Serie: Füssen und seine Historie

Der heilige Magnus und sein verschollenes Grab

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Der Abt von St. Mang (rechts) und der Bischof von Augsburg (links) heben auf diesem Bild den unversehrten Körper des Heiligen Magnus aus seinem Grab. 

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Füssener Altstadt zu einem historischen Kleinod. Der Kreisbote stellt historische Orte und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Jetzt berichtet er über den heilige Magnus und sein verschollenes Grab

Nach der fast 600 Jahre dauernden, römischen Tradition, die für den alpinen Raum mit dem Tod Theoderichs des Großen um das Jahr 530 abbrach, gilt der heilige Magnus als die große Gestalt am Beginn der Füssener Geschichte. Der Legende zufolge – und Legenden sind keine Geschichtsbücher sondern Literatur, die zur Erbauung des Lesers dienen sollten – kam der später als Magnus Genannte im Auftrag des Bischofs nach Füssen. Auf dem Weg dorthin tötete er einen Drachen, er baute in Waltenhofen eine Kapelle, trieb in Füssen Wassergeister und Luftdämonen in den Lech und er baute eine kleine Kapelle. Bei der Besteigung des Säulings zeigte ihm ein Bär eine Erzader, die er künftig mit Hilfe und zum Wohl der Füssener abbauen ließ.

Als Magnus nach Füssen kam, dies erwähnt die Legende ausdrücklich, war er noch nicht zum Priester geweiht und er konnte deshalb bis zur Priesterweihe, die später in Kempten erfolgt sein soll, nicht als klassischer Missionar gelten. Nach seinem Tod wurde er in Füssen bestattet. Seine Gründung wurde zerstört, worauf Kaiser Karl die Übeltäter bestrafte und ein Kloster erbauen ließ. Nach der Fertigstellung der Klosterkirche wurde nach dreitägigem Fasten und Beten und mit der Erlaubnis einer Bischofskonferenz das Grab des Magnus gesucht, gefunden und geöffnet. Der unversehrte Leichnam, ein Indiz für die Heiligkeit des Toten, wurde in der neuen Kirche feierlich beigesetzt. Soweit die Legende.

Johann Jakob Herkommer und Franz Georg Hermann haben sie in zahlreichen bewegten Wand- und Deckenfresken in St. Mang festgehalten. Am dürren Gerüst der Geschichte bleibt davon allerdings nur wenig hängen, nur soviel: Magnus kam zu einer Zeit, um das Jahr 750 nach Füssen, als die Christianisierung Bayerns schon seit einem halben Jahrhundert abgeschlossen war und vor Ort mit Sicherheit schon die dem heiligen Stephanus gewidmete Pfarrei existierte. Anders als in der Legende, wo von einem wilden Land berichtet wird, in dessen Wäldern Wölfe, Bären und Drachen hausten, lag Füssen in Wahrheit an einer stark frequentierten, antiken Straße, der Via Claudia Augusta. Für die Bischöfe von Augsburg war sie von größter Bedeutung, da sie die Verbindung zum Stuhl Petri herstellte. Mit welchem Auftrag Magnus nach Füssen geschickt wurde, lässt durchaus Raum für Vermutungen zu.

Sichere Quartiere schaffen

Was bleibt? Der Tod des heiligen Magnus an einem 6. September, der ein Sonntag war, trifft auf das Jahr 772 zu. Dieses Datum gilt für Füssen als Fixpunkt einer neuen Zeit. Zur Gründung eines Klosters war es nicht unter dem heiligen Magnus gekommen, sondern vermutlich erst unter Karl dem Großen. Dies geht auf die Bestrebungen des Kaisers zurück, überall in den Alpen entlang der Wege nach Rom Klöster entstehen zu lassen, die ihm auf seinen Zügen nach Rom sicheres Quartier bieten würden. Doch erst in der Zeit der Augsburger Bischöfe Nidker, Udalmann und Lanto, die für die Zeit von 830 bis 840 bezeugt sind, kam es in Füssen zum Bau eines Klosters.

Man übergab es dem Orden des heiligen Benedikt und weihte es auf den Namen des schon vor sieben Jahrzehnten Verstorben: St. Mang. Ab hier kann man den letzten Kapiteln der Legende folgen: Das Grab des Magnus, dessen Lage bekannt war, wurde geöffnet. Die sterblichen Überreste, Teile des Gewandes und der Wanderstab wurden in einer Zeremonie in der Kirche des neuen Klosters erneut beigesetzt.

Wenn dieses Grab in späterer Zeit als verschollen galt und zwei der großen Äbte von St. Mang, Johannes Hess (1458 – 1480) und Martin Stempfle (1614 – 1661) vergeblich danach suchen ließen, so hatte dies mehrere Gründe. Zum einen gab es in der Geschichte des Klosters durchaus dunkle, durch keine Dokumente mehr zu erhellende Abschnitte. Zum anderen hatte sich die bauliche Gestalt des Klosters im Laufe der Jahrhunderte dermaßen verändert, dass ohne die Kenntnisse um die Baugeschichte (die eine sehr junge Disziplin ist) es schlichtweg unmöglich war, fündig zu werden. Erst in den 1960er Jahren ist es dem St. Mang-Forscher Paul Mertin geglückt, Licht in das Rätsel des Magnusgrabes zu bringen.

Mit seinen Ausgrabungen in St. Mang, gelang Mertin der archäologische Nachweis, dass rund um den barocken Brunnenhof, den Nachfolger des alten Kreuzganghofes, das Zentrum des karolingischen Klosters lag. Daneben wies er nach, dass das Kloster trotz seiner extremen Hanglage und den gravierenden Höhenunterschieden seiner Bauten dem Idealplan eines benediktinischen Klosters, dem „St. Gallener Klosterplan“, entsprach. Dem Plan gemäß lagen die Räume der Klausur an einem möglichst quadratischen Hof, den ein offener Gang, der Kreuzgang, als kürzeste Verbindung zwischen den Räumen begleitete.

Lage und Funktion aller Räume waren vorgegeben. So sollte die Klosterkirche im Norden des Kreuzganges liegen. Unabhängig davon, dass die Annakapelle diese Bedingung erfüllte, konnte Paul Mertin beweisen, dass sie mit ihrem ungewöhnlich schmalen Grundriss den Saalbauten der karolingischen Epoche entsprach. Seither ist unumstößlich, dass die Annakapelle, ursprünglich der Maria geweiht, die erste, mit ihren Umfassungsmauern bis auf den heutigen Tag erhaltene Klosterkirche von St. Mang war. Und dass in dem eng bemessenen Raum das Grab des heiligen Magnus zu finden sei.

Die Krypta von St. Mang 

Obwohl im 19. Jahrhundert für die Familie Mahlsen – Ponickau unter der Annakapelle eine Gruft eingebaut und damit wertvollster archäologischer Boden zerstört wurde, blieb wie durch ein Wunder unter dem Altar eine massive, bislang unzugängliche Bruchsteinstruktur erhalten, also genau in jenem Bereich, in dem nach altem Herkommen Krypten und Heiligengräber lagen.

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Thesen, seien sie auch noch so falsch, nur lange genug nachgeplappert, fast unausrottbar sind. Seit der Öffnung der Krypta 1838 wurde ein wahrer Berg von Irrtümern und Halbwissen angehäuft. So ist es auch den letzten Bearbeitern der Krypta 1994 schlichtweg entgangen, dass die wesentlichen Mauerzüge aus einer Zeit stammen, in der eine Basilika noch nicht existierte.

Es war in Wahrheit wohl so, dass auch nach dem Bau einer dreischiffigen Basilika und der Überformung der Krypta der Konvent von St. Mang keinen Anlass sah, das bestehende Magnusgrab zu ändern. Man übertrug zwar in die Krypta der neuen Kirche sogenannte Berührungsreliquien aus dem Magnusgrab, doch verbot der benediktinische Grundsatz der „stabilitas loci“, dem Verharren an dem als richtig erkannten Ort, die Beseitigung des Magnusgrabes.

Sinnvolle Strukturen

Das Festhalten am Hergebrachten fiel auch deshalb nicht schwer, weil sich die bestehenden baulichen Strukturen über Generationen sehr sinnvoll entwickelt hatten – als logische Folge der Bedürfnisse des Klosterlebens einerseits und den Notwendigkeiten einer blühenden Wallfahrt zum Magnusgrab andererseits. Diese Strukturen ermöglichten es, den Ablauf der täglichen Rituale, besonders die der Chorgebete vom Ansturm der Wallfahrer zu trennen. Während die Kirche höhengleich angebunden an den Kreuzgang lag, hat man sich das Magnusgrab in einer Krypta, also in dem Bereich unter dem Altar der Kirche mit dem Zugang vom Niveau des heutigen Klosterhofes vorzustellen. Es ist davon auszugehen, dass sich das Magnusgrab auch heute noch am gleichen Ort befindet, an dem es in der Zeit um das Jahr 940 angelegt worden war, unter dem Chorraum der ersten Kirche des Klosters St. Mang, der heutigen Annakapelle.

Es wäre heute ein Leichtes, mit den technischen Mitteln unserer Zeit eine schonende Untersuchung anzustellen. Dazu bedürfte es einer dem benediktinischen Geist verwandten, intellektuellen Kraft. Die aber scheint in unseren Tagen verloren gegangen zu sein.

Magnus Peresson

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