Burkhard Spinnen liest aus seinem Buch "Die letzte Fassade – Wie meine Mutter dement wurde"

Katastrophe und Normalität

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Burkhard Spinnen (links) ist beim Signieren in der Füssener Stadtbücherei Ansprechpartner für Fragen zu der Volkskrankheit Alzheimer-Demenz.

Füssen – Nein, einen Ratgeber habe er nicht verfasst, so Burkhard Spinnen über seinen Bericht „Die letzte Fassade – Wie meine Mutter dement wurde“. „Erkrankungen bis zur Demenz verlaufen individuell. Da kann und sollte man keine guten Tipps geben“, erklärte er vor einem überschaubaren Zuhörerkreis in der Orangerie.

Dank Profi-Sprecher Martin Harbauer verwandelt sich die Orangerie in schöner Regelmäßigkeit zu einem Platz, an dem das Publikum, das sich für Belletristik interessiert, Werke der besten, inzwischen längst toten Dichter von Weltruf kennen lernt.

Anders geartet war die Lesung Spinnens. Vorgetragen wurde ein sich auf Fakten stützender Bericht. Sein meist tabuisiertes Thema: die Stadien einer Erkrankung. „Meine Mutter verlor ihr Gedächtnis und musste von mir deshalb ins Seniorenheim eingewiesen werden“, so Spinnen.

Für seine Romanen und Erzählungen wurde Spinnen seit 1991 literarischer Ruhm zuteil. Das Thema „Demenz“ hatte der Autor zuerst als Rundfunkbeitrag behandelt. Sein Glück: Ein Lektor war unter den Zuhörern der Sendung. „Der Verlag Herder kam auf mich zu und wünschte sich, diesen Stoff ausgearbeitet für ein Buch“, berichtete Spinnen auf Nachfrage des Kreisbote.

„Das Leben meiner Mutter und meines sind weder Komödie noch Trauerspiel, sondern“, so der Autor in schonungsloser Offenheit, „eine Mischung aus Katastrophe und Normalität.“ Das könnte auch das Schweigen nach seiner Lesung erklärt haben.

Das neue Buch ist kein typischer Roman wie zum Beispiel „Dicker Mann am Meer“, für den Burkhard Spinnen den „Aspekte-Literaturpreis“ erhalten hatte. Der Bericht sei so geschrieben, wie er die Krankengeschichte der Mutter dem früh verstorbenen Vater erzählen würde.

Überforderter Sohn 

Zur großen Verzweiflung des Verfassers, der Protokoll führte, gelang es seiner Mutter – vor allem gegenüber Ärzten in der Notaufnahme – die Fassade aufrecht zu erhalten. Der sich sorgende, oft überforderte Sohn, sieht sich bald dem Verdacht ausgesetzt, er wolle seine auf ein gepflegtes Äußeres achtende Mutter abschieben.

Deutlich im Bericht herausgearbeitet werden die durch räumliche Entfernung entstehenden Belastungen und die „Machtkämpfe“ bei den Besuchen. Notwendige Dinge telefonisch zu regeln, ist – wie Beispiele deutlich machen – zum Scheitern verurteilt. Vereinbartes gerät sofort in Vergessenheit. „Dass niemand eine Frage stellt, habe ich auf der Lesereise noch nicht erlebt“, kommentierte er das Verhalten im Saal, als er das Buch zu Seite gelegt hatte. Es dauerte lange, bis sich die Auseinandersetzung mit den vorgetragenen Buchpassagen entwickelte.

Ansonsten wäre direkt beim Büchertisch mit den ausgewählten aktuellen Titeln über die Demenz die Signierstunde gefolgt. Dabei kam es zu Vier-Augen-Gesprächen mit dem Autor, der – wie er sagt – „keinen Ratgeber“ verfasst habe.

Vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK), das vom Seniorinnenbeirat unter Leitung von Ilona Deckwerth und auch von der Stadtverwaltung unterstützt wurde, war Burkhard Spinnen gewonnen worden, „Die letzte Fassade – Wie meine Mutter dement wurde“ vorzustellen. Burkhard Spinnen hat den neuen Stoff aus der eigenen, keinesfalls schon abgeschlossenen Familiengeschichte nicht literarisiert.

Gerade die schmucklose, präzise Beschreibung wirkt wie ein Wachrütteln. Zwei Reaktionen stehen zur Wahl: weiterhin flüchten und verdrängen, dass Demenz in einer Gesellschaft, die immer mehr altert, zum Familienalltag gehört – oder sich sehr frühzeitig damit auseinandersetzen. Dazu gehört – Burkhard Spinnen schildert es – persönlicher Mut.

Chris Friedrich

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