Scharia im Heimatland Nigeria - Aushilfspfarrer in Brucker Pfarrei berichtet

Über 700 Menschen töteten fundamentalistische Muslims bei den jüngsten Kämpfen in Nigeria, darunter 3 Pastoren und einen katholischen Priester“, berichtete Dr. George Oranekwu, Regens eines Priesterseminars in Nnewi, einer mittelgroßen Stadt im Süden des afrikanischen Landes. Derzeit betreut Pater Oranekwu einen Monat lang während der Ferienzeit die Brucker Pfarrei St. Magdalena. Bei seinem Interview erzählte er von seinem Heimatland und der aktuellen Christenverfolgung, von den Besonderheiten der afrikanischen Kirche im Gegensatz zur deutschen und davon, wie er als einer von sechs Söhnen seiner Familie katholischer Priester und zum Leiter eines Priesterseminars mit 523 Schülern wurde. Zusammen mit den beiden Töchtern zählt die Familie zehn Köpfe, in Nigeria eine mittelgroße Familie.

Nigeria ist ein in Nord und Süd geteiltes Land: Im landwirtschaftlich geprägten und ärmeren Norden leben die Muslime, im industriellen, von Erdöl und Industrie reich gewordenen Süden die Christen, denen 48 Prozent der Gesamtbevölkerung angehören. Exakt die Hälfte aller Einwohner Nigerias sind Muslime. Diese kämpfen mehr und mehr gegen die Christen um die religiöse, politische und ökonomische Macht im Land: „Die Fundamentalisten unter den Moslems“, erklärte der promovierte, 45 Jahre alte Priester, „lehnen Beziehungen zu europäischen Ländern ab, weil diese gegen die islamische Religion sind“. Die politische Führung in Nigeria, der es vor allem um die staatliche Einheit des Landes geht, bekämpft – wie lange noch? – die Fundamentalisten mit harten Mitteln. So wurde ein islamistischer Sektenführer sofort nach seiner Gefangennahme ohne Prozess getötet. In den 12 nördlichen Bundesstaaten wurde schon die Scharia eingerichtet, islamisch-religiöse Rechtsprechung also statt des politisch-staatlichen Rechtssystems eingeführt. Darüber hinaus ist Nigeria nicht nur in politisch-religiöser Hinsicht, sondern auch wegen der wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Nord und Süd und wegen seiner Stammes- und Sprachenvielfalt ein schwierig zu führendes Land. So leben im Land nach der Aussage Oranekwus 225 verschiedene Volksstämme, die ebenso viele verschiedene Sprachen sprechen. Aufgrund der englischen Kolonialisierung ist Englisch die Amtssprache der heute geschätzten 140 bis 150 Millionen Einwohner. Vor vierzig Jahren lebten in Nigeria noch 89 Millionen Menschen. So schnell ist die Bevölkerung gewachsen! Zwar sei die politische und wirtschaftliche Elite des Landes stammesmäßig und geographisch gemischt, aber das verhindert nicht den Kampf des landwirtschaftlich strukturierten Nordens gegen den reicheren Süden, zudem es hier wegen der Erdölindustrie mehr und mehr zu tief greifenden Umweltproblemen im Landesinneren und Fischsterben an der Küste kommt. Der Vater von George Oranekwu, der einzige Katholik in seiner traditionell naturreligiösen Familie, wollte Priester werden, „aber er durfte es nicht. So war es sein sehnlichster Wunsch, dass einer seiner sechs Söhne Priester wird“, erzählte Dr. Oranekwu aus der Familiengeschichte. So kam der kleine George in eine Missionsschule und begann damit eine zwei Jahrzehnte lange Ausbildung. In seiner Heimat studierte er vier Jahre Philosophie, dann eben so lange Theologie. 1995 wurde er zum Priester geweiht. „Dann schickte mich mein Bischof für zehn Jahre zur Weiterbildung nach Deutschland.“ Nach einem Deutsch-Crashkurs in Bonn promovierte Oranekwu an der Freiburger Universität im Fach Theologie. Seine Doktorarbeit behandelte das Thema, wie man die einheimischen Initiationsriten für die Katechese der Sakramente nutzen kann. An der Bonner Universität schrieb er eine Arbeit über die Frage der Adaptation der neutestamentlichen Gleichnisse in der modernen afrikanischen Gesellschaft Nigerias, die in einem Frankfurter Verlag erschienen ist. 2007 zurückgekehrt in seine Heimat berief der Bischof den frisch gebackenen Doktor der Theologie als „Regens“ zum Leiter des St. Pauls Seminars. In dieser Schule erhalten 523 Schüler bis zu ihrem 18. Lebensjahr die Vorausbildung zur Zulassung zum Theologiestudium. Nach Oranekwus Information handelt es sich bei der schon 1969 gegründeten Diözesanschule, der er vorsteht, nur um ein „kleines Priesterseminar“. Heute unvorstellbar in Deutschland: In einer Klasse teilen sich jeweils um die 120 Schüler die Schulbänke. Und für Katholiken im Deutschland von heute ein ferner Traum: Bis zu 20 Prozent jedes Jahrgangs der Schulabgänger studieren darauf Theologie und werden tatsächlich Priester. Und so fragt sich Dr. George Oranekwu manchmal, „warum die deutschen Bischöfe, in deren Diözesen der Priestermangel von Jahr zu Jahr zunimmt, nicht mehr Priester aus Ländern wie Nigeria holen, wo es viele Priester gibt“. Hier, in der Pfarrei Fürstenfeldbruck, ist nach Oranekwus Beobachtung „noch alles in Ordnung: Die Kirche ist voll und auch unter der Woche gut besucht“. Im Rheinland beispielsweise seien die Kirchen auch sonntags fast leer. Als Dr. Oranekwu abschließend nach den Unterschieden zwischen afrikanischen und deutschen Glaubensgewohnheiten gefragt wird, beginnen seine Augen zu leuchten: „In Afrika ist der Gottesdienst viel lebendiger. Da tanzen die Leute, machen Spiele, singen, feiern und zeigen ihre Emotionen. Bei uns ist der Gottesdienst eine große, von allen Besuchern wirklich wichtig genommene Feier. In Europa dagegen machen sie alles genau, ganz genau.“

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