Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und roma, Romani Rose, sprach beim Neujahrs-Empfang der Gröbenzeller CSU

Wo bleibt die Aufarbeitung des Völkermordes an den Sinti und Roma?  

+
Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, hielt die Festrede beim Neujahrsempfang der Gröbenzeller CSU

Gröbenzell – Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, kämpft seit Jahrzehnten für die Anerkennung und Rechte der größten europäischen Minderheit. Beim Neujahrsempfang der Gröbenzeller CSU am 11. Januar nutzte Rose als Festredner des Empfangs im vollbesetzten Saal des Bürgerhauses die Gelegenheit, die Vorurteile und diskriminierenden Klischees gegen Sinti und Roma weiter abzubauen. Eine Aufarbeitung des Völkermordes an den Sinti und Roma habe im Nachkriegsdeutschland über Jahrzehnte nicht stattgefunden, beklagte Rose.

Seit der Gründung des Zentralrats 1982 ist Romani Rose nicht nur der Vorsitzende der Vereinigung, sondern längst zur Symbolfigur der Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma geworden. 13 Angehörige hat der 68-Jährige während des Holocaust verloren. Seine Ausführungen zu den „Gedanken zum neuen Jahr“ stellte Rose unter die Überschrift „historische Erinnerungen als demokratische Aufgabe“ und machte dabei am Schicksal der eigenen Familie deutlich, welche Folgen Rassismus haben kann. Ziel seiner historischen Aufklärungsarbeit sei aber nicht, den Enkeln und Urenkeln der Generation, aus der die Täter stammen, Schuld anzulasten, es gehe ihm vielmehr um die Wahrhaftigkeit und um die demokratischen Werte, die „wir Deutsche uns nach 1945 in der oft schmerzlichen Auseinandersetzung mit unserer eigenen Geschichte erarbeitet haben“. 

Erst spät sei in der Bundesrepublik ein Bewusstsein dafür entstanden, dass im nationalsozialistischen Europa nicht nur sechs Millionen Juden, sondern auch eine halbe Million Sinti und Roma Opfer einer systematischen Vernichtungspolitik wurden. Die überlebenden deutschen Sinti und Roma, die nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern in ihre Heimatorte zurückkehrten, sahen sich in den Nachkriegsjahren nicht nur fortbestehenden rassistischen Haltungen von Behörden ausgesetzt. Sie standen in den Ämtern buchstäblich den früheren Tätern in ihren neuen Stellungen gegenüber. Diese Erfahrung habe viele Sinti und Roma erneut traumatisiert.

 Im Jahre 1952 hatte die Bundesregierung mit jüdischen Repräsentanten und Israel ein Wiedergutmachungsabkommen ausgehandelt. Für Sinti und Roma lehnte der Bundesgerichtshof (BGH) 1956 eine Entschädigung mit der Begründung ab, es habe nie eine Vernichtung aus rassistischen Gründen gegeben. In der Urteilsbegründung hieß es: „Die Zigeuner neigen zur Kriminalität, zu Diebstählen und Betrügereien. Es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe zur Achtung vor fremden Eigentum, weil ihnen wie primitive Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist.“ Dieser Richterspruch, so Rose, klang, als wäre das Dritte Reich nie untergegangen. Der BGH erkannte im Jahre 1963 – in Abänderung des Urteils – den Entschädigungsanspruch zwar an, aber das Gericht distanzierte sich nicht von der rassistischen Charakterisierung der Minderheit. Ein Umdenken in Deutschland setzte nach einem durchgeführten Hungerstreik in der KZ-Gedenkstätte in Dachau ein, berichtete Rose, der als Sprecher an dieser Protestaktion teilnahm. Von einer entscheidenden Zäsur sprach Rose, als Bundeskanzler Helmut Schmidt 1982 eine Delegation des inzwischen gegründeten Zentralrats empfing und in völkerrechtlich bedeutsamer Weise die NS-Verbrechen an den Sinti und Roma als Völkermord aus rassistischen Gründen anerkannte. Dass aber Phänomene wie Antisemitismus und Antiziganismus mit dem Jahr 1945 nicht ihr Ende gefunden haben, sondern unvermindert eine Gefahr für die Gesellschaft und für die freiheitlich-demokratische Kultur darstellen, habe die NSU-Mordserie gezeigt, als nach dem Mord an einer Heilbronner Polizistin Sinti und Roma unter Generalverdacht gerieten. 

Dieter Metzler

Meistgelesene Artikel

Erneut tödlicher Verkehrsunfall auf B2

Hattenhofen/Mammendorf - Erneut ereignete sich auf der Bundesstraße 2 zwischen Hattenhofen und Mammendorf ein tödlicher Verkehrsunfall. Erst am 7. …
Erneut tödlicher Verkehrsunfall auf B2

Bedrückende Stimmung im Sitzungssaal

Fürstenfeldbruck – Brucks 53-jähriger Oberbürgermeister Klaus Pleil (BBV) ist nach Feststellung einer amtsärztlichen Untersuchung auf Dauer …
Bedrückende Stimmung im Sitzungssaal

Famata erfolgreich behandelt

Fürstenfeldbruck – Als Fatama Cephas vor vier Jahren das erste Mal im Klinikum behandelt worden ist, war sie acht Jahre alt. Nach einem Sturz ist ihr …
Famata erfolgreich behandelt

Kommentare