Brucker Zeitgespräch am 20. April im Gemeindesaal der Gnadenkirche im Brucker Westen

Integration - erfolgreich gestalten

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Willi Dräxler (4. v. li.), Referent für Migration und Arbeitsprojekte beim Caritasverband und Integrationsreferent im Brucker Stadtrat diskutierte mit Latif Sarac, Jose Ndombolozi, Carina Huamani, Alaa Shahin, Günter Eichinger, Jean-Marie Sindani und Jamal Farani über Integration – erfolgreich gestalten

Fürstenfeldbruck – „Integration – erfolgreich gestalten“, so lautete das Thema beim Brucker Zeitgespräch am 20. April im Gemeindesaal der Gnadenkirche im Brucker Westen. Willi Dräxler, Referent für Migration und Arbeitsprojekte beim Caritasverband der Erzdiözese München und Freising und Integrationsreferent im Brucker Stadtrat diskutierte mit Bürgerinnen und Bürger, die einen sogenannten Migrationshintergrund haben oder aktiv mithelfen, dass sich neu zugewanderte Menschen in der Kreisstadt heimisch fühlen.

Neben ihm auf dem Podium nahmen Latif Sarac, Jose Ndombolozi, Carina Huamani, Alaa Sahin, Günter Eichinger, Jean-Marie Sindani und Jamal Farani Platz. Bis auf West-Vorstand Eichinger und Dräxler, alles Menschen, die irgendwann aus ihrer Heimat geflüchtet waren. Integration gelte inzwischen seit Jahren als „Zauberwort“ für ein gelingendes Zusammenleben, doch lässt sich Integration verordnen, fragte Dräxler in die Runde.

Seit 2005 gebe es ein Zuwanderungsgesetz, und auch die bayerische Staatsregierung habe vor kurzem ein bayerisches Integrationsgesetz auf den Weg gebracht. Doch spricht man von Integration, dann denken die meisten an Migranten und Ausländer. Aber viele mit sogenanntem Migrationshintergrund, die inzwischen 20, 30 Jahre und länger in Deutschland leben, sind beleidigt, wenn auch sie jetzt wieder mit der Integration konfrontiert werden. Die vor elf Jahren aus Peru nach Deutschland gekommene Carina Huamani arbeitet als Fremdsprachenkorrespondentin bei der VHS Olching.

Sie sieht das Erlernen der Sprache als das wichtigste Instrument zur Integration in einem fremden Land an. Die Sprache habe ihr die Türen geöffnet zur Bildung, zu Freunden und sogar zur Liebe. Eigentlich wollte sie wieder nach Peru zurück. Doch inzwischen hat sie geheiratet und zwei Kinder. Der in Dachau geborene Latif Sarac hat am Graf-Rasso-Gymnasium das Abitur abgelegt und studiert Elektrotechnik und als Zweitstudium Maschinenbau auf Lehramt. „Ich bin deutscher Staatsbürger mit Wurzeln in der Türkei“, sagte er. Der Hinweis gehöre dazu, denn ansonsten würde er seine Familie, seine Verwandten in der Türkei verleugnen.

Er besitze auch als einer der wenigen die doppelte Staatsbürgerschaft. Der Begriff des Volkes sei für ihn, wenn man sich mit dem Land, in dem man lebt, identifiziert. Das heiße aber nicht, seine Kultur oder seine Religion aufzugeben. Er wünsche sich ein Leben in einer toleranten Gesellschaft, in der Menschen anderer Religionen nicht benachteiligt werden. Die aus dem Mobuto-Kongo stammende Jean-Marie Sindani lebt seit 1988 in Deutschland, ist Politologin und Pädagogin und stellvertretende Vorsitzende der Frauen Union. Sie hat mit anderen Kongolesen einen Verein gegründet, um auf die Lage im Kongo aufmerksam zu machen und engagiert sich auch ehrenamtlich bei der Caritas im Fliegerhorst in der Flüchtlingshilfe. Den Satz der Bundeskanzlerin „Wir schaffen das!“ fasst sie als eine positive Botschaft, als Aufruf an die Bevölkerung auf, sich zu engagieren. Günter Eichinger macht seit 22 Jahren Jugendarbeit beim TSV West und ist seit 19 Jahren der Vorstand. Der Verein ist ein Vorbild an gelebter Integration.

„Bei mir kann jeder Fußball spielen“, sagte Eichinger, „ob er es kann oder nicht.“ Inzwischen tummeln sich 31 Nationen beim TSV West. Früher häufig auf den Sportplätzen im Landkreis unter der Gürtellinie beleidigt, setzte sich Eichinger zum Ziel, das seine Spieler, wenn sie irgendwo antreten, nicht mehr beleidigt werden. „Das habe ich geschafft, jetzt wird so schnell keiner mehr beleidigt.“ Die 20-jährige Zahnmedizin-Studentin Alaa Shahin aus Syrien, die mit der Familie nach Libyen geflüchtet war, musste nach 13 Jahren nach dem Tod ihres Vaters Libyen verlassen und kam nach Deutschland. Neun Monate verbrachte sie in der Erstaufnahmeeinrichtung am Fliegerhorst, arbeitet über den Bundesfreiwilligendienst (BFD) bei Lebensmittelmarkt Kaiser`s. In perfektem Deutsch schilderte sie, wie sie sich in der Unterkunft im Fliegerhorst ohne jegliche Privatsphäre gefühlt hat.

Seit 30 Jahren lebt Jose Ndombolozi in Bruck. Einen guten Start zu erwischen, das war damals nicht einfach, erzählte er, weil vor allem die deutschen Gesetze vieles nicht zuließen. So durfte er seinen Beruf als Lehrer nicht ausüben und schulte in einer Schlosserei um, denn er musste schließlich Geld verdienen. Auch er nannte das Erlernen der Sprache als Grundvoraussetzung, um in einem neuen Land schnell zurechtzukommen. Der aus Afghanistan stammende Jamal Farani lebt seit 30 Jahren in der Kreisstadt und betreibt in der Allianz-Arena einen Kiosk. Seine Kinder, die hier geboren sind, gehören sozusagen zur Bildungselite. Vier Jahre musste er in einem kleinen Dorf in Hessen auf die Entscheidung über seinen Asylantrag warten. Dann kam er nach Bruck und lernte im Krankenhaus Elektromonteur. Zur aktuellen Lage in Afghanistan verstehe er die Aussage von Innenminister de Maizière nicht, der Afghanistan als sicheres Land bezeichnet. Auch zeigte er Unverständnis darüber, dass die afghanischen Flüchtlinge in den Aufnahmelagern keine Sprachkurse besuchen dürfen. „Selbst wenn sie zurückgeschickt werden, sollte man ihnen die Chance geben, deutsch zu lernen. Kein Mensch verlässt seine Heimat freiwillig. Ich bin jetzt 33 Jahre in Bruck, fühle mich als Deutscher, dennoch habe ich Sehnsucht nach meiner Heimat.“

Zum Schluss der Gesprächsrunde meinte West-Präsident Günter Eichinger: „Ich würde mir wünschen, dass die Integration so klappt wie bei uns im Verein, beim TSV West“, was mit großen Beifall der Zuhörer bedacht wurde. Dieter Metzler

 

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