Aufwändige Rettungsaktion

Ein Großeinsatz der Rettungskräfte war am Freitagnachmittag, 12. August 2011, an der Tegelbergbahn in Schwangau nötig. Insgesamt 50 Menschen saßen in zwei Gondeln fest, eine davon über felsigem, unwegsamem Gelände (Foto).

Es sollte die bisher größte Rettungsaktion im Ostallgäu werden, die am Freitagnachmittag gegen 17 Uhr anlief. Nach Polizeiangaben waren über 250 Rettungskräfte von Bergwacht, Rotem Kreuz, Feuerwehr und Technischem Hilfswerk sowie der Polizei aus dem gesamten südlichen Ostallgäu, dem Oberallgäu und sogar aus Oberbayern im Einsatz. Begonnen hatte das Drama, in dessen Verlauf 20 Menschen fast 19 Stunden lang in einer der Kabinen der Tegelbergbahn ausharren mussten, kurz nach Freitagmittag, als ein Gleitschirmflieger in die Seile knallte.

Die Erleichterung war den Fahrgästen, darunter auch zwei vierjährige Kinder, anzusehen, als sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Mehr als 18 Stunden und die gesamte Nacht hindurch mussten die 20 Menschen auf rund zwölf Quadratmetern Fläche auf die Rettung warten. Am Samstagmorgen gegen acht Uhr brachten die Polizeihubschrauber die letzten Eingeschlossenen zurück ins Tal. Alles verlief reibungslos, so Roland Ampenberger, Sprecher der Bergwacht anschließend. Gleitschirm rammt Seile Doch der Reihe nach: Das Bergdrama beginnt am Freitagnachmittag kurz nach 13 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt sind mehr als 200 Menschen auf dem Tegelberg, darunter auch Senioren und viele kleine Kinder. Weitere 30 fahren gerade mit der Bahn nach oben, während 19 Fahrgäste in der talwärts fahrenden Kabine sind. Am Berg startet ein Tandemgleitschirm, der gleich nach dem Abheben in die Seile der Bahn kracht. Es kommt zu einer Notabschaltung bei der Tegelbergbahn, sofort werden beide Kabinen angehalten. Bei dem Absturz bleibt der Pilot unverletzt. Er wird, wie auch sein Mitflieger, mit einem Seilfahrgerät gerettet und gegen 15 Uhr ins Krankenhaus nach Füssen geflogen. Evakuierung läuft Durch den Aufprall kommt es aber zu einem Seilüberschlag. Die Stahlkabel der Bergbahn, Rettungs-, Zug- und Tragseil werden ineinander verwickelt, die Kevlarseile des Gleitschirms ziehen die Seile auf einer Länge von 30 Metern noch weiter zusammen. Später spricht die Bergwacht von einem gordischen Knoten, den man zunächst zu lösen versucht. Gegen 16 Uhr beginnen die ersten der rund 200 auf dem Berg verbliebenen Ausflügler und Wanderer, auf eigene Faust über die Skiabfahrt zur Rohrkopfhütte und dann weiter auf dem Schutzengelweg abzusteigen. Etwa um diese Zeit beginnen auch die Evakuierungsmaßnahmen anzulaufen, als klar wird, dass die Bergbahn so schnell nicht mehr angefahren werden kann. Ab 16.30 Uhr landen die ersten Rettungshubschrauber auf der Wiese am Sportplatz Schwangau, das Rote Kreuz baut eine Leitstelle auf und die Bergwacht bereitet sich auf den Einsatz vor. Neben den 50 Menschen in den beiden Kabinen müssen, so gibt die Polizei am Samstag bekannt, 132 Menschen vom Berg geflogen werden. Auf Hochtouren läuft jetzt auch die Evakuierung, immer wieder bringen die Hubschrauber Menschen ins Tal. Bergretter befinden sich an der unteren der beiden Kabinen (70 Meter über Grund) und lassen die Menschen am Seil auf den Boden ab, von wo sie mit Quads ins Camp am Sportplatz gebracht und betreut werden. Dass der Versuch, die Menschen aus der oberen, bergwärtigen Gondel zu retten, aufgrund der heftigen Winde abgebrochen wurde, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand. Erst am Samstag wird auch bekannt, dass der Puma-Hubschrauber der Bundespolizei aufgrund der starken Winde am Gipfel zeitweise nicht mehr abheben kann. Versorgung für die Nacht Um 22 Uhr gibt es eine erste offizielle Pressekonferenz für die Medienvertreter. Dabei bestätigt Oberkommissar Michael Hämmerle, dass noch immer alle 20 Menschen in der oberen Gondel eingeschlossen sind. Man stehe über Funk und Telefon in Kontakt mit ihnen. Die Stimmung sei gut, so Hämmerle, die Menschen wüssten um die Situation und seien auch darauf vorbereitet, notfalls die Nacht in der Gondel zu verbringen. Allerdings arbeite man daran, sie noch am Abend zu befreien, starker Wind und Dunkelheit verhindern das jedoch. Kurz nach Mitternacht gibt Roland Ampenberger von der Bergwacht bekannt, dass man den Versuch, die Seilbahn wieder flott zu machen, ebenfalls aufgegeben habe. Nun soll eine kleine Gruppe von Bergrettern Decken, Verpflegung und Spielzeug für die Kinder über das Tragseil in die Kabine bringen. Ein Bergwachtmann wird in der Kabine bleiben, weitere, sowie ein Notarzt übernachten auf der Stütze oberhalb der Kabine. Gegen Dreiviertel fünf Uhr landet der erste von drei Eurocoptern der bayerischen Polizeifliegerstaffel. Die Flugbedingungen sind günstig und nach einer Lagebesprechung starten die Helikopter um sechs Uhr zur Rettungsaktion. Im Wechsel fliegen die Piloten an die Gondel heran, ein Bergretter wird abgeseilt und zusammen mit einem Fahrgast mit Hilfe der Winde in den Hubschrauber geholt. Mal kann eine ganze Familie, mal nur eine oder zwei Personen ins Tal geflogen werden. Dort werden die in weiße Overalls gehüllten Geretteten vom Roten Kreuz in Empfang genommen, untersucht und vom Kriseninterventionsdienst betreut. Was bislang niemand wusste, auch in der unteren Gondel musste ein Mann ausharren. Am Vorabend war entschieden worden, den Kabinenführer für den Fall, dass die Bahn wieder anfahren kann, in der Gondel zu lassen. Auch er, eine Aushilfe, kommt jetzt ins Tal. Nur abwechselnd sitzen Die Stimmung in der Kabine sei sehr gut gewesen, die ganze Nacht hindurch, berichtet der Bergwachtmann Ampenberger. Abwechselnd hätten die Eingeschlossenen Sitzen können, ein Luke im Boden diente als Toilette. Die Kabinen sind im Sommerbetrieb für 40 Personen ausgelegt, im Schnitt fahre man mit 36 Gästen auf den Berg, so Tegelbergbahnbetreiber Franz Bucher. Gegen acht Uhr am Samstagmorgen schließlich landen die letzten Fahrgäste aus der Gondel am Sportplatz, nach über 18 Stunden. Als allerletzter hat der Seilbahnführer, ein Bereitschaftspolizist aus Füssen, die Gondel verlassen und landet mit dem gesamten Material der Bergwacht. Ihm sei es auch zu verdanken, dass die Menschen in der engen Kabine so ruhig geblieben seien, lässt Ampenberger verlauten. Er kümmerte sich um die Fahrgäste und hält den Kontakt zum Boden. Bei diesem größten Sicherheitsereignis im Ostallgäu, so Ralf Kinkel, Abteilungsleiter Sicherheit am Landratsamt, hat alles reibungslos funktioniert. 182 Menschen wurden mit Hubschraubern gerettet, davon allein 50 aus den Seilbahnkabinen. Bewährt habe sich vor allem auch die Örtliche Einsatzleitung in Person von Andreas Allgaier vom BRK in Pfronten, der die Koordinierung der verschiedenen Rettungsdienste übernommen hatte, erklärte Kinkel.

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