171. Geburtstag: Erinnerungen an König Ludwig II.

Serie: Füssen und seine Historie

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Die bayerische Königin Marie (Mitte) gratuliert einem Ehepaar zur Goldenen Hochzeit. Mit dabei sind ihr Bruder Prinzen Adalbert von Preußen (hinter der Königin) und ihre Söhne Ludwig (links hinter der Königin im Anzug) und Otto (links neben der Königin mit Hut).

Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. In einer Serie stellt der Kreisbote Orte und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Zum heutigen 171. Geburtstag von König Ludwig II. berichtet er über Erinnerungen an den Märchenkönig.

Es war Ende August 1864. Ein Student, der seine Ferien bei Verwandten in Füssen verbrachte, unternahm eine Wanderung nach Hohenschwangau um das damals sogenannte „Schloss Hohenschwangau zum Schwanstein“ zu besichtigen. König Maximilian II. hatte es von Anfang an so gehalten, dass man das Schloss besuchen durfte, wenn er selbst nicht dort residierte. Seit dem Jahre 1837 gab es sogar einen kleinen gedruckten Schlossführer.

Der junge Mann marschierte also nach Hohenschwangau, erreichte den Schlosshof, fand aber niemanden, der ihm den Zugang zu den Räumen ermöglicht hätte. Er wollte eben den Hof verlassen, als ihm ein Bursche entgegen kam, in einen Janker gekleidet, einen Tirolerhut auf dem Kopf und einen Fisch in den Händen. Der Kerl war in etwa seinem Alter und er fragte ihn, ob es möglich wäre, das Schloss zu besichtigen. Wenn der König im Schloss ist, sei es nicht möglich, antwortete der junge Mann. Da aber der König gerade nicht da sei, könne er, wenn er es denn wünsche, ihn gerne durch die Räume führen. Der Student stimmte hocherfreut zu, der Bursche ließ den Fisch in den Marienbrunnen gleiten und begann mit der Führung.

Es wurden in Ruhe alle Räume besichtigt, die bunten Bilder erklärt und das Personal, das sich vereinzelt zeigte, grüßte höflich. Als Führer und Student nach ihrem Rundgang am Eingang standen meinte der Gast, dass es eigentlich schade sei, dass der König nicht da war. Da sagte der Führer mit einem Schmunzeln, dass der König schon im Schloss gewesen sei, als sie beide auch drinnen waren. „Ja, aber warum haben wir ihn nicht gesehen“, fragte der Student. „Sie haben ihn gesehen. Ich bin der König“.

Die Geschichte stand wenige Tage später in den „Augsburger Neusten Nachrichten“, im „Füssener Blatt“ konnte man sie am 7. September nachlesen. Der Student verriet auch, dass ihn sein Führer, der junge König, nicht entlassen habe, ohne ihm einen Geldschein in die Hand zu drücken.

König verschenkt Uhr

Es gibt ähnliche Geschichten zur Genüge. Ihr Reiz liegt darin, dass diejenigen, die mit dem stets in Zivil gekleideten Monarchen zusammen trafen ihn nicht als ihren König erkannt hatten. Zu diesen Geschichten zählt auch die Begegnung mit einem Bauernbuben in der Nähe von Graswang. Dem begegnet irgendwo auf einer Viehweide ein fein gekleideter Herr. Der Bub fragt ihn: „Konnsch du mir it sage wie spät’s isch?“ („Kannst du mir nicht sagen, wie spät es ist?”) – „Ja hast du denn keine Uhr?“ – „Ja woher sollt i a Uhr hobe?“ („Woher soll ich eine Uhr haben?”)– „Warum willst du denn wissen wie spät es ist?“ – „Wosch, i mueß d’ Kieh zum Melke treibe. Aber i woaß it wenn!“ („Weißt du, ich muss die Kühe zum Melken treiben. Aber ich weiß nicht wann!”) Der Fremde verriet dem Buben die Zeit und fragte, bevor sie auseinander gingen, von welchem Hof er denn stamme.

Einige Tage später erschien dort ein Diener seiner Majestät des Königs von Bayern, um dem Buben eine Taschenuhr zu überreichen. „Damit er künftig selbst wisse, wenn es an der Zeit wäre, die Kühe in den Stall zu treiben“.

Lilien für den Schuster

Eine amüsante Geschichte hat sich vermutlich in Trauchgau ereignet. Bei seinen Ausfahrten war dem König ein Mann, ein Schuhmacher, aufgefallen, der, so oft er vorbeifuhr, sich in seinem Garten an weißen Lilien zu schaffen machte. Eines Tages ließ der König die Kutsche vor dem Ort anhalten.

Zu Fuß schlenderte er bis zum Liliengarten und wieder bemühte sich der Mann mit kummervollem Gesicht um seine Blumen. „Meister“, sagte der Fremde, „sie haben gewiss kein rechtes Glück mit ihren Lilien“. – „Nein, ich habe nun schon fünf Jahre lang weder Arbeit noch Ausgaben gescheut, um reine weiße Lilien zu ziehen, aber immer liegt ein grüner Schatten darüber. Könnte ich nur einmal in den Garten des Königs kommen – dort sollen so schöne Lilien wachsen…“ - „Ihr werdet doch euren König nicht bestehlen wollen?“ – „Wo denkt ihr hin, guter Mann! Ich würde so etwas im Leben nicht tun! Aber einmal, nur einmal sie sehen, das tät ich schon wollen“.

Der Fremde sagte darauf hin, dass sich da schon etwas machen ließe. Er kenne nämlich den Hofgärtner und werde bei diesem ein gutes Wort für ihn einlegen. „Also wenn ihr das tun wolltet, dann würde ich euch ein Paar Stiefel machen – ohne Bezahlung“. Der Fremde nickte und ging seines Wegs. Schon am nächsten Morgen erschien ein Diener und übergab dem Schuhmacher einen großen Strauß der reinsten Lilien aus dem Garten des Königs.

Ein Tanz mit den Prinzen

Eine denkwürdige Begebenheit, die es wert ist sie vor dem Vergessen zu bewahren ist für das Jahr 1863 bezeugt. In der Hamburger Illustrierten Zeitung „Über Land und Meer“ wurde unter der Überschrift „Eine goldene Hochzeit im bayerischen Hochgebirge“ ausführlich darüber berichtet und sogar mit einem Stahlstich illustriert (siehe Bild).

Demnach war der Trauchgauer Wegmacher Michael Kögl (Hausname „Metzger“) während seiner Arbeit an der Landstraße mit der bayerische Königin Marie zusammen getroffen. Dreist hatte er dabei die hohe Frau nicht nur zu seiner Goldenen Hochzeit eingeladen, sondern sie auch gleich um eine kleine Spende zur Begleichung der Unkosten gebeten. Die Königin nahm die Einladung gerne an und erschien am Festtag, dem 12. Oktober 1863, in Begleitung ihrer Söhne Ludwig und Otto, ihres Bruders, des Prinzen Adalbert von Preußen und ihres Hofstaates.

Obwohl man für die feinen Gäste in der „Post“ eigens im Separatzimmer aufgedeckt hatte, bestand die Königin darauf, mit ihrer Begleitung bei den Gästen in der Wirtstube zu bleiben. Königin Marie nahm zwischen den betagten Hochzeitern Platz. Nach dem Essen absolvierte das Jubelpaar den Ehrentanz und eröffnete damit eine „Redoute“: „Sämtliche Prinzen und das fürstliche Gefolge mischten sich unter die Reihen der Tanzenden und drehten sich mit den ländlichen Gästen taktfest im Ländler, zu dem die Trompeten schmetterten, die Klarinetten quiekten und der Bass brummte, dass es gar lustig zu hören war“, ist in der Zeitung zu lesen. 

Dem Kronprinzen Ludwig hatte es besonders die attraktive Hirschwirtin Wilhelmine Pfeiffer angetan. Gerade einmal fünf Monate später war der Kronprinz nicht mehr Kronprinz, sondern bayerischer König und manches Trauchgauer Bauernmädchen konnte mit gutem Recht zu einem Verehrer sagen: „I, mei Lieber - i hob mit’m Kenig danzt.“ („Ich, mein Lieber, ich habe mit dem König getanzt.”)

Die Füssener Schwestern Barbara und Gabriele Kottermair können diese Geschichte mit einer Episode aus der Biographie ihrer Urgroßmutter Barbara Pfeiffer von der Schlögelmühle anreichern. Die zwölfjährige Barbara war nicht nur Gast bei dieser Feier. Sie wurde von dem damals 15-jährigen Prinzen Otto zum Tanz aufgefordert. Die schüchterne Barbara gab dem Prinzen mit dem Hinweis einen Korb, dass sie nicht tanzen könne, ihre Freundin hingegen schon. Otto nahm also mit der Freundin vorlieb, tanzte mit ihr, ließ sie aber schon während der zweiten Runde auf dem Tanzboden stehen. Er habe sich dann auf einen Tisch gesetzt und lustlos, mit schlenkernden Beinen dem allgemeinen Gehopse zugesehen. Noch Jahrzehnte später sinnierte Uroma Barbara darüber, ob der Prinz mit ihr wohl das gleiche wie gemacht hätte.

Ein Herz für Tiroler

Eine aberwitzige Geschichte hatte sich vermutlich in den späten 70er Jahren in Tirol ereignet. Der König kam von einer seiner nächtlichen Ausfahrten um 3.30 Uhr an den Kniepass, als er auf dem Weg drei Männer aus Pinswang oder Pflach beladen mit Sabi und Säge, Äxten und Beilen sah. Er ließ die Kutsche anhalten und stieg aus. Da ging es los: „Guatn Morgn, Kenig vo Boarn, bischt o schun auf dr Heach?“ („Guten Morgen, König von Bayern, bist du schon auf der Höhe?”) Darauf der König: „Grüß euch Gott, wohin schon so früh?“ – „Woasch wohl, in d’Berg, Holzarbatn, woasch, so schean ham mir’s it wie du.“ („Weißt du wohl, in die Berge. Weißt du, so schön wie du haben wirs nicht.”)– Der König: „Jeder Stand hat seine Plage“ - und zum Kutscher: „Gib ihnen dreihundert Mark, sie sollen auch was von mir haben.“ Darauf die Tiroler: „Herr vergelt’s Gott, Herr, hosch halt a guets Herz fir uns arme Teifln. Sollsch leben bis in d’ Ewigkeit und no drei Johr driber naus.“ („Vielen Dank, Herr, du hast halt ein gutes Herz für uns arme Teufel. Du sollst bis in die Ewigkeit leben und noch drei Jahre darüber hinaus.”)

Diese ohne Ausnahme authentischen Episoden und auch die vielen anderen, oft nur mündlich weiter gegebenen Geschichten vermitteln ein Bild des bayerischen Königs, das sich von der Kunstfigur der Biographen diametral unterscheidet: Hier, der menschenscheue, finstere Einzelgänger und dort der liebenswürdige, warmherzige Monarch, dem Zeit seines Lebens großzügiges Schenken als edelste Pflicht eines wahrhaften Königs erschien.

Magnus Peresson

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