Eitan in Tel Aviv: Amerikaner und Deutsche sammelten Material – Das geheime Netz der NS-Verbrecher 

Eichmann-Jäger Rafi Eitan: Interessantes Datenmaterial von 1945 - 1960

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Rafi Eitan, (87), Kommando-Chef der Mossad-Operation, bei der ein 7-köpfiges Team Adolf Eichmann von Argentinien nach Israel entführte, ist heute als Geschäftsmann in Tel Aviv tätig. Die Skulptur im Vordergrund hat Eitan geschaffen. 

Fürstenfeldbruck/Tel Aviv – Rafi (Rafael) Eitan, Kommando-Chef der Mossad-Operation, bei der ein 7-köpfiges Team den für die Ermordung von sechs Millionen Juden mitverantwortlichen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann von Argentinien nach Israel entführte, stand Mitte Juni 2014 vor dem Grab von Ahavron Shalom, dem ehemaligen Shin-Bet-Chef. Schlagartig kamen die Erinnerungen an die Greueltaten des Nazi-Regimes wieder, als Eitan in einer sehr persönlich gehaltenen Rede daran erinnerte, dass auch dieser Weggefährte als Kind die Shoa durchlitt: „Die Familie wurde enteignet, der kleine junge Junge in der Schule geschlagen, weil er Jude war“.

Das Gespräch mit Rafi Eitan findet im Bürogebäude einer bekannten Stahlfabrik in Tel Aviv statt. Moderne Malerei bedeckt eine ganze Wand des Office. Auf dem Marmor-Fensterbrett stehen mehrere Skulpturen aus Metall, die Rafi Eitan geschaffen hat. Die künstlerische Arbeit gibt dem 87-jährigen, der noch immer als Geschäftsmann tätig ist, Rückhalt und Ruhe. 

An der damaligen Operation in Argentinien waren sieben Mossad-Leute beteiligt. „Alle von ihnen erzählten eine Story, jeder hatte seine eigene Geschichte,“ sagt Eitan auf Englisch. Der Vatikan habe nach dem Krieg „eine Maschinerie in Gang gesetzt“, um bestimmten Leuten, die nach dem Krieg in Bedrängnis waren, Deutschen und Italienern und anderen, zu helfen, nach Süd-Amerika zu kommen. Auch Adolf Eichmann gelangte über die sog. „Rattenlinie“ mit Hilfe der Kirche nach Südamerika. Er benutzte dabei gefälschte Ausweispapiere, die ihm das Internationale Rote Kreuz ausgestellt hatte. Simon Wiesenthal habe früh einen Hinweis auf den Aufenthaltsort des NS- Massenmörders Eichmann gegeben, bestätigte Eitan. Der hessische Generalstaatsanwalt und Richter Fritz Bauer, Ankläger im Frankfurter Auschwitz-Prozess, Sohn jüdischer Eltern, übermittelte den Aufenthaltsort in Argentinien vorsichtshalber direkt an Israel. Seine Information basierte auf einer Quelle innerhalb der Polizei, die damals offenbar nach dem NS-Verbrecher suchte. Bauer, ein ehemaliger KZ-Häftling, drängte mehrmals - auch bei Chaim Chon vom Supreme Court - auf zügige Nachforschungen. Die Israelische Regierung unter Führung von Ministerpräsident Ben-Gurion berief schließlich ein Meeting mit dem Mossad-Chef ein.

 Danach reiste Zvi Aharoni, ein gebürtiger Deutscher, im Februar nach Argentinien. Drei Wochen lang beobachtete er den Verdächtigen an seinem Arbeitsplatz und mit seiner Familie in der Garibaldi Street im Vorort San Fernando in Buenos Aires. Eitan: „Ich habe Aharoni telefonisch viele Fragen gestellt.“ Die wahre Identität Eichmanns stand jetzt für das Mossad-Team fest. Die Festnahme erfolgte am 11. Mai 1960. Eitan: „Keine Details dazu.“ Die israelische Regierung unter Ben-Gurion hatte eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen. Eitan: „Es wäre ein Leichtes gewesen, Eichmann mit einer Waffe mit Schalldämpfer und ohne Spuren zu hinterlassen, zu liquidieren. Aber 15 Jahre nach der Shoa war es uns wichtig, weltweite Aufmerksamkeit zu erzielen.“ ( Ein Auslieferungsabkommen zwischen Argentinien und Israel bestand zu diesem Zeitpunkt nicht). Ben-Gurion ordnete an, Eichmann aus Argentinien nach Israel zu bringen, wo ihn nach einem weltweit aufsehenerregenden Prozess am 31. Mai 1962 die Hinrichtung erwartete. 

Eichmann wurde nach der Festnahme bis zum Weitertransport für einige Tage in ein „Sicheres Haus“ gebracht. Zwei der Mossad-Agenten aus dem Team sprachen Deutsch. Eitan: „Ich zog Eichmann nackt aus, und er bekam eine Augenbinde“. Zvi Aharoni richtete Fragen an den Gefangenen: „Wie lautet Ihr Name?“. Er antwortete: „Riccardo Klement“ (falscher Name, auf den der Rotkreuz-Pass ausgestellt war). Danach: „Otto Beninger“ (Unter diesem Deck-Namen hatte Eichmann in Deutschland für ein Forstamt gearbeitet). Zvi Aharoni fragte nach der SS-Nummer. Eitan: „Eichmann sagte exakt die Nummer.“ Danach fragte ihn der Mossad-Agent nochmals: „Wie ist Ihr Name?“ Die Antwort erfolgte prompt: „Adolf Eichmann“. 

Fragen stehen im Raum: Wer hat die Kriegsverbrecher nach 1945 mit falschen Ausweispapieren versorgt und ihnen Empfehlungsschreiben ausgestellt? Wer gehörte dem geheimen Helfer-Netz an, das die Flucht auf der sog. „Rattenlinie“ nach Südamerika ermöglichte? Über welche Informationen verfügten die Geheimdienste in Deutschland, USA und Russland zu diesem Zeitpunkt? Rafi Eitan: „Einige der Informationen, die von Deutschen und Amerikanern zwischen 1945 und 1960 gesammelt worden sind, sind interessant für Historiker“. 

Heute bestimmt das Kuba-Geschäft das Leben des ehemaligen Mossad-Chefs für Europa, der seit seinem Ausscheiden aus dem Geheimdienst als Businessman in Tel Aviv arbeitet. Eitan: „Nach der Auflösung der ehemaligen Sowjetunion brachen Kubas Export-Märkte für Zitrusfrüchte und landwirtschaftliche Erzeugnisse ein. Eitan - er hatte an der London School of Economics einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaft erworben - sagte „spontan“ zu, als die Kubaner in Israel um Aufbauhilfe für ihre Landwirtschaft baten. Eitan: „Zunächst hatten sie die Russen gefragt, und die rieten: Geht zu den Israelis“. Israel unterhält zu Kuba bisher keine diplomatischen Beziehungen. Für die Vermittlung von Knowhow in der Landwirtschaft stelle dies jedoch kein Hindernis dar. Eitan: „Es geht bei dieser Geschäftsbeziehung mit Kuba ausschließlich um Landwirtschaft, also um Biologie, Technologie, Bewässerungstechnik, Saatgut“. Mittlerweile werden Orangen, Mangos und Grapefruits aus Kuba via Rotterdam, wo ein großes Lager eingerichtet wurde, auch nach Deutschland exportiert. Rafi Eitan ist ausschließlich auf dem Sektor Landwirtschaft auch in mehreren afrikanischen Ländern engagiert, um die Lebensqualität in der Dritten Welt verbessern zu helfen. 

Mit Deutschland verbinden Eitan sogar auch positive Erinnerungen: „I made a deal with Franz Josef Strauß.“ Das geschah Mitte der 60ger Jahre, als deutsche Raketen-Experten, Professoren und Techniker, Präsident Nasser bei der Aufrüstung seines Landes gegen fürstliches Salär in Kairo zu Diensten waren und Israel mit seinem deutsch-israelischen „Intelligence-Fighter“ Wolfgang Lotz (geboren am 6. 1. 1921 in Mannheim, verstorben 13. 5. 1993 in München)  – damals Angehöriger der unit 188, den Raketenbau im feindlich gesinnten Ägypten zum Erliegen bringen wollte. 

Das Hauptquartier befand sich damals im ehemaligen Templer-Dorf Sarona, dem heutigen Stadtteil Kirya in Tel Aviv (jetzt ein attraktives Parkgelände mit Teichen à la Monet und exklusiven Geschäften in den renovierten alten Häusern). Die Unit 188 wurde 1963 dem israelischen Geheimdienst Mossad angegliedert. Lotz und sein Kollege Eli Cohen, der später in Damaskus hingerichtet wurde, gehörten dieser top-geheimen Einheit an, die Männer und Frauen völlig gleichberechtigt behandelte. Lotz wurde später in Kairo enttarnt und verbrachte bis zum Gefangenenaustausch nach dem Sechs-Tage-Krieg einige Zeit im Gefängnis – wie auch seine Ehefrau Waltraud. Einer Hinrichtung entging er, weil er durch einen glücklichen Umstand nicht beschnitten war und deshalb seine jüdisch-Israelische Herkunft nicht nachzuweisen war. Seine jüdische Mutter war mit einem christlichen Theaterdirektor in Deutschland verheiratet, das Paar ließ sich in den Dreißiger Jahren scheiden, die Mutter wanderte mit ihrem Sohn nach Palästina aus. Lotz diente in der israelischen Armee, er beherrschte mehrere Fremdsprachen, darunter auch Arabisch und wurde schließlich vom Geheimdienst rekrutiert. Zusammen mit seiner deutschen Ehefrau Waltraud, die er auf einer Deutschland-Reise kennengelernt hatte, gab er rauschende Partys und arbeitete unter dem Deckmantel eines Reitstallbesitzers. Ägypter und die Angehörigen der "Deutschen Kolonie"  hielten ihn für einen früheren Wehrmachts-Offizier. Seine Aufgabe bestand darin, die ägyptische Rüstungsindustrie über seine vielfältigen gesellschaftlichen Kontakte zu observieren sowie die deutschen und österreichischen Raketenforscher – unter ihnen viele ehemalige Nazis - mit klandestinen Operationen zum Rückzug zu bewegen.

Eitan: „Der Deal mit Franz Josef Strauß bestand darin, dass das Unternehmen MBB sich aus Ägypten zurückziehen sollte. Dazu wurden hohe Kompensationszahlungen für einen Zeitraum von zehn Jahren an die deutschen Wissenschaftler in Ägypten gezahlt.“ Strauß habe dies mit Hilfe eines Budgets der Bundesregierung „arrangiert“. Eitan: „Es wurde mit einem Lächeln erledigt“. 

Hedwig Spies

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