"Syrien - Von der Diktatur ins Chaos?" - Christenrat und Deutsch Syrischer Verein e.V. luden Nahost-Experten Dr. Robert Staudigl nach FFB ein

Für die Alawiten geht es um die Existenz

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"Syrien - Von der Diktatur ins Chaos": Zum Vortrag von Dr. Robert Staudigl l. (Staatsbibliothek München), Syrien-Experte, hatten der Christenrat, vertreten durch Pfarrerin Ursula Leitz-Zeilinger und der Deutsch Syrischer Verein e.V. in Deutschland, 1. Vorsitzender Tarek Abdin-Bey (r.) in Fürstenfeldbruck eingeladen.
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Syrien-Vortrag im vollbesetzten Saal der Pfarrei St. Bernhard, FFB-Buchenau am 28. 4. 2016. Referent Dr. Staudigl studierte Politologie, Orientalistik und Zeitgeschichte an der LMU München, und  bereiste seit Mitte der 1990er Jahre die Länder des Nahen Ostens.  Thema seiner Dissertation: "Die Türkei, Israel und Syrien zwischen Kooperation und Konflikt".
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Syrien-Konflikt - einfach erklärt
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Wer agiert gegen wen?
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Verteilung der Religionsgemeinschaften in Syrien
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Regionale Mächte
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Weltpolitik: Die Perspektive Moskaus auf den Nahen Osten
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Diese Karte zeigt, wer Straßen und Verkehrswege in Syrien kontrolliert.

Fürstenfeldbruck -  "Für die Alawiten unter der Herrschaft von Baschar al-Assad geht es um die Existenz - um ihr physisches Überleben", sagte Nahost-Experte Dr. Robert Staudigl bei seinem Vortrag im Pfarrsaal von St. Bernhard in FFB-Buchenau. Von einem "Glaubenskrieg" zwischen den verschiedenen Achsen im Syrienkonflikt könne man  nicht sprechen, denn es gehe um Macht-Interessen.  Wenig optimistisch klang die "vorläufige Bilanz" von Dr. Staudigl am Ende seines Vortrags "Syrien - Von der Diktatur ins Chaos?": "Es gibt keinen Hebel, um diesen Konflikt zu befrieden." 

  Mit Syriens Diktator hat sich der Münchner Nahost-Experte Dr. Robert Staudigl - beruflich engagiert an der Staatsbibliothek -  in seinem Fachbuch befasst, er hat die Länder des Nahen Ostens einschließlich Israel und Iran bereist. Der Christenrat, vertreten durch Pfarrerin Ursula Leitz-Zeilinger und der Deutsch Syrischer Verein e.V. (München) mit seinem Vorsitzenden Tarek Abdin-Bey, der sich um syrische Flüchtlinge kümmert und Spenden für diese Vereins-Arbeit sammelt,  begrüßten den Referenten am 28. 4. im vollbesetzten Pfarrsaal von St. Bernhard in Fürstenfeldbruck-Buchenau. Man wolle mehr wissen über die "komplexen Zusammenhänge",   nachdem auch die Bundesregierung an der Seite der Internationalen Koalition beim Einsatz gegen den IS stehe, sagte Pfarrerin Leitz-Zeilinger.  

Dr. Staudigl - er hat an der LMU Politologie, Orientalistik und Zeitgeschichte studiert - erklärte den Ursprung der Bürgerkriegssituation, er zeigte die Perspektiven auf und zog eine vorläufige Bilanz. In Syrien, halb so groß wie die Bundesrepublik, lebten vor dem Krieg 20 Millionen Einwohner,  sagte der Referent und  erinnerte an  das Historische Erbe  des einstigen Kulturlandes zwischen Euphrat und Tigris. Für das Kulturerbe stehen beispielhaft  die jahrtausend alte Keilschrift, die Burg Krak des Chevaliers und die Säulenstraße in der antiken Oasenstadt Palmyra.

Nachdem sich Hafez al-Assad, der Vater des heutigen Präsidenten, an die Macht geputscht hatte - "man sprach damals von der Korrekturbewegung", und im Juni 2000 "eines natürlichen Todes" gestorben war, kam es zu einem Machtwechsel von Vater auf den Sohn.  Der älteste Sohn, der ursprünglich  das politische Erbe antreten sollte,  war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

So wurde der als "unpolitisch" eingestufte jüngere Sohn Baschar, der in London ein Medizin-Studium abgeschlossen hatte und im Gegensatz zu seinem moskautreuen Vater viel reiste, zum Nachfolger ernannt. Baschar und seine stets westlich gekleidete Ehefrau Asma - sie hatte ein Informatik-Studium in London absolviert, wo sie mit ihrer aus Syrien stammenden Familie lebte,  gaben zunächst  Anlass zu Hoffnung auf politische Veränderungen.  Damit Baschar al-Assad, damals erst 34 Jahre alt, das Amt des Präsidenten in dem Ein-Parteien-System übernehmen konnte,  war es erforderlich, einen Passus in der syrischen Verfassung  zu ändern, erklärte Staudigl.  Denn bis dahin musste der Präsident bei Amtsantritt mindestens 40 Jahre alt sein. Man änderte nun den Passus dahingehend, dass ein Präsident bei Amtsbeginn mindestens "34 Jahre alt" sein müsse. 

Zwei Denkschulen haben bei der "Lex Baschar" Bestand: Die eine Auffassung geht davon aus, dass er zwar gewillt war, Reformen durchzusetzen, aber dann von der Gruppe der Hafez-Getreuen -  altgediente Offiziere und dem Clan  -  ausgebremst worden sei. Eine andere These besagt,  dass Baschar niemals geplant habe, Reformen durchzusetzen, sondern stattdessen "das Fenster einen Spaltbreit geöffnet" habe. Das schlug sich in seinen ersten Reden - er wolle, "dass abweichende Meinungen stärker berücksichtigt werden sollten",  nieder.

 Mit einem weiteren Vorurteil räumte Dr. Staudigl auf:   Assads Vater habe keine Alawiten geholt und um sich geschart, sondern in erster Linie "Bündnistreue" von der Militärakademie und Vertraute, die er von zu Hause kannte". Konfession - so Staudigl -  sei  nicht das Wichtigste für Assads Vater gewesen. Alawiten und Christen (verschiedene orthodoxe Richtungen) hatten keinen Grund zum Aufstand, der im Süden im Ort Daraa begann.  Es war die sunnitische Mehrheit, die ihre Unzufriedenheit kundtat. Von Anfang an wurde ("Herzlich willkommen in Assads Syrien") mit Heftigkeit und Brutalität auf die Unruhen reagiert. Minderjährige, die Parolen an eine Wand gesprüht hatten, wurden festgenommen und in den Folterkammern verhört,  es wurde auf die betroffenen Familien und bei Bestattungen auf die Trauergemeinde geschossen.  Aus dem Aufstand entwickelte sich der spätere Regionalkrieg, in dem "Rebellen" der verschiedensten Richtungen kämpften.

 Der "Arabische Frühling" mit seinen Protesten, Unruhen und Revolutionen begann im Dezember 2010 in Tunesien  und setzte sich in zahlreichen Staaten im Nahen Osten (Maschrek/Arabische Halbinsel) und in Nordafrika (Maghreb) fort.

Kein weiteres islamisches Land, so betonte Staudigl,  habe sich  nach diesen blutigen Ereignissen in derartige  Auseinandersetzungen begeben. Im Königreich Saudi-Arabien, in den reichen Golfstaaten und im Königreich Marokko habe man Proteste anders abgefedert.

Zum IS sagte Staudigl, dass  für den selbsternannten  Staat, der mit gewöhnlicher Kriminalität, Raub, Entführungen  gleichzusetzen sei, Religion ein "pseudo-historischer Rahmen" sei. Der Islamische Staat verkaufe  sich als wahrer Repräsentant  des Islam mit einem selbsternannten Kalifen.  Die Wurzeln des IS seien im Irak zu finden.

Zum  Weltpolitische Szenario:  Russland steht an der Seite Assads - mit dem Iran und der schiitischen Hisbollah von Hassan Nasrallah  im Libanon, die zum Missfallen Israels Waffenlieferungen aus dem Iran via Flughafen Damaskus erhält. Die Achse  Assad und dem schiitischen Iran und der schiitischen Hisbollah-Organisation íst auch ein Dorn im Auge von Saudi-Arabien und habe in diesem Zusammenhang zu neuen Allianzen geführt, z.B. diplomatischen Kontakten zwischen dem wahhabitischen Land und Israel - beide Gegner des "Atom-Deals".  Saudi-Arabien seien bei seinen Bemühungen um eine Sunnitische Allianz allerdings "Schnitzer" unterlaufen, so Staudigl. Es  seien Länder "aufgenommen" worden,  die davon keine Kenntnis hatten - als Beispiel nannte der Referent Pakistan.

 Saudi-Arabien sehe sich als Vorposten im sog. Mittleren Osten und den schiitischen Iran auch als Herausforderung auf dem Ölsektor an. Im saudischen Königreich - so Staudigl -  "scharrt schon die nächste (konservativ geprägte)  Generation mit den Hufen."

Iran sei nach dem Ende des Atomstreits in einer "neuen Rolle" - der Westen hat eine Entspannungspolitik gegenüber dem Land eingeleitet. Staudigl stellte die Frage:  "Darf so ein Land nicht auch eine interessengesteuerte Außenpolitik haben?"

Was hält Russland - Putin - in  der Nahost-Region? Staudigl: Die russische Marinebasis Tartus ist ein Symbol für die Zusammenarbeit in der Koalition mit Assad, der immer ein treuer Freund Russlands gewesen sei.   

  Auf der anderen Seite stehen die USA und Europa - vereint im Kampf gegen den IS.  Hilfreich sind auf diesem Gebiet die Kurden, die als "Sperr-Riegel" gegen den IS und den Nachschub wirken. "Die Grenze ist offener als man denkt".  Für Erdogan sei das nicht gerade ein strategischer Vorteil, zumal die Türkei auch innenpolitisch ein Problem mit den Kurden habe.  Erdogan,  der forderte,  "Assad muss weg", habe sich verkalkuliert. Er glaubte, der syrische Staatschef - sein einstiger Freund -  würde innerhalb von wenigen Wochen gestürzt.  Ein solches Schicksal ereilte stattdessen die von Erdogan so freundlich unterstützte Muslimbrüderschaft und Mursi in Ägypten, deren  Anhänger in die Türkei flohen.

Hedwig Spies

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