Serie: Füssen und seine Historie

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Auf der Nordseite des Hohen Schlosses befinden sich die bischöflichen Zimmer. Dort wurden vor allem 1799 und 1800 zahllose verwundete Soldaten untergebracht.

Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Altstadt zu einem historischen Kleinod. Heute berichtet Architekt und Historiker Magnus Peresson über die Geschichte des Venetianerwinkels.

Lange bevor hier ein neues Stadtviertel entstand, hatte sich schon für das einst weit von den Mauern der Stadt entfernt gelegene, stark versumpfte und wenig ertragreiche Gelände zwischen Ziegelberg, Oblisberg und Hinterem Galgenbichl der Namen „Venetianerwinkel“ eingebürgert. Von alters her durchzog diesen Bereich ein zum Stieranger und weiter bis nach Maria Hilf führender Feldweg, seit dem Jahre 1889 begleiteten ihn die Geleise der Bahnlinie. Zur Versorgung der kurz vor dem 2. Weltkrieg erbauten Kaserne an der Kemptener Straße wurde hier ein umfangreiches Depot mit Baracken, Raufutterscheunen für die Mulis der Gebirgsjäger und einem eigenen Gleiseanschluss angelegt.

Die vermutlich erste Nachricht über diesen Bereich verdanken wir den Aufzeichnungen des Füssener Färbermeisters Hans Feigele und denjenigen des Stadtpfarrers Matthäus Schalk. Die beiden Chronisten beschrieben die kriegerischen Ereignisse des Jahres 1632, als kaiserliche und schwedische Truppen mit großer Erbitterung um den Besitz Füssens kämpften. So vermerkte Hans Feigele in seinem Hausaufschreibebuch für den 27. Juli 1632, dass 800 kaiserliche und 400 schwedische Soldaten gefallen waren: „…man gruebs gleich iberal ein im feld hin und wider am negst und besten ordt….viel gleich in lech worffen…in der Stat waß ist er schossen worden hat man auff die wegen geladen wie brigel holz und fir die Stat nauss gefirth und ein graben wo man kindh“. Der besser als Feigele informierte Stadtpfarrer präzisierte diese Angaben: „Die Todte schwedische ligen am Ziegelberg in einem Moos“. Offensichtlich entledigte man sich der 1200 Gefallenen völlig emotionslos und ohne jegliches kirchliche Ritual. Obwohl man auf Grund erlittener Grausamkeiten zwischen Freund und Feind nicht mehr unterscheiden konnte, überrascht es doch, dass man die gefallenen Schweden zusammen in dem Moor hinter dem Ziegelberg bestattete.

Unerträgliches Grauen 

Der Name „Venetianerwinkel“ geht allerdings auf ein jüngeres Kapitel Füssener Geschichte zurück – auf die Ereignisse der Jahre 1799 und 1800. Im 2. Koalitionskrieg hatte die k. k. Heeresleitung Füssen zum Feldhauptspital Nr. 2 (neben Feldkirch und Laufen) erklärt. Als Lazarett genutzt wurden neben dem Hohen Schloss das Rathaus und der Salzstadel. Nach der Schlacht zwischen Österreichern und Franzosen vom 25. März 1799 bei Stockach im Hinterland von Überlingen am Bodensee wurden die Verwundeten den mehr als 150 Kilometer langen Weg nach Füssen gekarrt. Der Chronist bemerkte, dass der erste Transport Verwundeter am Ostertag Füssen erreichte und dass schon auf dem dritten Wagen ein toter Husar lag. Das aus den Wagen rinnende Blut zog eine Spur durch die Straßen.

Am 2. Mai schon lagen tausend Verwundete in der Stadt, im Winter 1799/1800 stieg die Zahl auf 1500 an. Die Wohnräume des Fürstbischofs von Augsburg, der Rittersaal und die Stuben des Storchenturmes waren über und über mit Sterbenden belegt, Verwundete mit übel riechenden Wunden wurden in die eisigen Dachböden geschafft. Der Gestank der an Wundfieber leidenden Männer war unerträglich. Bürgermeister Joseph Benedikt Schmid, in dessen Amtsstube die Frauen der Verwundeten und des Pflegepersonals vorsprachen, schrieb, dass er, um den an den Kleidern der Frauen haftende Gestank aus seinem Amtszimmer zu vertreiben, dieses ausräuchern lassen musste.

Ein Stab von Ärzten, Chirurgen und Krankenwärtern war für die Betreuung zuständig und es musste eifrig operiert werden. Obwohl die Amputationen zur reinen Routine verkommen waren, führten sie meist zum Tod des Betroffenen. Im Regelfall wurden die Amputate zwar in den Massengräbern niedergelegt, doch scheute man sich nicht, zwanzig Arme und Beine in das Verlies des Fallturmes zu werfen. Da die Räume des Schlosses nur bedingt oder nicht beheizbar waren, erfroren nicht nur die auf den Dachböden liegenden Männer.

Betrunkene Totengräber 

Da der Friedhof bei St. Sebastian nur für die Bedürfnisse der Stadt, d.h. an der Zahl der Bürger, ausgelegt war und damit keinen Platz für die zahlreichen fremden Toten bot, legte man einen Sonderfriedhof an, der nur durch die Stadtmauer und einem Steilhang vom Friedhof getrennt war und der deshalb noch als „geweihte Erde“ gelten konnte. Es waren 623 Soldaten, die hier in Massengräbern beigesetzt wurden. Die beiden Totengräber, die die teilweise entsetzlich zugerichteten Leichen unter die Erde bringen mussten, erledigten ihr Handwerk nur im angetrunkenen Zustand. Um Platz in Gruben zu sparen, entkleideten sie die Leichen, warfen sie in die Gruben und trampelten oft genug auf ihnen herum. Der meist grauenhafte Zustand der Leichen konnte niemandem in der Stadt verborgen bleiben und so kam es, dass die Füssener den Ort der Massengräber bald als „Blutanger“ bezeichneten.

Erinnerungen verblassen 

Als für weitere Gräber der Raum nicht mehr reichte, weihte man „hinter dem Ziegelberg“ einen weiteren Sonderfriedhof ein, genau dort, wo schon 170 Jahre vorher fremdes Kriegsvolk verscharrt worden war. Da sich für diesen Platz der Name Venetianerwinkel einbürgerte, darf unterstellt werden, dass es überwiegend Venezianer waren, die hier bestattet wurden oder aber Männer aus dem von Venedig beherrschten Veneto. Die k. k. Armee dieser Zeit setzte sich ja nicht nur aus Angehörigen der sogenannten Kronländer zusammen, in ihr dienten auch Männer aus Venetien, das damals unter der Herrschaft der Donaumonarchie stand. Ein Zeugnis für die Anwesenheit von Italienern im Hohen Schloss existierte noch vor weniger als 50 Jahren, bis zu der Behandlung des Dachwerkes über dem Nordflügel gegen Wurmbefall. Da konnte man am Gespärre eine Reihe von mit Kreide geschriebener, italienischer Worte lesen, etwa das mit großen Buchstaben geschriebene „amicos“.

Zur Erinnerung an die hier ruhenden Venezianer errichteten die Füssener am Rand des Sonderfriedhofs, dort, wo der Steilhang des Ziegelberges in sumpfiges Geländes überging, ein einfaches Holzkreuz. Dieses Kreuz wurde bei der Vermessung des Stadtgebietes im Jahre 1816 von den Topographen registriert und 1820 in das auf dem bairischen Fuß beruhende Kartenwerk aufgenommen. Hundert Jahre nach seiner Errichtung war das Kreuz verschwunden. Ein Anonymus erinnerte sich der Angelegenheit und stellte im Jahre 1904 an der Stelle ein neues Kreuz auf. Obwohl auch dieses gegen Ende des 2. Weltkrieges verschwand, wussten die wenigen Bewohner des Venetianerwinkels noch um die Lage der Gräber. Wieder ein halbes Jahrhundert später war die Erinnerung daran erloschen.

Die Suche nach dem konkreten Ort konnte nur unter Auswertung der Karte von 1820 und der Übertragung der bairischen Spannmaße in das metrische System gelingen. Als die Besitzer des fraglichen Grundstücks mit dem Ergebnis der Untersuchung konfrontiert wurden, wussten sie sofort: „Da steht unsere Eibe“. Der Unbekannte hatte also nicht nur ein Kreuz aufgestellt, sondern dazu auch eine Eibe, wohl wissend, dass dieser wertvolle, langsam wachsende, langlebige Baum das Kreuz überdauern würde. Die Eibe aber grünt noch immer und, bei entsprechender Pflege, sicher noch viele weitere Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Vielleicht aber finden sich in unserer Zeit Bürger, die bereit sind, diesen besonderen Ort vor dem Vergessen zu bewahren und an ihm ein neues Zeichen der Erinnerung setzen. Denn welche Stadt außerhalb Italiens könnte von sich behaupten, einen venezianischen Friedhof zu besitzen?

Magnus Peresson

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