte - auch die der Deutschen - leisten beim Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte einen wertvollen Beitrag und unterstützen die selbständigen Operationen der Afghanen wirkungsvoll,“ sagte Naskrent. Zu den Aktivitäten des Standortes erklärte Naskrent, mit der erfolgreichen Teilnahme am Luftraumüberwachungseinsatz im Baltikum habe das Jagdgeschwader 74 erstmals die operationellen Qualitäten des Waffensystems EUROFIGHTER außerhalb Deutschlands nachweisen können. Bei der größten jemals im europäischen Rahmen durchgeführten Übung EUROPEAN ENDEAVOUR 2009 bewiesen sich nicht nur große Teile des Kommandostabes in einem operativ-taktischen, multinationalen Gefechtsstand. Vielmehr habe sich die gesamte Bundeswehr für die Führung eines Großeinsatzes im Auftrag der EU qualifiziert. Ein zentrales Übungsvorhaben werde die Übung ELITE mit umfangreichem Flugbetrieb in Süddeutschland Anfang Juni auf dem Truppenübungsplatz HEUBERG sein, wo sich die 1. Luftwaffendivision mit unterstellten Truppenteilen aber auch der IT Sektor 1 intensiv einbringen werde. Für den Standort - und das Bundeswehrdienstleistungszentrum im Besonderen - werde das Ziel- und Ausbaukonzept des Fliegerhorstes FFB im Mittelpunkt stehen. Hier würden Entscheidungen zunächst hinsichtlich der erforderlichen Sanierung der Offizierschule der Luftwaffe, dann aber für die Gesamtnutzung des Fliegerhorstes auch unter dem Gesichtspunkt der Attraktivität des Standorts getroffen. Dem Flugmedizinischen Institut der Luftwaffe - so sagte Naskrent - „wurden durch den Wissenschaftsrat der Bundesregierung seine hervorragenden Leistungen bestätigt. Dabei wurden die Forschung als in hohem Maße anwendungsorientiert und auf den Bedarf der Bundeswehr zugeschnitten sowie die wissenschaftsbasierten Dienstleistungen als sehr gut bis teilweise ausgezeichnet gewürdigt.“ Nicht zuletzt wurden über 50 katholische und evangelische, davon sechs ökumenische, Gottesdienste am Standort gefeiert. Ein sehr persönlich gehaltenes Grußwort richtete Oberbürgermeister Sepp Kellerer an die Gäste. Er mache sich Sorgen um die Finanzen der Kommunen und wünsche sich den „Aufwind, den wir von den Segelflugzeugen her kennen“.

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