Tank oder Teller? Energiewirt noch zeitgemäss?

Die noch bis vor kurzem propagierte Empfehlung „vom Landwirt zum Energiewirt“ ist angesichts einer weltweiten Nahrungsmittelverknappung mit entsprechendem Preisanstieg höchst fragwürdig geworden. Acht Podiumsteilnehmer diskutierten in Landsberied. Eingeladen hatte Thomas Waldleitner, Landwirtschaftsamt FFB. Die Diskussion, zu der viele Jungbauern gekommen waren, wurde eingeleitet durch Prof. Dr. Alois Heißenhuber von der TU Weihenstephan. Er legte umfangreiche, weltweite Daten zur allgemeinen Entwicklung auf dem Agro-Treibstoffsektor vor. Das anschließende Gespräch leitete Johann Wörle, Chefredakteur des Agrarenergie-Fachorgans „Joule“ im deutschen Landwirtschaftsverlag. Er erklärte, das inzwischen heißgelaufene Problem auf eine sachliche Ebene zurückführen und von verschiedenen Seiten betrachten zu wollen.

Prof. Heißenhuber fasste aus seiner 67seitigen, analytischen Vorlage (ein Monstrum an Begriffen und Zahlen) Eckdaten zusammen: Kostenentwicklungen zu Brennholz, Heizöl, Benzin, Diesel und Biokraftstoffen über einen sehr langen Zeitraum. Globale pro-Kopf-Vergleiche der durchschnittlichen CO2-Emissionswerte in Tonnen pro Jahr - mit hinkenden Beispielen im Ländervergleich. Agrar-industrielle Förderung von Ethanol (Agraralkohol) in Brasilien zum Auslandsschuldenabbau. Dramatischer Getreidepreisverfall in Europa und Umstieg auf Energieerzeugung. Energievergütungen für Strom aus Biomasse: führend Deutschland, Italien, Tschechien. Biogaserzeugung in Bayern (Schwerpunkte). Energie- und Treibhausgasbilanz aus Raps. Energie und Wärme aus Hackschnitzelanlagen (zukunftsweisend). Braunkohle habe die schlechteste Energie- und Emissionsbilanz. Lebenshaltungskosten/Aufwandsanteile für Nahrung: in Deutschland 12%, in Mexiko 40%, für Brot: in Deutschland 8%, für Tortillas: in Mexiko 72%. Schließlich der Vergleich, was man mit der Erzeugung von Getreide auf einer Anbaufläche von 10 mal 10 m erzielen könne: 65 Kg Brotgetreide oder als Futtermittel 21 Kg Schweinefleisch oder zur Ethanolgewinnung 21 Liter Alkohol. Damit ließen sich 75% unseres täglichen Brot- und 24% unseres täglichen Fleischbedarfs decken, aber nur 4% des täglichen Kraftstoffverbrauchs. Marlies Olberz, „Brot für die Welt“, erinnerte an die fortdauernden Vertreibungen ärmerer Bevölkerungsschichten in den Drittländern zu Gunsten der industriell betriebenen Anbauflächen für Agrartreibstoffe: Hinein in Sklaven- und Kinderarbeit in Zuckerrohrfabriken. Trink- und Agrarwasserverknappung. Vernichtung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Die Bevölkerung wäre auf Importnahrung angewiesen zu nicht mehr bezahlbaren Preisen. Pater Tassilo, St. Ottilien („Ich arbeite ja selbst in der Landwirtschaft mit … Wir sind ein Ausbildungsbetrieb.“), unterstrich die ökonomische Unabhängigkeit des Klosters: „Wir leben nicht von der Kirchensteuer. Das Kloster lebt vom Klostergut und seinen Erzeugnissen.“ Aus den vorliegenden Missionserfahrungen beurteilt der praktizierende Kirchenmann, dass die Probleme in Afrika hausgemachter Natur seinen, verursacht durch Politik, Korruption und Bandenunwesen. Bäckerinnungsmeister Franz Höfelsauer sieht sich neuerdings mit dem Preisanstieg bei einem Sack Mehl von 28 auf 46 Euro konfrontiert: „Aber auch damit müssen wir am Markt bestehen.“ Für ihn bleibt die ethische Frage, ob es zu verantworten sei, Weizen zu Gunsten von Energie zu verheizen. "Da hab’ ich mit meinem katholischen Glauben ein Problem. Da sind wir moralisch ganz schön abgesunken.“ Sein Stuhlnachbar Anton Kreitmeier, Biogasanlagenbetreiber und BBV-Kreisobmann in Dachau, konnte diesen katholisch-moralischen Bedenken weniger abgewinnen: „Wir sind als Landwirte Unternehmer. Und alle Landwirte, ob in Europa oder in Brasilien, werden von der Gesellschaft ausgebeutet.“ Kreitmeier erinnerte an Biogas als ein politisches Ziel zur Energie- und Effizienzsteigerung. „Ansonsten kann ich nicht überleben. Ich muß mir die tragfähigen Felder dafür aussuchen.“ Ansonsten will er aber auch keine Konfrontation mit dem Nahrungsmittelhandwerk. Marion Ruppaner, Agrarreferentin beim Bund Naturschutz, ging auf die Zwischenbemerkung von Moderator Johann Wörle ein, dass auch Naturschutzaspekte bei allen Entwicklungen zu berücksichtigen seien. „Wir brauchen für unseren derzeitigen Energiebedarf zwei Erden. Wir wollen aber auch noch essen …“ Frau Ruppaner sieht Energieeinsparungsmöglichkeiten in vielerlei Form, vorrangig im Wohnbereich aber durch Wärmedämmung. Für den Naturschutz setzt sie auf Artenvielfalt und Rücksichtnahmen in der Bodenbearbeitung. „Joule“-Chefredakteur Wörle entdeckt für den Ausbau von Photovoltaikanlagen einen noch erheblich zu steigernden Flächenbedarf im Außenbereich des Landkreises Fürstenfeldbruck. Hans Aigner, Vorstand von Ziel 21 im Landratsamt FFB, ging noch einmal einen Schritt zurück auf das Eingangsreferat und bemängelte, dass man noch immer von der alten, inzwischen längst überholten Technik der Verbrennungsmotore ausgehe. Die Zukunft sei das Elektroauto mit einem Kraftaufwand von 20 kWh für 100 Km Leistung. Aigner beteuerte erneut: „Was wir im Landkreis an Energie erzeugen, wird 2030 für unseren Bedarf ausreichen.“ Man sei auf große, staatlich geförderte Freiflächen in der Landschaft für Photovoltaik umgestiegen, weil Dachflächen noch immer nicht ausreichend zur Stromerzeugung erkannt würden. Jedoch sei er gegen die 2004 getroffene, neue gesetzliche Regelung, anstatt nur magerer Wiesen auch andere Flächen heranzuziehen: „Ackerflächen für die Stromerzeugung einzusetzen, halte ich für Blödsinn!“ Josef Hartl, 42, Vollerwerbsbauer mit Milchvieh und Weizen (zur Nahrung) aus Überacker, verfolgte die Ausführungen auf dem Podium bis zuletzt. 1995 hat er den Betrieb von den Eltern übernommen, die beide noch mitarbeiten, neben dem Sohn Christian, 21, der in der Ausbildung zur Zeit die Landwirtschaftsschule besucht. Josef Hartl hat vor acht Jahren begonnen, Lehrlinge einzustellen und inzwischen schon acht ausgebildet. Er sieht die Ausbildung in ihrer Wechselwirkung positiv, denn jeder Lehrling brächte auch etwas Neues mit, „des is des Scheene dro!“ Hartl ist um Fortbildung bemüht, denn „die Jungen müssen investieren und entscheiden. Mit 60 braucht man’s nimmer.“ Das werden seine heranwachsenden Töchter Martina und Maria sicher auch gern hören, neben der Mama, denn dieser Betrieb hat Zukunft.

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