Serie: Füssen und seine Historie

Carl Spitzweg und das Bleichertor

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1838 malte Spitzweg die Szene in Ölfarben. Während die Skizze verschwunden ist, befindet sich dieses Bild in Privatbesitz.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Füssener Altstadt zu einem historischen Kleinod . In seiner Serie stellt der Kreisbote historische Orte und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute berichtet er über Carl Spitzweg und das Bleichertor.

1829 hatte der damals 18-jährige bayerische Kronprinz Maximilian bei einer Wanderung das ruinöse Burgschloss Schwanstein in Hohenschwangau entdeckt, sich in das Schloss verliebt und es nach zähen, jahrelangen Verhandlungen mit dem Besitzer 1832 gekauft. Im gleichen Jahr setzten Sanierungsmaßnamen ein, die der ehemalige Zeichenlehrer Maximilians, Domenico Quaglio, ein Maler, leitete. Quaglio war schon Jahre vorher in Füssen gewesen und die denkwürdigen Bauten der Stadt und seiner Umgebung in stimmungsvollen, ganz der Romantik verpflichteten Lithographien festgehalten.

Die Ausmalung der Schlossräume führte nun ganze Scharen von Künstlern nach Hohenschwangau, das damals ein stiller, gottvergessener Ort gewesen ist. Da es nicht leicht oder gar unmöglich war, vor Ort ein Quartier zu finden, wird das bunte Volk der Künstler in Füssen gewohnt haben. Das romantische Ambiente Füssens wurde damals „entdeckt“. Es sprach sich bald im Lande herum, wie außergewöhnlich schön sich die Berge über der Landschaft aufbauten und wie altertümlich die kleine Stadt wäre, geradezu ein Abbild des mittelalterlichen Deutschland.

In der Schar der Künstler, die am Schlossbau tätig waren, spielte der aus Hamburg stammende Maler Christian Hansonn zwar nur eine bescheidene Rolle, er aber war es, der im Herbst 1837 einen Freund nach Hohenschwangau lockte, den jungen Apotheker Carl Spitzweg aus München. Der hatte gerade den erlernten Beruf an den Nagel gehängt, um sich ganz der Malerei zu widmen.

Aus dem Atelier hinaus 

Er und seine Freunde hatten sich von der überkommenen akademischen Ausbildung verabschiedet, die Ateliers verlassen und waren hinaus in die Landschaft gezogen. Dort wurde Gesehenes und Erlebtes schnell mit Bleistift und Aquarellfarben auf das Blatt geworfen, um es später in Öl umzusetzen, das alles aber – im Gegensatz zur fahlen Ateliermalerei – in kräftigen Farben. Die Kunst Carl Spitzwegs unterschied sich aber dennoch von der seiner Freunde: Er verstand es meisterhaft, diverse Skizzen, die alle möglichen Inhalte aufwiesen, Landschaft, Architektur und Menschen zu kostbaren Kompositionen zusammenzuführen.

Am Beginn seines Schaffens, das mit seinem Besuch 1837 in Hohenschwangau zusammenfällt, steht der „Arme Poet“. Als Apotheker, der es gewohnt war mit kleinen, wenn nicht winzigen Mengen zu hantieren, wusste Spitzweg nur zu genau, dass man auch mit Kleinem Großes erreichen, mit minimalem Einsatz beachtliche Wirkungen erzielen kann. Diese Erkenntnis verschränkte sich mit Spitzwegs Leidenschaft für gute Zigarren: Böden und Deckel der Zigarrenkistchen bildeten den Malgrund. Deshalb entstanden auch meist nur kleine Bildformate.

Von Hohenschwangau aus besuchte Spitzweg auch Füssen. Man wird in der Annahme nicht fehl gehen, wenn man sein Quartier in der „Alten Post“ vermutet. Denn vor dem Rückgebäude der Post erschien ihm der städtische Brunnen malerisch genug, um gezeichnet zu werden: Eine Frau schöpft Wasser, im Hintergrund ist das Hiltensberger’sche Haus an der Hinteren Gasse und die Rückgebäude der „Alten Post“ zu sehen. Obwohl die Literatur über Spitzweg fast unüberschaubare Ausmaße angenommen hat, überrascht es doch, dass sein wenigstens zehn Tage dauernder Aufenthalt in Füssen ohne jegliche Resonanz geblieben ist. Dies ist umso erstaunlicher, als dass genügend signierte, datierte und mit Kommentaren versehene Blätter existieren, die in verschiedenen Werken publiziert wurden.

Eine erdachte Szene 

Am 10. September 1837 zeichnete Spitzweg eine zerzauste Fichte „bey der Gypsmühl“ in Hohenschwangau. Am 15. September entstand eine zarte Aquarellskizze am westlichen Schwanseeufer mit den Konturen der von hier aus sichtbaren Berge. Am 20. September zeichnete er das stolze Augsburger Tor. Eine am 12. September datierte Bleistiftzeichnung zeigt Spitzwegs Malerfreund Eduard Schleich am Boden sitzend beim Anfertigen einer Bleistiftzeichnung, daneben ein zusammengerolltes „Parablui“ und ein Ranzen. Auf seinem Rundgang durch die Stadt kam der Maler auch zum Bleichertor. Er erkannte die Einmaligkeit des Ortes auf den ersten Blick und hielt den Turm mit schnellem Pinsel fest. Da es vormittags war, warf ein neben dem Torbogen stehender Strauch einen Schatten dergestalt, dass der Eindruck entstand, das Tor habe nicht einen Spitzbogen sondern zwei.

Die Farben waren noch nicht trocken, als Spitzweg möglicherweise einer jener Geistesblitze hatte, die seine Bilder, sein ganzes Schaffen so unverwechselbar machten. Doch jetzt wird die Phantasie des Betrachters gefordert. Könnte es nicht so gewesen sein, dass...? Abends, als er nach dem Essen noch bei einem Glas Rotwein in der Wirtsstube sitzt, eine Zigarre rauchend und ihren blauen Schwaden nachschauend, zieht er noch einmal das Aquarell aus der Mappe. Und auf einem Blatt daneben setzt er mit sicherer Hand seinen Geistesblitz um.

Das Tor gerät nur noch zur Kulisse einer Vision… Quer vor dem Tor ist jetzt eine Wäscheleine gespannt. Unter dem Schatten werfenden Busch steht eine Frau über ein hölzernes Schaff gebeugt. Sie ist dabei, mit ihrer Tochter die Wäsche der Familie zu waschen. Die Tochter hat ein großes Laken an der einen Seite schon mit einer „Kluppe“ festgeklammert, als sie selbst umklammert wird. Einer ihrer Verehrer, der frechste, hat sie um den Leib gefasst, um ihr einen Kuss auf den Nacken zu drücken. Das Vorhaben aber gelingt nicht mit dem gewünschten Erfolg, weil die breite Krempe des Zylinders, den der Stenz am Werktag trägt, die notwendige Annäherung an das Mädchen verhindert. Die aber will das ihr zugedachte Geschenk nur allzu gerne entgegen nehmen: sie beugt den Kopf nach vorne und versucht gleichzeitig, mit der rechten Hand das Laken an der Leine zu halten –die Mutter braucht ja nichts zu sehen.

Und wie das Mädchen mit der linken Hand in der Schurztasche nach einer Kluppe wühlt, aber gar nicht fündig werden will, damit sich der Bursche noch ein wenig mit ihrem Nacken beschäftigen kann, wird die Mutter von dem Klappern der Wäscheklammern aufgeschreckt. Und sie sieht unter dem Laken die Füße ihrer Tochter und dahinter noch einmal Schuhe, Männerschuhe, und über der Leine einen Zylinder. Und genau in diesem Moment spitzelt die Sonne durch ein Wolkenloch über dem Hohen Schloss und wirft den Schatten der Beiden auf das Bett-Tuch…… So könnte es gewesen sein.

Von der Skizze zum Ölbild 

Spitzweg kehrte nach München zurück und irgendwann in den kommenden Wochen setzte er die Zeichnung in ein leuchtendes Ölbild um. Akribisch übernahm er alle Einzelheiten. Mit fotografischer Genauigkeit zeigte er, wie silberne Tropfen aus dem nassen Strumpfpaar fallen. Das Licht kommt von links, von Westen, und das Laken reflektierte es und beleuchtet die Turmfassade von unten. Der Volksmund wusste es schon immer: „Die Sonne bringt es an den Tag“, und der Schatten der Beiden verrät ihre heimliche Liebe. Einer der größten Maler der Romantik hat mit seinen „Nichts ist so fein gesponnen“ oder „Die Sonne bringt es an den Tag“ – Bildern die romantische Seele Füssens in ganz besonderer Weise geadelt.

Magnus Peresson

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