Zeitzeuge Oberstleutnant a.D. Jürgen Rößler berichtete im Saal des Offizierkasinos über seine Arbeit als Leiter der deutsch-sowjetischen Kommission 

 "Die verbotene Stadt"  Wünsdorf – Wo Weltbewegendes entschieden wurde

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Der Leiter des Sektion München des Freundeskreises der Luftwaffe, Heinz Gerrits (li.) dankte OTL a. D. Jürgen Rößler für seinen hochinteressanten Vortrag

Fürstenfeldbruck – Am dritten Oktober feierte Deutschland heuer zum 24. Mal den Tag der Deutschen Einheit. Im Rahmen des Zwei-plus-Vier-Vertrages, der den Weg zur deutschen Wiedervereinigung ebnete, wurde damals auch der Abzug der sowjetischen Truppen aus der ehemaligen DDR innerhalb eines Zeitraums von vier Jahren vereinbart. Dabei handelte es sich in der Militärgeschichte um eine der größten Truppenverlegungen zu Friedenszeiten. Auf Einladung des Freundeskreises der Luftwaffe berichtete am Vorabend des Tags der Einheit mit Oberstleutnant (OTL) a. D. Jürgen Rößler ein Zeitzeuge im Saal des Offizierkasinos im Brucker Fliegerhorst über seine Arbeit und Erlebnisse aus dieser Zeit jüngster deutscher Geschichte.

"Die verbotene Stadt" - Geheimnisvolles Zossen Wünsdorf

Rößler war von 1990 bis 1994 Leiter der deutsch-sowjetischen Kommission in Wünsdorf und während dieser vier Jahre zuständig für die Koordinierung des Luftraums. Den sowjetischen Luftstreitkräften war zugesagt worden, von 1990 bis 1994 ihren Flugbetrieb weiter aufrecht zu halten, allerdings unter deutscher Leitung. Geschickt verband der ehemalige Luftwaffen-Offizier historische Begebenheiten mit persönlichen Anekdoten und Eindrücken, so dass die Zuhörer knappe zwei Stunden über diese wenig bekannten Ereignisse interessante Hintergrundinformationen erhielten. Wer weiß beispielweise schon, dass es inmitten des heutigen Deutschland in Zeiten des Kalten Krieges eine „Verbotene Stadt“ gab? Peking, ja, die chinesische Hauptstadt, die kennt jeder, aber Wünsdorf, mitten in Brandenburg, wer kennt das schon? Aufgrund seines historischen Hintergrunds hätte dieser Ort eigentlich bekannter sein müssen, meinte Rößler. „Hier wurde indirekt über den 17. Juni, Prager Frühling, Ungarn-Aufstand, die Mauer, den Sturz Ulbrichts und letztlich über die Wiedervereinigung entschieden“, sagte Rößler. 

Die unscheinbare Gemeinde, seit 2003 ein Ortsteil der Kleinstadt Zossen, war nämlich einst die größte Militärsiedlung Europas. „Zwölf Kilometer lang, zwölf Kilometer breit von einer hohen Betonmauer umgeben und in der Anlage selbst nochmals vier weitere Sperrbezirke.“ In den achtziger Jahren lebten hier, rund 20 Kilometer südlich von Berlin, 60.000 sowjetische Armeeangehörige und Zivilisten. Wünsdorf war der Standort des Oberkommandos der Sowjet-Streitkräfte in Deutschland. „Grüß Gott, meine Damen und Herren. Wie geht es Ihnen“, begrüßte Rößler die Mitglieder des Freundeskreises der Luftwaffe auf Russisch. Die Sprache hatte der heute 71-Jährige in einem achtwöchigen Kurs erst erlernen müssen, denn ein wenig russisch sollte er schon beherrschen auf seiner „exotischen Stelle“, wie er seinen Job als Leiter der deutsch-sowjetischen Luftraumkoordinierungsstelle bezeichnete. 

Im Stechschritt: Vor der Wiedervereinigung existierten in der DDR 35 sowjetische Militärflugplätze.

Als am dritten Oktober die deutsche Wiedervereinigung begann war der beigetretene kleine Teil Deutschlands mit 35 sowjetischen Militärflugplätzen übersät. „Da war die stärkste Sowjetmacht außerhalb der Sowjetunion versammelt“, berichtete Rößler. Die sowjetische Westgruppe (WTG) hatte auf dem Gebiet der ehemaligen DDR einen Personalbestand von 546.200 Personen (davon 337.800 Militärangehörige), ca. 691 Militärluftfahrzeuge (Jet/Prop) und 683 Militärhubschrauber. Die „Luftraumnutzung“ wurde nach sowjetischer Luftraumphilosophie durch die Vereinigte Hauptzentrale 14 (VHZ) der DDR gesteuert. Am dritten Oktober wurde aus der VHZ 14 die Luftraumkoordinierungsstelle (LUKO) mit Beteiligung der zivilen Flugsicherung. Während der vier Jahre trafen nun zwei unterschiedliche „Betriebssprachen“ aufeinander. So musste ein Paradigmenwechsel eingeleitet werden: zum einen die freie Nutzung des Luftraumes nach internationalen Regeln in englischer Sprache, zum anderen die zentral und militärisch gesteuerte „Einzelnutzung“ in russischer Sprache. 

„Hier (In Wünsdorf) wurde indirekt über den 17. Juni, Prager Frühling, Ungarn-Aufstand, die Mauer, den Sturz Ulbrichts und letztlich über die Wiedervereinigung entschieden“, sagte Rößler.

Über eine Million Flugbewegungen wurden in den vier Jahren koordiniert. „Und da gab es auch jede Menge Probleme“, berichtete Rößler, dass wie beispielsweise Erich Honecker von seiner russischen Schutzmacht  ohne Genehmigung heimlich ausgeflogen wurde. Nachdem der sowjetische Teil der LUKO weiterhin von hochrangigen russischen Offizieren geführt wurde, überwiegend im Generalrang, bedurfte es viel Diplomatie und „Einfühlungsvermögen“, um die Leitung dieser hochsensiblen nunmehr deutsch-sowjetischen Dienststelle erfolgreich auszuüben. Drei russische Kommandeure hat Rößler in den vier Jahren kennengelernt. Die Chemie habe immer zwischen ihnen gestimmt, berichtete Rößler. Man habe ganz einfach die Politik außen vorgelassen. Man müsse halt ein bisschen eine sowjetische Ader haben, erläuterte Rößler wie wichtig eine gewisse Symbolik sei. So half ihm bei der Kommandoübergabe zunächst eine „Fußball-Fahne“, die er an der ehemaligen Grenzübergangsstelle Rudolfstein erwarb, nachdem er keine offizielle Bundesdienstflagge im Gepäck hatte. Und als „Symbol“ der gemeinsamen deutsch-sowjetischen Arbeit schlug Rößler der sowjetischen Seite ein gemeinsames Abzeichen vor. Die Gestaltung überließ er dem sowjetischen Politoffizier (KGB). „Es ging darum, zu zeigen, dass wir gemeinsam den Abzug managen“, erklärte Rößler dazu. Auch wenn das Abzeichen das „Placet“ des KGB enthielt, was Rößler natürlich sofort bemerkte, „damit war es jedenfalls genehmigt und wurde zu einem äußerst hilfreichen Zeichen der Zusammenarbeit in den vier Jahren.“ Am 29. April 1994 wurde die Luftraumkoordinierungsstelle offiziell außer Dienst gestellt. „Damit ging eine erfolgreiche und unfallfreie deutsch-sowjetische Zusammenarbeit, die keine geschichtliche Parallele hat, zu Ende“, beendete OTL a. D. Jürgen Rößler seinen Vortrag.

 Dieter Metzler

 

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