Rendezvous ohne Grenzen

„Outside In“, ein Tanz-Film mit sechs Tänzern der CandoCo Dance Company aus England eröffnete das internationale Kurzfilmfestival in Füssen und Reutte. David Toole (Mitte), der Tänzer ohne Beine, war jahrlanges Mitglied der Company. Foto: privat

Füssen/Reutte – Ein Rendez-Vous war kürzlich das Kurzfilmfestival in Füssen und Reutte auf jeden Fall. Hier lernten sich „Menschen mit Handicap“, Filmemacher und sogenannte normale Menschen kennen. Nicht nur die internationalen Filme überraschten, schon auch die Moderation von Alex Oberholzer.

Der Filmjournalist, der im Rollstuhl sitzt und nur eine Hand hat, ließ die Zuschauer im fast vollen Füssener Kinosaal nachdenken. Kurz erklärte er, dass diese Filme beim letzten internationalen „Look & Roll“-Kurzfilmfestival in Basel aufgeführt worden seien, das alle zwei Jahre stattfindet und sich ausschließlich mit Filmen über Menschen mit Behinderung auseinandersetze. Er informierte, dass Veronika Raila, über die der letzte Film der ersten Klappe handelte, erst im Anschluss mit ihrer Mutter und ihrem Regisseur Mark Michel hereinkommen würde und dem Publikum Rede und Antwort stünde. Veronika Raila, das Sandmädchen, wie sie sich selbst in ihrem Buch beschreibt, ist schwerstbehindert und Autistin. Autisten ertragen nur schwer viele Menschen um sich, daher ihre Anwesenheit erst in der Pause. Viele E-Mails seien verschickt worden, in denen sich der Regisseur und seine Hauptdarstellerin kennenlernten, bevor der Film gedreht wurde. „Nein, ein Drehbuch hat es nicht gegeben“, erst Veronikas Sandmädchen-Geschichte habe ihn auf die Idee gebracht, den Film mit Sandmalerei einzuleiten, während aus Railas Buch „Sprachlos wortreich“ zitiert wird: „… Baby war aus Sand, grobkörnigem Sand, konnte man nicht anfassen…“.

Probleme mit zu vielen Menschen

Die knapp 22-Jährige stellte sich auch mit Humor den Fragen der Zuschauer. Auch wenn es aussah, als führe ihre Mutter Petra die Hand an der Tastatur, so ist sie nur die Halterin, die Impulsgeberin, damit ihre Tochter mit unglaublicher Geschwindigkeit die Tasten drücken kann und so nicht nur kommuniziert, sondern auch poetische Geschichten schreibt und ihr Studium der „Neuen Deutschen Literatur“ in Augsburg absolviert. 

Am Nachmittag des zweiten Festivaltags in Reutte erzählte Sandra Schneebeli im Lehrer-Workshop über ihren schwierigen Schulalltag mit dem Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus. Schwierig deshalb, weil „Assis“ Probleme im sozialen Umgang haben, können sie doch weder Emotionen im Gesicht, noch Ironie in der Sprache erkennen. Auch zu viel von allem – Menschen, Informationsschilder, Geräusche – bringen sie aus dem Konzept. Die Matura hat sie erfolgreich abgeschlossen und studiert jetzt Biologie. Mittlerweile seien die Abläufe an der Uni fast schon Routine, so dass sie sich meist ganz gut zu Recht fände. Eine Studentin sei ihr zur Seite gestellt worden und habe sie durch die Wirren des Uni-Alltags am Anfang gebracht. Jetzt, im Blockpraktikum ginge es schon deshalb gut, weil sie mit wenigen Menschen eine Aufgabe lösen müsse – am besten geht es zu Zweit – das mache ihr viel Spaß. Nein, Angst vor der Zukunft habe sie keine, so Schneebeli, sie mache sich darüber auch keine Gedanken, das Studium sei jetzt erst einmal zu bewältigen. Schritt für Schritt. 

Alle Filme wurden in Originalsprache mit deutschen und französischen Untertiteln vorgeführt. Das Publikum hatte zudem die Möglichkeit, sich per Kopfhörer die Szenen beschreiben zu lassen. Vorwiegend Dokumentarfilme wur-den gezeigt, die einfühlsam, aufrüttelnd, zart, überraschend, humor- und phantasievoll erzählt wurden - Filmische Geschichten, Gedanken und Erlebnisse, die berührten, vielleicht auch erstaunten und zuweilen erschreckten. Die Filme handelten von Menschen, deren Behinderungen so unterschiedlich sind, wie die Menschheit selbst: Menschen im Rollstuhl, Menschen ohne Beine, mit Down-Syndrom, eine junge Frau mit einer Beinprothese, die eines Tages mit dem falschen Fuß aufsteht. Oder die Geschichte der Frau, deren Namen man in Seaside/Florida kennt, sie aber nie gesehen hat, weil sie ihr Bett nicht verlassen kann, oder die Hörgeschädigten, die 2046 Dank medizinischem Fortschritt ausgestorben sein werden, damit aber eine kulturelle Lücke in der Gesellschaft hinterlassen. Die qualitativ hochwertigen Filme zogen auch das Publikum im ausverkauften Konzertsaal in Reutte in seinen Bann.jl

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