Wachmannschaft: Mobbing und Rassismus auf Schloss Neuschwanstein?

"Die Leute wurden eliminiert"

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Dicke Wolken über Schloss Neuschwanstein: Einzelne Wachleute sollen sich massiv daneben benommen haben.

Schwangau – Als wieder einmal der Geruch der nahen Toiletten im Stollen durch die offene Bürotür zog, platzte Wachmann Michael S. (Namen von der Redaktion geändert) offenbar der Kragen: „Nigger, mach die Tür zu!“, soll er dem dunkelhäutigen Mitarbeiter einer Reinigungsfirma hinterher gebrüllt haben, der wohl vergessen hatte die Tür hinter sich zu schließen.

S.s rassistische Entgleisung soll von den Besuchern im Eingangsbereich des Schlosses Neuschwanstein zu hören gewesen sein. Und es soll nicht das erste Mal gewesen sein, dass S. die Reinigungskraft in Gegenwart anderer als „Nigger“ bezeichnet haben soll.

Vorwürfe wie diese sind es, die den Füssener Landtagsabgeordneten Dr. Paul Wengert umtreiben. „Da kriege ich einen heiligen Zorn“, so Wengert. „Der Zauber dieses Schlosses darf nicht durch das Auftreten des Personals, des Wachpersonals oder Querelen beschädigt werden.“ Deshalb will der Sozialdemokrat jetzt eine Anfrage an die bayerische Staatsregierung zu diesen und anderen Vorkommnissen auf Schloss Neuschwanstein stellen.

Denn dass auf dem weltbekannten Märchenschloss im vergangenen Sommer einiges im Argen lag und zumindest fragwürdig ist, legen Aussagen und Dokumente nahe, die dem Kreisbote vorliegen. Im Mittelpunkt der Ereignisse steht die damals siebenköpfige Wachmannschaft des Schlosses, gestellt von einer bundesweit tätigen Sicherheitsfirma mit rund 3500 Mitarbeitern. Diese ist laut bayerischem Finanzministerium seit 2005 für den Nachtdienst auf dem Schloss zuständig, seit 2012 außerdem auch im Bereich des Einlassdienstes.

Chef der Truppe, der sogenannte Objektleiter und Ansprechpartner für die Leitung des Schlosses, war seit September 2014 der Österreicher Thorsten O., nach eigenen Angaben ein ehemaliger Angehöriger einer militärischen Spezialeinheit mit Auslandseinsatzerfahrung. Zum Team gehörten neben Michael S. außerdem noch fünf weitere Sicherheitsleute.

Das Verhältnis zwischen diesen fünf auf der einen sowie O. und S. auf der anderen Seite galt bereits vor dem Zwischenfall im Eingangsbereich als belastet. Im Laufe des vergangenen Sommers eskalierte die Situation auf dem Schloss dann. Irgendwann war ein Punkt erreicht, an dem es für die Fünf kein „weiter so“ gab. Außerdem, so behaupten sie, hätten sie wegen der Eskapaden der beiden Kollegen Angst um den guten Ruf ihres Arbeitgebers bekommen.

Am 24. Juli wandten sie sich deshalb mit einem Brandbrief an den Personalrat des Schlosses, in dem sie sich deutlich vom Verhalten ihrer beiden Vorgesetzten distanzierten. Außerdem beklagten sie in dem Schreiben, vor allem von O. unter Druck gesetzt zu werden: „Die Verhaltensweisen zweier Mitarbeiter wird immer fragwürdiger. Es werden Drohungen oder Sätze ausgesprochen, die einer Erpressung gleichkommen. Der Druck auf die eigenen Mitarbeiter wird künstlich erhöht, und solche, die sich über diese Zustände beschweren, werden als Unruhestifter dargestellt.“

So solle O. beispielsweise mehrfach zu seinen Kollegen gesagt haben: „Da oben ist Gott, dann komme ich und ganz da unten krabbelt Ihr, Ihr Maden.“ Die fünf waren sich sicher: „Diese beiden wollen hier mit Druck, Unterdrückung und Angst regieren.“

Martialisches Auftreten

 Außerdem soll O. während der Dienstzeit Schloss-Besucherinnen nach ihren Telefonnummern oder E-Mailadressen gefragt und sich weiblichen Bewerberinnen gegenüber unprofessionell verhalten haben. „Wir empfinden dies als sehr peinlich und unprofessionell“, heißt es dazu von den Wachmännern. Dass O. – der darüber hinaus damit geprahlt haben soll, im Dienst eine versteckte und verbotene Gasschusspistole dabei zu haben – im Winter auch mal martialisch mit Sturmhaube und Barett am Einlass des Schlosses stand, missfiel seinen Kollegen ebenfalls: „Dies ist nicht der Empfang, den man sich als Besucher eines weltberühmten Schlosses erhofft“, schrieben sie daraufhin.

Auf den Vorfall mit S. und dem farbigen Mitarbeiter der Reinigungsfirma gehen die Verfasser ebenfalls ein. „Wir wollen auf keinen Fall, dass wir mit einem solchen Verhalten in einen Topf geworfen werden“, schrieben sie dazu. Das Verhalten der beiden anderen bezeichneten sie angesichts der zahllosen ausländischen Besucher des Schlosses als „höchst beschämend“.

Peinliche Betroffenheit

 Der Personalrat reagierte auf das Schreiben prompt. Bereits am 28. Juli antwortete er mit einem mehrseitigen Schreiben. Tenor: Auch den Mitarbeitern des Schlosses sei das Verhalten der beiden Wachleute bereits negativ aufgefallen. Besucher hätten sich schon mehrfach über das Auftreten und Verhalten der beiden beschwert, was die Mitarbeiter wiederholt in Erklärungsnot gebracht habe. „Uns ist dies sehr peinlich“, schreibt der Personalrat. Kollegen würden nur sehr ungern mit den beiden zusammen arbeiten und hätten bereits die Befürchtung geäußert, dass die Firma wegen des Verhaltens der beiden den Auftrag für das Schloss entzogen bekommen könnte.

Verwundert zeigte sich der Personalrat auch darüber, dass O. seinen Wachleuten angeblich den Kontakt zu den Schlossführern verboten haben soll, da diese „link“ seien. „Das empfinden wir als eine höchst ungewöhnliche und ungerechtfertigte Anweisung.“

Auf S.`s Ausraster gegenüber der dunkelhäutigen Reinigungskraft reagierte die Personalratsvorsitzende „besonders entsetzt“. „Schon mehrfach kam uns zu Ohren, dass Herr S. ausländerfeindliche Tendenzen an den Tag legen würde“, schreibt sie. „So darf es keinesfalls weitergehen.“

In Südturm uriniert?

 Außerdem wirft der Personalrat O. und S. vor, eine Gruppe Betrunkener ins Schloss und den Schlossführer ab dem Sängersaal mit der Gruppe allein gelassen zu haben. Einer der Betrunkenen soll später in den Südturm uriniert haben. Nachdem auch der Amtsvorstand des Schlosses und die zuständigen Niederlassungsleiter des Unternehmens über das Schreiben informiert wurden, kam es am Abend des 5. August auf dem Schloss zu einem Personalgespräch.

An diesem nahmen zunächst die fünf Wachleute sowie der zuständige Niederlassungsleiter, später dann auch die beiden Beschuldigten teil. Die fünf Mitarbeiter bekräftigten im Laufe des Abends die Vorwürfe im Wesentlichen, während O. und S. diese zumindest teilweise einräumten und sich auch zum Teil entschuldigten.

Firma handelt

Wer nun glaubt, dass damit auf dem Schloss Ruhe einkehrte, sieht sich getäuscht.

Zwar wurde S. kurz darauf entlassen und O. der Titel des Objektleiters aberkannt, wie Paul Wengert auf eine erste Anfrage Ende vergangenen Jahres vom bayerischen Finanzministerium – dem die bayerische Schlösserverwaltung und damit auch Schloss Neuschwanstein unterstellt sind – erfuhr.

Doch auch von den fünf Wachleuten, die im vergangenen Juli den Brief unterzeichneten, soll nach Informationen des Kreisbote nur noch einer für wenige Tage im Monat auf dem Schloss Dienst verrichten. Zwei andere sollen dagegen kurz darauf vom Schloss wegversetzt worden sein. Einem von ihnen wurde gekündigt, der Ende des vergangenen Jahres ausgelaufene Vertrag des anderen soll nicht verlängert worden sein. Ein weiterer ging wohl freiwillig und ein anderer soll nur noch den Bauhof des Schlosses kontrollieren dürfen, nicht aber auf dem Schloss selbst.

„Die Leute wurden eliminiert“, behauptet ein mit den Vorgängen Vertrauter.

Sollten tatsächlich unbequeme Mitarbeiter vom Schloss ferngehalten werden, um den für die Sicherheitsfirma prestigeträchtigen Auftrag nicht zu gefährden?

Auf Anfrage des Kreisbote wollte sich das Unternehmen unter Verweis auf Betriebsinterna zu Personalfragen genauso wenig äußern wie zu den übrigen Fragen zu den Vorfällen. Schriftlich teilte die zuständige Niederlassung lediglich mit: „Sämtliche Vorfälle wurden von uns seinerzeit nahtlos aufgeklärt und entsprechend gelöst.“

Warum aber darf Thorsten O. dann weiter auf dem Schloss arbeiten?

Eine mögliche Antwort liefert das Schreiben des Personalrats vom 28. Juli. Darin wundert sich dieser darüber, dass sich O. gegenüber der Schloss-Leitung sehr gut zu verkaufen versuche.

Hat die Sicherheitsfirma kritische Mitarbeiter fallen gelassen, um die Schloss-Leitung nicht zu verärgern?

Das Unternehmen bestreitet auf Anfrage Einflussnahme der Schlossverwaltung auf Personalentscheidungen. Die Pressestelle der bayerischen Schlösserverwaltung ließ eine konkrete Frage des Kreisbote dazu unbeantwortet. Ansonsten wiederholt sie die schon Ende vergangenen Jahres getätigten Aussagen gegenüber Paul Wengert oder verweist an die Sicherheitsfirma. Demnach sei alles aufgeklärt und in bester Ordnung.

Wengert reicht das jedoch nicht. Dass O. immer noch auf dem Schloss arbeite, die Unterzeichner des Briefs dagegen nicht mehr „ist mir völlig unverständlich“, sagte er. „Das hat mich sehr gewundert.“ Die Hintergründe dieser Entscheidungen und weitere Fragen zu Sicherheitsvorkehrungen und Sanierungsmaßnahmen auf dem Schloss will Abgeordneter Wengert nun in einer weiteren Anfrage an die bayerische Staatsregierung geklärt wissen. Schloss Neuschwanstein sei ein weltweit bekanntes Aushängeschild. „Da muss ein besonderes Augenmerk drauf gelegt werden. Mein Eindruck ist aber, dass das nicht der Fall ist.“

Matthias Matz

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